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8 Juni, 2013 - 17:44
 

Champions League Finale auf der Entbindungsstation – und wie es dazu kam

Im Leben kommt es oft anders als man denkt. Gerade Kinder sorgen häufig für Überraschungen. Diese Erfahrung machte auch ein werdender Vater im Bekanntenkreis der Redaktion von Vaterfreuden.

Donnerstag, der 23.05.2013 - zwei Tage vor dem großen Finale

Meine Frau kam von der geburtsvorbereitenden Akupunktur heim und hatte eine lustige Geschichte zu erzählen. Zwei der anderen Frauen hatten zwei Tage später Termin und diskutierten, dass das Baby bitte an jedem Tag kommen dürfe – am folgenden Tag, in drei Tagen, aber eben nicht an jenem Samstag, wo das große Finale der heimischen Bayern gegen die Dortmunder in London stattfinden würde. Weder ihre Männer, noch sie hätten Lust, das Finale zu verpassen, weil sie gerade im Kreißsaal wären.

Die Geschichte erzählte ich umgehend jemandem aus der Redaktion von vaterfreuden.de, der sie noch am selben Tag auf der Facebook-Seite von Vaterfreuden postete.

Meine Frau und ich konnten darüber lachen. Schließlich waren wir ja auf der sicheren Seite. Unser Kind sollte erst in fast drei Wochen kommen. Dachten wir …

 

Freitag, der 24.05.2013 - der Tag vor dem großen Spiel

Mieses Wetter, wie so häufig in diesem Frühling. Am frühen Nachmittag machte ich meiner Frau den Vorschlag, dass wir doch in die Sauna gehen könnten – ich als Freiberufler konnte mir den Nachmittag frei nehmen und sie, ja sie war ohnehin in Mutterschutz und wusste nicht allzu viel mit sich anzufangen. Sofort war sie einverstanden. Schnell war die Saunatasche gepackt und wir waren auf dem Weg.

Nach dem ersten lockeren Saunagang – schwangere Frauen sollten ja vorsichtig sein – lagen wir gerade im Ruheraum und ich war weggedämmert. Meine Frau schlug mir an die Schulter „Duhu – ich glaube, meine Fruchtblase ist gerade geplatzt.“ Erst konnte ich gar nicht begreifen, was sie da sagte, aber bei einem Blick auf die Pfütze unter ihrer Liege wurde mir schlagartig klar: „Wir werden Eltern – JETZT!“.

Schnell wischte ich das Fruchtwasser oberflächlich zusammen und wir liefen zur Umkleide. Beide gingen wir noch einmal durch, woran wir uns noch vom Geburtsvorbereitungskurs erinnerten: „wenn die Fruchtblase platzt ist das Baby nicht mehr geschützt und wird auch in der Regel nicht mehr optimal versorgt. Das Kind wird also innerhalb von 24 Stunden geboren – so oder so.“ Schnell holte ich das Auto, während meine Frau versuchte, ihre Frauenärztin telefonisch zu erreichen. Wie sich herausstellte, war der Versuch vergeblich – Freitagnachmittag eben. Also fuhren wir nach Hause, meine Frau wechselte noch rasch die inzwischen klitschnasse Hose aus, dann griffen wir unsere gepackten Klinikkoffer (ein Glück, dass wir diesen Rat befolgt hatten) und fuhren direkt ins Krankenhaus Schwabing.

Dort hieß es erst einmal warten – was uns nicht leicht fiel. Aber es war einiges los in der Aufnahme der Entbindungsstation und Wehen hatte meine Frau noch keine. Nach der ersten Untersuchung wurde uns gesagt, dass die Wehen in 10-12 Stunden eingeleitet werden, wenn sie bis dahin nicht angefangen haben. Darauf wollten wir wenn irgend möglich verzichten. Erst lange warten und dann nach einer schlaflosen Nacht die Wehen eingeleitet bekommen? Bitte nicht.

