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16 Dezember, 2015 - 23:52
 

Ist Vaterentbehrung ein Luxusproblem?

Vaterentbehrung – wenn Kinder also keinen oder zu wenig Kontakt zu ihrem Vater haben – ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet. So sehr sich Mütter bemühen, können sie die Rolle des Vaters allein nie voll ausfüllen. Die Abwesenheit des Vaters prägt Kinder nachhaltig, denn es fehlt ein wichtiger Teil, den diese benötigen, um ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Jeannette Hagen hat ein Buch über Vaterentbehrung geschrieben – und darin auch ihre eigene Geschichte eingebracht.

© Miredi - Fotolia.com

Im Grunde ist meine Geschichte schnell erzählt. Mein leiblicher Vater machte sich aus dem Staub, noch bevor ich geboren war und möchte bis heute keinen Kontakt zu mir. Nie ein Brief, kein Weihnachtsgruß, keine Umarmung. Stattdessen auf meiner Seite immer nur das Gefühl, nicht gewollt zu sein und daraus resultierende psychische Folgen, die mich bis weit in mein Erwachsenenalter begleitet haben. Als meine Geschichte neulich in der Online-Ausgabe einer großen deutschen Tageszeitung erzählt wurde, tauchte in der Diskussion, die sich darüber entwickelte, mehrfach das Wort „Luxusproblem“ auf. Meist mit dem Beisatz, dass Vaterentbehrung doch wohl etwas sei, das viele kennen und da müsse man sich ja nicht so haben. Ich will dieses Argument aufgreifen, denn es beschreibt sehr treffend, warum Vaterentbehrung mit all den relevanten Folgen nach wie vor stattfindet, ja wir selbst immer wieder dafür sorgen, dass Kinder unter ihr leiden müssen.


Traurige Wahrheit

Vaterentbehrung ist Normalität. Aber es ist nicht nur das. Vielmehr zieht sich der Mangel an Väterlichkeit wie ein roter Faden durch alle Bereiche unseres Lebens und nur weil es schon so normal ist, meinen wir, dass man denen, die darunter leiden, nicht mehr zuhören müsste. Noch schlimmer, manche rufen es sogar als Idealzustand aus, seltsamerweise mit dem Argument, dass Kinder sich dann nicht so zerissen fühlen würden. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Taucht man erst einmal ein in die Materie, dann zeigt sich schnell, wie weitreichend die Folgen der Vaterentbehrung sind, wie viele Kinder und Erwachsene davon betroffen sind und wie schwer es heute selbst für Männer, die sich engagieren wollen, ist, Väterlichkeit wirklich zu leben.


Starker Vater – starke Kinder

 Ein präsenter Vater erfüllt in der Mutter-Vater-Kind-Triade mehrere Funktionen. Zum einen unterstützt er das Kind - welches sich, um als eigenständige Persönlichkeit zu reifen - aus der engen Bindung zur Mutter lösen muss, bei diesen Schritt. Jedes Kind schwankt zwischen dem Bedürfnis, die Einheit mit der Mutter aufrechtzuerhalten und dem Wunsch nach Autonomie hin und her. Es ist der Vater, der Mut macht, die Welt zu erobern. Jungen testen im Gerangel mit dem Vater ihre eigenen Grenzen.  Der Vater hilft ihnen, das, was wir als Gewissen bezeichnen, auszubilden. Mädchen spiegeln sich in ihren weiblichen Eigenschaften, wenn sie den Vater umgarnen. Gleichzeitig zeigt der Vater einem Mädchen, dass zu den Attributen wie Schönheit, brav und harmlos sein, auf jeden Fall noch der Wille, die Leistung und das sich behaupten gehören. Mädchen, die von einem liebevollen Vater ins Leben begleitet wurden, sind beruflich erfolgreicher und führen stabilere Beziehungen. Durch die Bestätigung und Rückmeldung des Vaters ist ein Mädchen im besten Fall in der Lage, ein ausgewogenes weibliches Selbstbild und vor allem auch ein positives Männerbild zu entwickeln. Fehlt diese Resonanz, dann bleibt an der Stelle eine Leere oder es entsteht eine verzerrte Identität, ebenso wie ein verzerrtes Männerbild entstehen kann, das maßgeblich durch das geprägt wird, was die Mutter vorlebt. Jungen haben, wenn der Vater die Symbiose mit der Mutter nicht auflöst, oftmals Schwierigkeiten, ihre männlichen Eigenschaften auszubilden. Ganz besonders, wenn sie kein anderes männliches Vorbild im Umfeld haben.


