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24 Juni, 2012 - 10:18
 

Männliche Erzieher: Verzweifelt gesucht

Die Lage ist ernst, so viel scheint sicher. Wenn Ursula von der Leyen bereits mit dem Gedanken spielt, Hartz-IV-Empfänger zu Erziehern umzufunktionieren, muss es deutlich mehr Bedarf an Erziehern geben, als tatsächlich zur Verfügung stehen. Besonders Männer finden sich im Beruf des Erziehers eher selten. Wollen Sie nicht? Oder gibt es zu wenig Anreize, sich zum Erzieher ausbilden zu lassen?

© aldegonde le compte - Fotolia.com

Es war ein einfaches Parteimitglied der „Linken“, das kürzlich für allgemeine Erheiterung sorgte. Er wolle für den Vorsitz seiner Partei kandidieren, so war es in den Medien nachzulesen. Die Reaktionen waren teils nachsichtig, teils böse, die Quintessenz lautete, dass es sich bei dem Vorhaben wohl nur um „Politclownerie“ handelt könne. So überrascht es auch nicht, dass das Parteimitglied nicht gewählt wurde. Keinerlei Erfahrung, das konnte nichts werden. Fast zeitgleich äußerte die Bundesarbeitsministerin einen Vorschlag, der ähnlich amüsante Reaktionen zur Folge hätten haben können, vielleicht sogar müssen. Sie schlug vor, rund 5.000 Hartz-IV-Empfänger zu Erziehern auszubilden, um die eigenen politischen Versprechen einhalten zu können. Doch niemand lachte.

 

Von Pizzaboten und Erziehern

Woran mag es liegen, dass sich niemand darüber amüsierte oder gar ärgerte, als von der Leyen eine Idee äußerte, die dem Beruf des Erziehers kaum gerecht wird? Man könnte auf andere Meldungen verweisen, die als Grund dafür herhalten können. Es gibt aber auch Stimmen, die bemängeln, dass der Beruf des Erziehers gesellschaftlich nicht mehr Anerkennung erfährt, als der eines Pizzaboten. Verwundern kann das nicht, wenn man bedenkt, dass die Kernkompetenzen von Erziehern – in der Regel also Erzieherinnen - im Allgemeinen auf das Ziehen von Bollerwagen oder ein bisschen Spielen am Tisch oder im Garten reduziert werden. Und ein bisschen Basteln kann doch auch jeder. Solange das Bild von Erziehern und anderen sozialen Berufen in der Gesellschaft so ist wie es ist, wird es schwer, Nachwuchs zu motivieren. Auch und gerade männlichen Nachwuchs, der so dringend gebraucht wird.

 

Auf die Kinder – Fertig – Los!

In den letzten Jahren zeichnet sich ein Trend ab, der normalerweise zu Empörungsstürmen führen müsste. Nicht nur in Kindergärten und Krippen, auch in Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen für behinderte Menschen werden immer mehr unqualifizierte Kräfte eingesetzt. Während man zur Bedienung einer Maschine, zum Fahren eines Gabelstaplers oder als Manager zunächst einmal umfangreiche Aus- und Weiterbildungen durchlaufen muss, scheint das für die Betreuung von Menschen nicht zu gelten. Hier kann sich jeder einmal ausprobieren, und wenn es nicht funktioniert, macht man eben etwas anderes. Ganz sicher hat allein der Zivildienst (den es in der ursprünglichen Form nicht mehr gibt) zahlreiche Naturtalente zutage gefördert, die nach dem Ersatzdienst eine Erzieherausbildung absolviert haben. Dennoch sind solche Naturtalente erstens selten. Und zweitens denken gerade Männer ein- bis zweimal mehr darüber nach, ob sie in einem Beruf arbeiten wollen, dem kaum gesellschaftliche und politische Anerkennung zuteil wird.

 

Erziehung aus Berufung?

In den vergangenen Jahrzehnten waren es vornehmlich Frauen, die sich für den Beruf der Erzieherin entschieden haben. Oft waren es die Liebe zum Beruf und das Gefühl, sich berufen zu fühlen, sich für Kinder oder auch für ältere und behinderte Menschen oder Pflegebedürftige einzusetzen. Männer folgen traditionell etwas anderen Motivationen. Für sie stellt sich bei der Berufswahl immer auch die Frage nach den Aufstiegsmöglichkeiten, nach dem Verdienst und nicht zuletzt der gesellschaftlichen Anerkennung. Und dieser Trend hat sich auch auf Frauen übertragen. Sie denken heutzutage mehr an die Karriere, an Perspektiven und daran, wie sie gesellschaftlich wahrgenommen werden. Genau diese Faktoren sprechen gegen den Beruf des Erziehers. Oder vielmehr gegen die Stellung innerhalb der Gesellschaft. Die Verdienstmöglichkeiten sind im Vergleich zum betriebenen Aufwand mehr als übersichtlich. Die Aufstiegschancen halten sich in engen Grenzen. Und Erzieher genießen in der Gesellschaft kaum Ansehen. Junge Menschen denken schon darüber nach, ob sie einen Beruf erlernen wollen, in dem sie später als „Bastel-Heini“ oder „Mal-Tante“ bezeichnet werden.

 

Nackte Zahlen, bittere Erkenntnisse

Die demografische Entwicklung ist schon seit vielen Jahren bekannt. Genau wie die Tatsache, was für Konsequenzen sich daraus ergeben. Immer weniger Menschen müssen für die Betreuung und Versorgung von Menschen aufkommen. Das demografische Ungleichgewicht reißt nicht nur Löcher in die Sozialkassen. Es wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus. Das Bundesfamilienministerium kennt die Zahlen, äußert sie aber eher still und leise. Schon heute fehlen rund 14.000 Erzieher und 16.000 Tagesmütter. Noch dramatischer sieht es in der Pflege aus. Hier fehlen mehr als 50.000 qualifizierte Kräfte. In den nächsten Jahren wird sich dieser Trend fortsetzen, Besserung ist also nicht in Sicht. Und das, obwohl schon jetzt allein in der Pflege nur noch 56 Prozent derer, die den Job machen, eine Ausbildung haben.

 

Handlungsbedarf

Solange die Gehälter so gering sind, die Aufstiegschancen kaum vorhanden und die gesellschaftliche Anerkennung nicht gegeben ist, werden kaum Männer die Entscheidung treffen, eine Ausbildung zum Erzieher zu machen. Immer mehr trifft das auch auf Frauen zu, die unter der allgemeinen Geringschätzung leiden und sich im Zweifel lieber für einen anderen Beruf entscheiden. Es gibt zwar Männer, die sich für den Beruf des Erziehers oder andere, vermeintliche typische Frauenberufe entscheiden (mehr dazu unter http://www.vaterfreuden.de/geld-und-karriere/job/mein-papa-ist-kinderg%C3%A4rtnerin-%E2%80%93-v%C3%A4ter-in-klassischen-frauenberufen). Doch es sind längst nicht genug. Selbst wenn die Anerkennung des Erzieherberufs in Zukunft wächst, bleibt die Situation brisant. Dabei geht es um einen Beruf, der in Zukunft noch erheblich an Bedeutung gewinnen wird. Es bleibt zu hoffen, dass das Bild sich wandelt.
 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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