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1 Juli, 2014 - 12:47
 

Wie kinderfreundlich ist Deutschland? Erfahrungen aus dem Alltag

Kinder sind etwas Wunderbares. Einzigartig, faszinierend. Besonders wenn sie möglichst weit weg sind. Denn Kinder machen schließlich auch Lärm, schreien und sind insgesamt eigentlich eher Störfaktoren. Was stimmt denn nun eigentlich? Und wie kinderfreundlich ist Deutschland wirklich? Ein Blick auf alltägliche Situationen gibt Auskunft.

© Svetlana Fedoseeva - Fotolia.com

Deutschlands Frauen lieben Kinder, so viel ist sicher. Immerhin haben im Jahr 2010 so viele deutsche Frauen Kinder zur Welt gebracht wie seit dem Jahr 1990 nicht mehr. Die Tatsache, dass das durchschnittliche Alter von Frauen bei ihrem ersten Kind mit 30 Jahren deutlich höher liegt als im Jahr 1990 (damals lag der Schnitt bei 23 Jahren), dürfte nicht unbedingt eine schlechte Nachricht sein. Frauen mit ein wenig mehr Lebenserfahrung haben es leichter, Kinder zu erziehen. Die Frage ist, ob es ihnen ihre Umwelt auch leicht macht. Meine eigenen Erfahrungen reichen von „Oh, der ist aber niedlich“ bis hin zu „Sorgen Sie mal dafür, dass Ihr Kind sich benimmt!“

 

Auf dem Dorf ist alles anders

Ich kenne nicht alle Dörfer der Welt, daher kann ich mir kein abschließendes Urteil erlauben. Aber ich kann sagen, dass wir Glück hatten. Wir sind aus Hamburg weggezogen, als unser Sohn 4 Jahre alt war. Bis dahin lebten wir einem Stadtteil, der nicht unbedingt für seine Kinderfreundlichkeit berühmt war. Allerdings zeigte sich dort auch, wie schnell Vorurteile entstehen, denn im besagten Stadtteil hatte unser Sohn es gut. Es gab viele andere Familien mit Kindern, es gab viele alte Leute, Singles und Ausländer. Entgegen dem Image der Menschen in diesem Stadtteil war aber nahezu niemand von ihnen kinderfeindlich eingestellt. Im Gegenteil. Wir sind also nicht weggezogen, weil die Menschen uns das Leben als Familie so schwer machten. Wir wollten einfach, dass unser Sohn im Grünen aufwächst. Daher zogen wir an den Stadtrand von Hamburg. Dort war es noch viel schöner. Aus unterschiedlichen Gründen, aber auch, weil dort Kinder zum täglichen Bild gehören. Man merkt es einfach, wenn Menschen seit Generationen von Kindern umgeben sind. Sie stören sich weniger daran, dass Kinder auch Geräusche von sich geben, die zuweilen etwas lauter sind. So gesehen könnte ich jetzt sagen: wunderbar, schön, schön. Deutschland ist kinderfreundlich, alles im grünen Bereich. So einfach ist es dann aber leider doch nicht.

 

Ich will, ich will, ich will!

Das folgende Beispiel ist vielleicht nicht optimal, um darüber zu urteilen, ob wir in einem kinderfeindlichen Land leben oder nicht. Es war beim Einkaufen. Unser Sohn war in der Phase, die wohl fast jeder kennt, der Kinder hat. Er neigte dazu, die Grenzen auszutesten, indem er sich schreiend auf den Boden warf und wie verrückt mit den Fäusten trommelte. Sinn und Zweck der Übung war natürlich, die Machtpositionen zu überprüfen. Würde er also mit seiner eigenwilligen Methode Erfolg haben, wäre das der Startschuss dafür, sie regelmäßig anzuwenden. Falls nicht, mussten andere Lösungen her. Wir entschieden uns gegen diese Form der Verhandlungen und legten die geforderte Kinderschokolade nicht in den Einkaufswagen. Die Reaktionen der anderen Kunden waren eindrucksvoll. Einige lächelten, es sah so aus, als hätten sie all das schon hinter sich und fühlten ein wenig mit uns. Andere bedachten uns mit bösen Blicken, wir waren offenbar Rabeneltern, die ihr Kind leiden ließen. Eine ältere Dame sprach das dann auch aus: „Was sind Sie nur für Eltern! Nun tun Sie doch etwas, damit Ihr Sohn aufhört zu weinen!“

Die Dame war wohl eher eltern- als kinderfeindlich. Oder unwissend. Aber immerhin: Sie ergriff Partei für den „armen Jungen“. In anderen Situationen kann das ganz anders aussehen.

 

Her mit den gut erzogenen Kindern!

Ich erwähnte es bereits: Kinder sind etwas Wundervolles. Das sah auch ein Café-Betreiber so, der Kinder ausdrücklich einlud, mit ihren Eltern gemeinsam in seiner Lokalität eine schöne Zeit zu verbringen. Ein Schild vor dem Café wies allerdings darauf hin, dass nur „gut erzogene“ Kinder Zutritt hätten. Die Eltern mussten also erst einmal ihre Hausaufgaben machen. Und die begannen damit, dass sie sich die Frage beantworten mussten, was ein gut erzogenes Kind eigentlich ausmacht.

Zwei Busfahrer zeigten ebenfalls, was sie von Kindern in Ihren Fahrzeugen hielten. Der eine warf eine Mutter kurzerhand hinaus, weil die Windel ihres Kindes stank. Der andere störte sich am Lärm zweier Kinder, die offenbar zu gute Laune hatten. Auch sie mussten aussteigen.

Auch der Umzug von Wohnung A zu Wohnung B ist oft schwierig, weil Wohnung B lieber an Paare mit Hunden als an Familien mit Kindern vermietet wird. Es könnte ja Ärger mit den Nachbarn geben. Die Fluggesellschaften bieten zwar auch Reisen für Familien an, auf die es Ermäßigungen gibt. Allerdings meist nur für zwei Kinder. Paare, die mehr als zwei Kinder haben, kommen offensichtlich nicht so gut an.

 

Wir brauchen Kinder

Ich glaube nicht, dass man generell sagen kann, Deutschland sei besonders kinderfreundlich oder kinderfeindlich. Es kommt immer auf die Einzelfälle an, auf die Rahmenbedingungen und die Menschen, die Kindern offen oder weniger offen begegnen. Eines aber scheint mir doch absehbar. Durch die Tatsache, dass immer weniger Kinder in die Welt gesetzt werden, wird der Umgang mit ihnen verlernt. Und das kann im schlimmsten Fall zu Kinderfeindlichkeit führen. Hoffen wir also, dass sich die Geburtenzahlen von 1990 und 2010 fortsetzen.

 

 

Der Autor:

Jörg Wellbrock, 44, arbeitet als freier Texter und Autor. Neben seinen  hauptberuflichen Texten verfasst er Satiren, Gedichte und  Kurzgeschichten Er tritt regelmäßig auf literarischen Lesungen auf.
Wellbrock ist geschieden und hat einen 15-jährigen Sohn.

 

Was denken sie? Wie sind Ihre Erfahrungen? Ist Deutschland doch kinderfreundlicher als sein Ruf? Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldungen.

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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