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25 Januar, 2015 - 16:58
 

Zierde oder Quälerei – Ohrstecker für Babys und Kleinkinder

In Südeuropa und in den arabischen Ländern ist es üblich, bereits Babyohrläppchen mit Ohrlöchern und Ohrsteckern zu verzieren. Immer wieder sieht man dies auch in Deutschland. Die einen finden es allerliebst, Kritiker nennen es Kindesmisshandlung und Verstümmelung. Und es gibt in der Tat gute Gründe, mit dieser „Verschönerung“ noch eine Weile zu warten.

© Scott Griessel - Fotolia.com

Ein Argument für das Stechen von Ohrlöchern schon im Babyalter ist, dass es dann am wenigsten Probleme bereitet. Aber stimmt das wirklich? Auch die Rechtslage ist im Grunde genommen nicht ganz eindeutig, da das Ohrlochstechen den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen könnte. Allerdings gibt es offiziell kein Mindestalter. Wann Ohrlöcher gestochen werden liegt im Ermessen der Eltern.


Vorsicht Nickelallergie

Die Hauptgefahr, die besteht, wenn bereits sehr kleinen Kindern Löcher in die Ohren gestochen werden ist die einer Nickelallergie. Die Unverträglichkeit gegen die Metalllegierung gehört zu den häufigsten Kontaktallergien und betrifft größtenteils Frauen. Früher Kontakt mit Nickel zum Beispiel durch nickelhaltige Ohrstecker gilt als wichtigster Auslöser. Deshalb dürfen medizinische Ohrstecker, auch Erststecker genannt, bereits seit 1998 maximal 0,05% Nickel enthalten. Kontrollieren lässt sich das im Einzelfall kaum, der häufig verwendete Chirurgenstahl enthält deutlich mehr als den erlaubten Höchstwert. Ist die Allergie erst einmal ausgebrochen, wird sie Teil des Lebens, denn Nickel ist in vielen Schmuckstücken und Gebrauchsgegenständen enthalten.


Narben im Ohrläppchen, Infektionsrisiko und andere Gefahren

Jedes Ohrloch erzeugt Narbengewebe im Ohr, die an dieser Stelle angelegten Akupunkturpunkte werden damit zerstört, in ungünstigen Fällen auch aktiviert. Nicht unterschätzt werden sollte das Infektionsrisiko, das vor allem bei der Anwendung von Ohrlochpistolen droht. Diese Geräte können nicht sterilisiert werden, steril sind lediglich die verwendeten Erststecker. Das sind jedoch nicht die einzigen Punkte, die gegen diese Verzierung sprechen:

  • Das Ohr eines Babys ist noch im Wachstum, Knochen und Knorpel noch nicht fertig ausgebildet. Möglicherweise sitzt das Ohrloch später gar nicht mehr dort, wo es sitzen soll.
  • Der Schmerz, dem das Baby – für es völlig unverständlich – ausgesetzt wird, ist ein unangenehmes Erlebnis, das durch die Schmerzen bei späteren Entzündungen noch verstärkt wird. Unnötig, einem hilflosen Säugling so etwas zuzumuten.
  • Babys schlafen von sich aus mit dem Kopf auf der Seite, das reizt das Ohrloch direkt nach dem Stechen, Entzündungen sind vorprogrammiert.
  • Babys sollten in den ersten Monaten Mützen tragen. Auch dadurch kann es zu verstärkten Reizungen und Entzündungen an der Wunde kommen.

Auch die Kinder selbst können Entzündungen auslösen: Durch Zupfen und Reißen an dem Fremdkörper im Ohr oder das Befingern mit schmutzigen Händen. In ganz krassen, zum Glück aber seltenen Fällen können die Ohrringe sogar ausreißen, dann muss genäht werden. Wenn Babys die Ohrringe dann noch verschlucken, besteht eine echte Gefahr.


Ohrlöcher für Babys – Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht?

Der Gesetzgeber lässt Eltern in Sachen Ohrstecker freie Hand, es gibt keine Einschränkungen und auch kein Mindestalter. Für Kritiker und einige Kinderärzte ist das jedoch eindeutig Körperverletzung. Kinder können nicht einwilligen bzw. die Tragweite dieser Entscheidung nicht erfassen. Das Stechen selbst und eventuelle Komplikationen später verursachen Schmerzen, die sich die Kinder nicht ausgesucht haben. Schließlich sollte man auch bedenken, dass die Ohrlöcher in den meisten Fällen ein Leben lang bleiben, ein Zurück gibt es nicht. Auch wenn es nur ein scheinbar kleiner Eingriff ist: Die Kinder haben ihn sich nicht selbst ausgesucht.

Verantwortungsbewusste Juweliere stechen ohnehin erst dann Löcher in die Ohren, wenn das dritte Lebensjahr vollendet ist. Zwar kann das Kind dann immer noch keine echte Willenserklärung abgeben, es versteht aber zumindest, was passiert – und häufig wünschen sich Kinder sogar einen Ohrstecker. Das zugehörige Loch ist allerdings nicht unbedingt gewünscht, deshalb sollten Sie Ihrem Kind erst einmal einen Ohrclip anbieten. Etwas ältere Kinder können auch Ohrringe mit Magnetclip tragen, diese sind von den gestochenen Löchern nicht mehr zu unterscheiden.


Wenn es unbedingt ein Ohrloch sein soll

Um das Risiko beim Ohrlochstechen gering zu halten, können Sie verschiedene Maßnahmen treffen. So sollten die Ohrlöcher nur von einem Profi, am besten von einem Arzt gestochen werden.

  • Warten Sie damit, solange es geht. Hinsichtlich möglicher Allergien gilt, je später, umso besser.
  • Die Erststecker sollten aus Titan bestehen, dieses Metall ist garantiert nickelfrei.
  • Gold- oder Silberstecker dürfen erst nach dem vollständigen Abheilen eingesetzt werden.
  • Statt mit der nicht sterilisierbaren Ohrlochpistole sollte das Loch mit einer sterilen Einmalnadel gestochen werden.
  • Oberflächlich betäubende Cremes oder Pflaster lindern den Schmerz.

Damit Reizungen gar nicht erst entstehen, sollte Ihr Kind nicht an den Ohrsteckern spielen, vermeiden Sie Zugluft und warten Sie zwei Wochen mit dem Baden oder Haare waschen. Eventuelle Krusten am Ohrloch sollten regelmäßig mit einem feuchten Wattestäbchen entfernt werden, anschließend wird die Wunde desinfiziert. Kommt es zu Infektionen und Schmerzen, dann sollte der Stecker entfernt werden, auch ein Arztbesuch ist zu empfehlen.

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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