Skip to main content

Suche

25 März, 2017 - 21:08
 

„Mensch ärgere Dich nicht“– Brettspiel-Klassiker sind immer noch beliebt

Brettspiele erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. Trotz Playstation 4, Xbox One und Wii und obwohl jedes Jahr auf der deutschen Spielemesse viele neue Gesellschaftsspiele vorgestellt werden. Mit dem Klassiker „Mensch ärgere Dich nicht“ fing alles an. Was ist es, das uns bis heute an diesen Spielen fasziniert?

© taddle - Fotolia.com

Jeder kann sich erinnern: An die Familienabende, an denen man nicht vor dem Fernseher saß, sondern gesellig am Küchentisch mit einem Brettspiel. Egal ob „Mensch ärgere Dich nicht“ oder „Mühle“, – die Klassiker des Brettspiels bringen über Generationen hinweg Jung und Alt an den Spieltisch. Als Erwachsener entdeckt man da wieder das Kind in sich. Und das tun Väter ja bekanntlich sehr gerne. Woran liegt das?

Die Faszination für Gesellschaftsspiele wird wohl nie abebben, obwohl den analogen Brettspielen im Zeitalter von Computern und Konsolen schon tausendmal das Ende prophezeit wurde. Sie lassen ein schönes Gefühl der Gemeinschaft entstehen. Denn bei Gesellschaftsspielen geht es nicht nur um Gewinnen und Verlieren, sondern um das gemeinsame Miteinander, dass eine Spielkonsole oder ein Computer nur bedingt erfüllen kann.


Analog ist besser: Gesellschaftsspiele boomen

Für den Spieleverlag e.V. war 2016 ein „weiteres Rekordjahr für die Spielverlage“.
Die Brettspielbranche habe nach 2015 zum zweiten Mal nacheinander den Umsatz mit Gesellschaftsspielen um mehr als 10 Prozent steigern können.

Insgesamt seien in allen Warengruppen Zuwächse erzielt worden – der Absatz sei auf knapp 40 Millionen Stück gesteigert worden. Die Wachstumstreiber seien Kinderspiele mit einem Plus von fast 15 Prozent, Vorschulprodukte mit rund 22 Prozent, aber auch Strategiespiele für Familien mit 26 Prozent.
Die Prognose: über 440 Millionen Euro werden die Bundesbürger im laufenden Jahr für das Kulturgut Gesellschaftsspiel ausgeben. Das  ist so viel wie keine andere Nation weltweit.

Der Grund: „Inzwischen finden überall Spieleabende statt und auch bei Senioren, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind Spiele wieder voll im Trend. Auch als Geschenk sind Spiele sehr beliebt, wie das gerade abgelaufene Weihnachtsgeschäft gezeigt hat“, sagt der Verband.

Nachwuchssorgen sind trotz der demografischen Entwicklung hier derzeit nicht in Sicht: Der Exportanteil der deutschen Verlage ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, aber auch viele internationale Verlage publizieren inzwischen vermehrt deutschsprachige Ausgaben.

Laut dem Verband erscheinen jedes Jahr in Deutschland rund 1500 neue Spiele, die zumeist auf der Spielwarenmesse in Nürnberg oder auf der Messe „SPIEL“ im Herbst in Essen vorgestellt werden.


Kultspiele gehören dazu

„Man meint immer, das Brettspiel stirbt aus. Das Gegenteil ist der Fall“, stellt auch die Sprecherin der Essener Messe „Spiel“, Dominique Metzler, fest. Zu diesem Boom gehören sicherlich auch die Brettspielklassiker.
Neben neuen Spielen erscheinen jedes Jahr Neuauflagen von Kultspielen, denn sie gehören zum Basissortiment – die Nachfrage bleibt auch hier konstant. Die meisten der über 1.500 Neuerscheinungen werden wieder verschwinden. „Viele Neuheiten gibt es nur ein oder zwei Jahre“, sagt Metzler. Was bleibt, sind Klassiker.


Mensch ärgere Dich nicht – Die Mutter aller Brettspiele

Seit 2014 erfreut sich das klassische Brett- und Würfelspiel „Mensch ärgere Dich nicht“ wieder steigender Beliebtheit. Einer der Gründe: das hundertjährige Jubiläum. Neben „Halma“, „Mühle“, „Monopoly“ & Co zählt es zu den 10 beliebtesten Gesellschaftsspielen der Deutschen. Die Spielregeln sind einfach - die vier eigenen Spielfiguren müssen vom Start in die vier Ziel-Kästen gezogen werden. Dabei wird gewürfelt, rausgeschmissen, blockiert und taktiert. Die Schadenfreude ist ein Spielanreiz, deshalb auch der Titel des Spiels.

Der Erfolg kommt aber nicht nur daher, dass das Spiel für Kinder einfach zu lernen ist.  Was viele nicht wissen –  das Spiel war eigentlich ein Kriegsspiel. Nicht im Sinne der Spielhandlung und  -strategie, sondern in seiner Entstehungsgeschichte. Das Spiel wurde so beliebt wegen einer erfolgreichen Werbestrategie im Ersten Weltkrieg und lenkte vom grausamen Kriegsalltag ab.

