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8 September, 2016 - 08:21
 

Braucht unser Kind eine Therapie?

Die Ansprüche an uns sind heute hoch – die an unsere Kinder noch viel höher. Extreme Frühförderung, ein voller Terminplan und ein ausgeprägtes elterliches Leistungsdenken kann Kinder schnell in dem Burnout treiben und sie funktionieren nicht mehr wie gewünscht. Braucht unser Kind dann eine Therapie?

© Q - Fotolia.com

Auch wenn wir im Grunde genommen ein freies Land sind – die Definition von Normalität ist recht eng gesetzt. Wer nicht funktioniert und sich harmonisch in unser System und unsere Wertestruktur einfügt, wird schnell als gestört – und damit therapiebedürftig – eingestuft. Gerade Kinder trifft es besonders schnell und sie werden Therapien ausgesetzt, die manchmal hilfreich, häufig aber mehr schädlich als nützlich sind, denn es wird eins vergessen: Das Wichtigste für eine gute Entwicklung des Kindes besteht darin, dass es geliebt und angenommen wird wie es ist - und das mit all seinen Besonderheiten.


Psychische Probleme bei Kindern – Tendenz steigend?

Der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt an, dass etwa 20 % aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland psychische Auffälligkeiten zeigen. Das können Aggression und Leistungsverweigerung, aber auch Depression oder Essstörungen sein. ADHS gehört zu den am häufigsten diagnostizierten Problemen. Die Ursachen für diese Auffälligkeiten sind vielschichtig und können genetisch wie auch sozial bedingt sein. Kinder reagieren oft sensibel auf ihre Umwelt, Leistungsdruck oder Liebesentzug, Trennungen und Unfälle können ernsthafte Folgen haben. Nach außen hin zeigt sich vor allem eins: Das Kind funktioniert nicht mehr richtig und erfüllt die Anforderungen, die unsere Gesellschaft an ihre Mitglieder stellt, nur noch unzureichend. Allzu schnell denken Eltern oft an eine Therapie, denn: Das Kind ist ja nicht „normal“. Im Hinblick darauf stellt sich schnell eine gesellschaftlich allzu vernachlässigte Frage.


Wann sind wir normal?

„Normal sein“ wird in unserem sozialen Umfeld oft mit unauffällig gleichgesetzt. Gute Noten, anständiges Betragen und insgesamt ein Funktionieren innerhalb unserer Regeln und Grenzen gelten als normal und damit richtig. Viele Kinder fallen aus diesem Raster, denn unsere Kinder sind nicht „normal“ in unserem erwachsenen Sinne. Sie sind neugierig, wild, kreativ und erfinderisch, auch wütend, aggressiv und dabei, sich selbst zu entdecken. Geht diese Entdeckungsfreude über das, was wir als normal empfinden, hinaus, dann ist der Stempel auffällig allzu schnell aufgedrückt. Eltern sind überfordert, da ihre Erwartungen nicht erfüllt werden, negatives Feedback vom Umfeld zum unangemessenen Betragen des Kindes sorgt für zusätzliche Verunsicherung. Besorgte Eltern wollen nur eins: Dass ihr Kind sich eingliedert. Damit erhoffen sie sich, dass es ihrem Kind besser geht, suchen aber auch für sich selbst nach Beruhigung und Entlastung.


Hochintelligent und hochsensibel

Kinder, die für ihr Umfeld als auffällig gelten, sind in vielen Fällen alles andere als gestört. Sie haben vielleicht einfach nur Langeweile oder sehen die Welt anders – wie es zum Beispiel oft bei hochbegabten Kindern der Fall ist. Kinder, die ganz offensichtlich mit der Umwelt „nicht klarkommen“, sind häufig auch hochsensibel, das heißt, sie können Umweltreize nicht so leicht ausblenden und verarbeiten wie andere Menschen. Diese Hochsensibilität kann sich auf Geräusche und Gerüche, Emotionen oder alle Sinneseindrücke beziehen. Hat ein so empfindsames Kind nicht genug Ruhe, dann kommt es zu Überreizungen und es wird aggressiv, depressiv oder muss die Überlastung durch Bewegung und Wildheit kompensieren. Braucht ein Kind deshalb eine Therapie? Oder vielmehr verständnisvolle Eltern, die seine besonderen Bedürfnisse kennen, sich darauf einrichten und ihm helfen, mit seiner besonderen Art und Weise klarzukommen?


Wann eine Therapie Sinn macht

Im herkömmlichen Sinne ist eine Therapie dazu gedacht, einen Menschen zu verändern und ihm zu helfen, sich an das Umfeld anzupassen. Eine gute Therapie sorgt dafür, dass ein Kind seine Besonderheiten nicht unterdrücken muss, sondern lernt, damit umzugehen. Das schließt auch die Eltern mit ein, die durch mehr Akzeptanz die Lage des Kindes und sein Fühlen bereits deutlich verbessern. Starkes Leiden beim Kind und eine steigende Überforderung bei den Eltern kann eine Therapie wirklich sinnvoll und nötig machen. Therapien können auch Sinn machen, wenn eine eindeutige körperliche Entwicklungsverzögerung vorliegt, zum Beispiel, wenn ein Kind stottert oder lispelt oder auch gar nicht spricht. Wichtig ist bei jeder Therapie, dass der Hintergrund nicht ist, das Kind zu normalisieren. Ziel sollte sein, ihm – und in jedem Fall auch den Eltern - beizubringen, mit seiner Besonderheit umzugehen.

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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