Trennungsalltag in Deutschland

All das ist wissenschaftlich belegt und doch scheint es, als würde es weder in der Politik, noch im alltäglichen Umgang mit dem Thema Trennung ausreichend berücksichtigt werden. Es ist eine erschreckend hohe Zahl: Tagtäglich werden so viele Kinder Opfer der Trennung ihrer Eltern, dass man ganze 18 Schulklassen damit füllen könnte. In den meisten Fällen bleiben die Kinder bei der Mutter, müssen also auf ihren Vater verzichten – manchmal sogar für immer. Der Status der alleinerziehenden Mutter wird von vielen glorifiziert. Dabei leiden nicht nur die Kinder, sondern auch die Mütter, die in der Regel zwangsläufig überfordert  sind, wenn sie eine Arbeit leisten, die eigentlich zwei Personen bewältigen sollten. Man kann einen Vater nicht dadurch ersetzen, dass er Geld überweist. Andererseits sollten sich auch alle Väter, die ihren Kindern den Rücken kehren, im Klaren darüber sein, dass ihr Verhalten Spuren hinterlassen wird. Kinder wollen von beiden Eltern geliebt werden. Bleibt die Liebe und Zuwendung von einer Seite aus, entsteht ein Mangel, der das Leben bis ins hohe Erwachsenenalter beeinflussen kann. Unsere Leistungs- und Konsumgesellschaft bietet zwar Möglichkeiten, um sich abzulenken, die Krux ist nur, dass sich dieser Mangel nicht von außen beheben lässt.


Wenn der Vater fehlt

Wenn ich zurückschaue, dann war die wohl prägendste Erfahrung für mich, dass ich nicht gewollt war. Dazu kam der Gedanke, ich selbst könnte schuld an diesem Umstand sein und die Scham darüber, dass alle einen Papa an ihrer Seite hatten, nur ich nicht. Ich fühlte mich nie richtig vollständig und spürte oft eine unendliche Sehnsucht nach einer tiefen Verbindung, nach einem Halt. Dazu kamen Selbstwertprobleme, die sich in vielerlei Hinsicht bemerkbar machten. Wenn ich also heute irgendwo lese, dass Väter per se entbehrlich wären, dass die Natur einzig allein die Mutter-Kind-Bindung für wichtig erachtet, dann frage ich mich immer, wie man zu solchen Schlüssen kommt. Ich sehe ein anderes Bild. Während meiner Recherchen zum Buch „Die verletzte Tochter“ habe ich mit vielen Menschen gesprochen. Sowohl mit Kindern, als auch mit Erwachsenen, die von Vaterentbehrung betroffen waren. Ein Punkt eint sie alle: eine tiefe Traurigkeit darüber, von einer Seite keinen Halt zu haben. Als Mensch nicht auf sicherem Boden zu stehen. Vaterentbehrung ist vieles, aber ganz bestimmt kein Luxusproblem. Und Vaterentbehrung müsste nicht sein, wenn wir akzeptieren würden, dass ein Kind von zwei Menschen gezeugt wird und beide braucht, um zu einer starken und reifen Persönlichkeit heranzuwachsen. Ganz besonders nach einer Trennung.

 


Zur Autorin:
Jeannette Hagen, Jahrgang 1967, ist freie Autorin und systemischer Coach.
Als Kind wollte sie die Welt verändern – ein Ideal, das sie auch heute noch bei
all ihren Projekten antreibt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in
Berlin (www.jeannette-hagen.de).
Bild: © Maja Meiners


Das Buch „Die verletzte Tochter“ ist im Scorpio-Verlag erschienen. Darin schreibt Jeannette Hagen über Vaterentbehrung und ihre Auswirkungen im Allgemeinen und über ihre persönliche Geschichte.

 

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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