Der Münchner Händler Josef Friedrich Schmidt, der später den Schmidt-Spiele-Verlag gründete, hatte 1907 die Idee zu dem Spiel. Inspiriert wurde er von dem schon mehr als 2000 Jahre alten indischen Outdoor-Spiel „Pachisi“.

Die Version bastelte er aus einem verbeulten alten Hutkarton. Die Spielfiguren schnitze er aus Holzklötzchen. Bei seiner Familie kam das Spiel sehr gut an, weshalb er gleich in die Produktion ging. Die noch handgemachten Spielsets kamen in der deutschen Bevölkerung allerdings nicht gut an. 1914 ließ er das Spiel in Massen professionell produzieren – die Herstellerfirma sieht das Jahr 1914 daher als das offizielle Erscheinungsjahr.

Zu Kriegsbeginn verschenkte Josef Friedrich Schmidt einige Tausend Exemplare als Sachspenden an die deutschen Soldaten an der Front und in den Lazaretten. Das war nichts Ungewöhnliches zu dieser Zeit: die Bevölkerung wurde zu sogenannten „Liebesgaben“ für die Front aufgerufen - Socken, Süßigkeiten, Zigaretten, Bücher, Spiele und viele andere Dinge.

Unter den Soldaten wurde Schmidts Würfel- und Brettspiel schließlich sehr beliebt. Als der Krieg vorbei war, brachten die Soldaten das Spiel mit zu ihren Familien. Und auch die Kinder liebten es. Hinzu kam der niedrige Preis für das Spielset. Es kostete nur 35 Pfennige -  weniger als ein Pfund Zucker. 1920 sollen nach Herstellerangaben bereits eine Million Spiele verkauft worden sein. Und heute? Das Spiel geht jedes Jahr circa 400.000 Mal über die Ladentheke, seit Erfindung mehr als 90 Millionen Mal. Und das in mehreren tausend Ausführungen: als Franchise-Kartenvariation, wie etwa mit „Star Wars-Figuren“ oder „Disney-Figuren“, mit extragroßen Holzfiguren für Senioren und für Nostalgiker eine Neuauflage des Originals.

Logischerweise gibt es den Klassiker auch digital – auf Smartphones, Tablets und Laptops. Diese Apps sind zwar günstiger als die analogen Produkte im Regal, der Absatz der traditionellen Versionen bricht aber nicht ein. Die digitalen Klassiker sind da eher eine Ergänzung zu den analogen. Denn sie können eine Sache nicht bieten: das gemeinsame Spielerlebnis miteinander.


Entwicklungsförderung und pädagogischer Wert

Neben dem Spaßfaktor und dem gemeinsamen Spielerlebnis tragen diese Brettspielklassiker zur Entwicklungsförderung bei. Durch das Spielen suchen sich Kinder die Anregungen, die sie gerade für ihre Entwicklung brauchen, lernen die Welt kennen, sammeln Erfahrung und finden heraus, wie Dinge funktionieren, wozu sie da sind und welchen Sinn sie haben.
Bei Brettspielen wird die Motorik geschult, wenn die Kinder spielerisch würfeln lernen. Ebenso wird die Konzentrationsfähigkeit trainiert und es wird ihnen beigebracht, sich an Regeln zu halten.
Zudem lernen die Kleinen dabei Farben und Zahlen kennen. Und auch geometrische Formen, wie Kreise oder Quadrate, die auf dem Spielbrett zu sehen sind.

Gleichzeitig wird das Sozialverhalten geschult und auch das Verhalten in Konfliktsituationen, was bei dem Spiel „Mensch ärgere Dich nicht“ ja den Reiz ausmacht, kann erlernt werden. Denn mit dem Einhalten von Regeln wird das Aushalten von Enttäuschung – wenn die Spielfigur vom Spielbrett geschoben wird – reguliert. Bei Spielerfolg werden das Selbstwertgefühl, die Selbstbestätigung und das Selbstvertrauen  optimiert.

Die Akzeptanz für andere kann gefördert werden, auch wenn es nicht immer einfach erscheint, und das Kind sich „ärgert“. Im Idealfall wird das Einfühlungsvermögen, das Verständnis für andere und das Gemeinschaftsgefühl gestärkt. Ebenso wird das Erlernen von Verantwortung für sich und für andere gefördert. Denn es gehört zum Leben dazu, dass man auf den anderen achtet und miteinander redet.

Ergo: durch das Brettspiel wird  die soziale Kompetenz geschult. Wer miteinander spielt, trainiert Ausdauer, das Dranbleiben an einer Sache und lernt, Frustrationen auszuhalten. Somit fördern Gesellschaftsspiele ein soziales Miteinander und können integrativ wirken. Denn Brettspiele sind eine gute Möglichkeit überhaupt erst einmal in Kontakt mit anderen Kindern zu kommen.

 


Bildquellen:
1) © taddle - Fotolia.com
2) © Picture-Factory - Fotolia.com
3) © Ramona Heim - Fotolia.com

Vaterfreuden auf Facebook   Vaterfreuden auf Twitter
Artikel bewerten
 

Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
randomness