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26 August, 2013 - 22:19
 

Betreuungsanspruch: Her mit den billigen Tageseltern!

Eigentlich war es absehbar. Es musste einfach Probleme geben. Seitdem die Bundesregierung einen Rechtsanspruch auf Betreuungsplätze für Kinder beschlossen hat, unken Kritiker, dass die Umsetzung problematisch werden könnte. Seit 1. August 2013 gibt es nun diesen Anspruch. Als Lösung für den daraus resultierenden Personalmangel sollen Tageseltern helfen, das Problem zu lösen. Doch der Plan ist schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. 

© Dron - Fotolia.com

Schon schwierig, wenn man einen Betreuungsanspruch für Kinder beschließt, aber nicht genügend Kitas und Personal zur Verfügung stehen. Doch beschlossen ist beschlossen, also müssen Lösungen gefunden werden. Tagesmütter (und hier und da auch Tagesväter) sollen nun also den Notstand bei den Betreuungsplätzen beheben. Was jedoch in dem Plan nicht berücksichtigt ist, sind Qualität und eine gerechte Bezahlung. Für die meisten Menschen lohnt die Tagesbetreuung nicht. 

 

 

Ausbildung mit heißer Nadel

 

Erzieher werden schon seit Jahren gesucht. Es gibt einfach zu wenig davon. Kein Wunder, die Belastungen sind hoch, die Arbeitszeiten (je nach Bereich) ungünstig und die Bezahlung regt auch nicht gerade dazu an, sich pädagogisch ausbilden zu lassen. Zudem hat die „Kindergarten-Tante“ ein Image, das ihrem Aufgabenbereich nicht gerecht wird. Männliche Erzieher sind sowieso Mangelware. Wenn denn schon zu wenig Erzieher auf dem Markt zur Verfügung stehen, müssen eben Tageseltern ausgebildet werden. Der Bund hat dafür einen Mindestumfang von 160 Stunden vorgesehen, einige Bundesländer legen noch 30 oder 40 Stunden drauf. Sind diese abgeleistet, können sich die Nachwuchserzieher ein Zertifikat an die Wand hängen und werden auf die Kinder „losgelassen“. Mit einer fundierten Ausbildung hat das freilich wenig zu tun, aber die Zeit drängt, das Personal wird jetzt benötigt, nicht erst in drei Jahren. Besser macht die vermeintlich ausreichende Zahl an Tageseltern die Sache aber dennoch nicht. Viele steigen schnell wieder aus oder geben den Plan schon Vorfeld auf. Denn es gibt neben der Qualifikation ein weiteres Problem. 

 

 

Bonbons für die Kinder, Hungerlöhne fürs Personal 

 

Andreas K. ist einer der wenigen Tagesväter, die sich an den Job herangetraut haben. Er liebt Kinder, außerdem konnte er so die Betreuung seiner Tochter mit dem Beruf verbinden. Dachte er. Um es gleich vorweg zu schicken: Andreas hat die Arbeit inzwischen wieder aufgegeben, weil sie sich einfach nicht rentierte. Bis zu fünf Kinder gleichzeitig darf er betreuen, zehn Verträge sind das Maximum, so sieht es der Gesetzgeber vor. Der Verdienst ist gesetzlich geregelt und liegt pro Kind und Stunde bei 3,50 Euro. Schon alleine deshalb haben sich viele professionelle Tageseltern nach und nach aus dem Job verabschiedet. Früher wurden die Konditionen zwischen Eltern und Pädagogen ausgehandelt, doch damit ist jetzt Schluss. In den Verdienst eingeschlossen sind Ausgaben für Materialien und Essen. Zieht man diese und die sonstigen Abgaben ab, bleiben rechnerisch rund 1,75 pro Stunde und Kind. Solange Andreas kontinuierlich fünf Kinder betreut hat, war es zwar finanziell knapp, aber es reichte so gerade eben zum Leben. Als er dann aber auch Phasen hatte, in denen er weniger als das Maximum betreute, fiel er unter den Hartz-IV-Satz. Und seine Motivation endgültig in ein Loch. Der Rest ist Geschichte.

 

 

Unkontrollierte Kontrollen

 

Bundesweit gibt es derzeit rund 40.000 Tageseltern. Ein Drittel davon sind ausgebildete Kräfte, der Rest verfügt entweder über die „Bonsai-Ausbildung“ von 160 Stunden oder hat überhaupt keinen pädagogischen Abschluss. Bei dieser Sachlage liegt es nahe, die Tätigkeiten zumindest professionell zu überwachen. Doch auch hier ächzt es an allen Ecken und Enden. In München ist eine Betreuerin, die 60 Tageseltern betreuen muss, noch ziemlich gut dran. Der gleiche Job in Hamburg-Altona bedeutet 110 Tageseltern pro Betreuerin. Auch nur ansatzweise ausreichende Qualität und Quantität ist auf diese Weise keinesfalls zu erreichen. Der Widerspruch wird deutlich, wenn man bedenkt, dass eigentlich zwei Kontrollbesuche der Betreuer bei den Tageseltern pro Jahr vorgesehen sind. Faktisch ist selbst ein Besuch im Zeitraum von zwei Jahren oft nur schwer zu machen. 

 

 

Wohin der Weg führt

 

Wie die Sicherstellung des Betreuungsanspruchs in Zukunft aussieht, ist in zwei Variationen denkbar. Entweder wird weiterhin auf die Tagesbetreuung gesetzt, zumindest derzeit sieht es ganz danach aus. Sogar die Job-Center zeigen inzwischen bei der Vermittlung von Arbeitslosen immer mehr Einsatz, um diese in die Rolle der Tageseltern zu drängen. Wenn jedoch die Ausbildung, die Kontrolle und die Bezahlung nicht erheblich verbessert werden, sieht es düster aus für dieses Berufsbild. 

Oder aber es wird auf lange Sicht am Ausbau der Betreuungsplätze und einer hochwertigen Ausbildung gearbeitet. Für Variante 2 ist ein langer Atem nötig. Und die Bereitschaft, wirklich in Betreuung und Ausbildung zu investieren. Die letzten Jahre ist dies nicht geschehen, es ist also fraglich, ob sich das in nächster Zeit ändert. 

Letztlich muss man erkennen, dass die Gestaltung der Betreuungssituation seit der Einführung – und bereits davor – nicht viel mehr als Flickschusterei ist. Schon seit Jahren erweisen sich die Anstrengungen, in Deutschland eine komfortable Betreuungssituation zu schaffen, als wenig effizient. Statt einmal den Blick auf Länder zu werfen, in denen die Betreuung gut oder sehr gut funktioniert, wird offenbar nach Tages- oder aktueller politischer Stimmung entschieden, was zu tun ist. Gefragt wäre eine Sicht auf Langfristigkeit, die auf das Wohl der Kinder und der Familien ausgerichtet ist. Damit wäre allen geholfen. Auch den Tageseltern.    

 

 

 

Anmerkung:

Diese Beitrag soll keine Kritik an Tageseltern an sich darstellen, sondern lediglich an der Politik, die versucht, im Akkord ausgebildete Tageseltern zu benutzen, um ihre eigenen Versäumnisse zu kaschieren.    

Es gibt tolle Tageseltern, mit denen Eltern wie Kinder glücklich sind. Jedoch sollten Eltern bei der Auswahl ihrer Tageseltern Sorgfalt walten lassen, denn verlässliche Qualitätsstandards gibt es leider keine. 

 

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de