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4 November, 2015 - 09:19
 

„Doing Gender“ oder wie geschlechtsneutral erziehe ich meine Tochter eigentlich?

Ein junges Elternpaar nimmt sich vor, seine Tochter möglichst geschlechtsneutral, also nicht spezifisch „mädchenhaft“, zu erziehen. Gar nicht so einfach, bei all den Einflüssen von außen. Dabei stellt man häufig auch sein eigenes Verhalten infrage – würde ich es bei einem Sohn genauso machen? Ein junger Vater erzählt von seinen Erfahrungen mit Tochter Lilly.

© MAK - Fotolia.com

Nachdem meine Frau und ich erfuhren, dass wir eine Tochter bekommen würden, waren wir uns schnell einig, dass wir sie möglichst geschlechtsneutral erziehen wollten. Die Theorie hinter dieser Art der Erziehung ist, dass der größte Teil der Unterschiede zwischen den Geschlechtern anerzogen oder gelernt ist. Wir wollten ihr daher keine festgelegten Rollenbilder vermitteln, unser Kind sollte sich und seine Rolle selbst finden. Unser Ziel war es, unserer Tochter Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu vermitteln, damit sie auch aus eigener Kraft in der Welt bestehen kann. Wir wollten lieber eine Amazone als ein Girlie.


„Auf gar keinen Fall rosa Kleidung“ – nicht so einfach wie gedacht

Wir Eltern kamen überein, dass unsere Tochter anfangs keine rosa Kleidung tragen soll – zumindest so lange, bis sie selbst danach verlangen würde. Hier waren wir uns einig – gibt es eine klischeebeladenere Farbe? Also kauften wir vor der Geburt Babykleidung in allen möglichen Farben – viel hellblau, grün, rot – aber auf keinen Fall rosa. Allerdings hatten wir hier die Rechnung ohne unsere Verwandten und Bekannten gemacht. Offensichtlich hatten wir vergessen, die zu informieren, denn sie schenkten uns rosa Disney- und Lillifee-Outfits, mit besten Absichten natürlich. Und natürlich zogen wir unserer Tochter die Kleidung auch an, wo sie denn nun da war …

In der Folge trug unsere Tochter Lilly, die inzwischen zweieinhalb Jahre alt ist, ab und zu rosa – aber deutlich häufiger Kleidung, die wir in der „Jungen“-Abteilung fanden. Die gefiel uns nicht nur farblich besser, sondern auch die weiteren Schnitte („Skinny-Hosen“ für Mädchen im Kleinkindalter?) fanden wir für unsere Tochter angenehmer und die Stoffe widerstandsfähiger und damit praktischer. Apropos praktisch: im Sommer trug Lilly häufig luftige Kleider – und damit hatten wir kein Problem. Noch suchen wir die Kleidung für unsere Tochter aus und sie wehrt sich nicht ernsthaft. Wird die rosa Phase uns demnächst auch ereilen? Wir sind gespannt…


Verhalten wir uns gegenüber unserer Tochter so, wie wir es bei einem Jungen tun würden?

Die Kleidung ist jedoch nur ein Bereich, in dem wir Lilly möglichst geschlechtsneutral erziehen wollten. Wir wollten sie ermutigen, sich auszutesten, mutig und lebhaft zu sein anstatt zu vorsichtig und weinerlich. Tatsächlich hat sich unsere Tochter zu einem lebhaften, lauten Kind entwickelt, das sich Einiges zutraut und sich gegen andere – auch Ältere – durchzusetzen weiß (leider auch mit Beißen und Kneifen – ein anderes Thema). Dennoch entdecken wir an uns Verhaltensweisen, bei denen wir uns fragen, wie konsequent wir in unserem Vorhaben sind:

  • Lilly hört häufig, wie süß sie aussieht – von Fremden und auch von uns. Würden wir das auch zu einem Jungen so sagen? Legen wir hier den Grundstein dazu, dass unsere Tochter ihr Aussehen für sehr wichtig hält? Fakt ist, dass sie ihr Aussehen, ihr Lächeln und ihren Charme schon jetzt erfolgreich dazu einsetzt, Aufmerksamkeit und ab und zu eine Süßigkeit von anderen zu erhalten…
  • Unsere Nachbarin, die Lilly auch häufiger babysittet, kämmt unserer Kleinen häufig das Haar und bringt es mit Spangen und Haarbändern in Form. Passt das ins Konzept?
  • Unsere Tochter lässt sich noch immer sehr gerne tragen. Sie war bei der Geburt sehr klein und es tat ihr sicher gut, von uns im Arm gehalten zu werden. Inzwischen bringt uns die Tragerei jedoch immer häufiger an unsere körperlichen Grenzen – zumal unser Kind nun das Gewicht eines Bierkastens übertroffen hat (und man käme kaum auf die Idee, einen solchen lange durch die Gegend zu schleppen, wenn man nicht unbedingt müsste). Trotzdem werden wir häufig weich, wenn sie quengelt, schreit und sich aus ihrem Kinderwagen windet. Wären wir einem Jungen gegenüber konsequenter?
  • Ich habe häufig das Bedürfnis, Lilly in den Arm zu nehmen und zu drücken. Und häufig gebe ich ihr dabei auch einen Kuss auf die Wange. Würde ich das so auch bei einem Sohn tun? Ich weiß es nicht …


Geschlechtsneutral zu spielen ist einfach – zumindest noch

Natürlich hat unsere Tochter auch eine ganze Menge Spielzeug. Sowohl solches, was in der Theorie eher typisch für Jungen ist – Autos, eine Holzeisenbahn, eine kleine Werkbank – als auch solches für Mädchen – ein paar Puppen, einen Buggy, eine Kochecke. Wir spielen das mit Lilly, was sie will – und auch in der Krippe bekommt sie viele Anregungen. Mit leichter Befremdung sahen wir jedoch, wie groß die Anziehungskraft war, die das pinkfarbene Dreirad aus Vollplastik (siehe Bild), mit dem ein anderes Kind zum Spielplatz gefahren wird, auf unsere Tochter hatte. Rote Gefährte hat sie ja selbst, die stachen ihr folglich nicht so ins Auge. Meine Frau und ich hoffen, dass dies nicht die frühen Anzeichen der scheinbar unumgänglichen „rosa Phase“ sind, durch die fast alle kleinen Mädchen gehen. Das würde uns schon ziemlich treffen.

Momentan kümmert sich Lilly immer intensiver um ihre Puppen – bringt sie zu Bett, füttert sie, macht ihnen vor, wie man aufs Töpfchen geht – und entwickelt ein großes Interesse an Babys. Wir forcieren da zwar nichts, sehen aber auch keinen Grund zur Sorge. Wahrscheinlich bekommt sie zu Weihnachten eine Puppe, die trinkt und auch in die Windel machen kann, auch damit habe ich kein Problem. Hauptsache nicht die Ausgabe in rosa Kleidung!

 

Was denkt Ihr? Tun wir das Richtige? Machen wir uns zu viele Gedanken? Was haltet Ihr von der Sache und wie erzieht Ihr Eure Töchter? Wir sind gespannt, Eure Meinungen zu hören.

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de