Die Wehen kamen jedoch bald. Erst langsam und dann immer heftiger. Es ging gut voran. Kurz vor Mitternacht ging es in den Kreißsaal. Nun ging es richtig los. Die meisten von Euch werden es erlebt haben, daher will ich die Geburt selbst nicht im Detail beschreiben. Es ging alles gut, meine tapfere Frau und unser kleines Mädchen haben es toll gemacht und unsere Tochter Lilly kam schließlich gegen 1:20 Uhr am 25.05.2013 zur Welt. Ein wahnsinniges intensives elementares Erlebnis – das in dem Moment schön war, als wir ein gesundes Baby im Arm hielten. Lilly war so winzig und zerbrechlich – das war sie mit unter 2.400 Gramm Geburtsgewicht wirklich – und doch war alles an ihr dran, ein kleines Wunder eben. Aber wem sage ich das? Die meisten von Euch werden sich erinnern und mich gut verstehen. Das erste, was meiner Frau an Lilly auffiel, waren ihre vielen dunklen Haare. Dann betrachteten wir ihr Gesicht, ihre kleinen Hände, ihre perfekten Füße. Kurz - wir verliebten uns in unser neues Familienmitglied.

 

Samstag, der 25.05.2013 - der Tag des Finales von Wembley

Wir blieben noch eine ganze Weile im Kreißsaal, um dann nach den ersten Untersuchungen auf unser Familienzimmer (erst später stellte sich heraus, wie viel Glück wir hier hatten) zu gehen – alle drei völlig erschöpft. Obwohl gleich ein paar Untersuchungen anstanden bekamen wir dann doch ein paar Stunden Schlaf. Anschließend wurden die ersten Fotos an Eltern und Freunde geschickt und dann kam auch schon bald der frühe Abend. Und hey – heute war der Tag des großen Spiels. Wo würden wir das denn ansehen? Unser Zimmer hatte keinen Fernsehapparat… Die Schwestern sagten mir, dass es im Warteraum vor dem Kreißsaal – dem „Männerzimmer“ - einen Fernseher gäbe. Auf meine Anfrage hin bekamen wir das okay, dort das Spiel anzusehen. Unter einer Bedingung: „Ladies First“ – was die Sitzplätze angeht.

So gingen wir dann am Abend zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden wieder in Richtung Entbindungsstation, diesmal deutlich entspannter und zu dritt. Unsere offensichtlich fußballverrückte Tochter, die dieses Finale anscheinend auf keinen Fall verpassen wollte, begleitete uns im Schiebewagen.

Im Wartezimmer selbst kam eine lustige Truppe zusammen: Frauen mit dicken Bäuchen und entweder nassen Hosen (Fruchtwasser) oder verkniffenen Gesichtern (erste Wehen) bzw. beidem, ihre Männer, die durch die Bank noch aufgekratzter waren – sei es wegen der anstehenden Geburt oder des Spiels - ein Assistenzarzt und die Hebammen, die hin und wieder ins Zimmer schauten. Noch während der ersten Halbzeit kam ein Paar hinzu, dass wir noch vom Geburtsvorbereitungskurs kannten. Zwei Minuten nach dem Anpfiff war bei der Frau die Fruchtblase geplatzt. Offensichtlich war ihre Aufregung zu groß. Sie sollte übrigens nicht die einzige bleiben – in dieser Nacht kamen so viele Frauen, dass am nächsten Tag selbst der Schulungsraum mit Betten belegt war.

Die Atmosphäre im Fernsehzimmer war angespannt. Die meisten von uns waren für die Bayern – in München ganz natürlich – aber es gab auch einige, die den Dortmundern die Daumen drückten. Freunde schönen Fußballs waren wir alle – und wir bekamen an diesem Abend auch etwas geboten. Gemeinsam verfolgten wir das intensive Spiel, Chips wurden gereicht, ab und zu ging eine Frau aus dem Zimmer, wenn Untersuchungen anstanden oder die Wehen zu stark wurden. Einmal forderten uns die Hebammen auf, lauter zu schreien, wenn ein Tor fiel, damit sie immer informiert wären. Lilly machte der ganze Trubel nichts aus. Sie verschlief das große Spiel weitgehend.

 

Arjenne??? Ernsthaft?

Als es kurz vor Schluss noch 1:1 stand sagte meine Nebenfrau, dass ihre Wehen nun schlimmer würden und sie eine Verlängerung wohl nicht mehr durchhalten würde. So war zumindest bei ihr die Erleichterung groß, als Arjen Robben kurz vor Abpfiff das entscheidende 2:1 schoss.

Meine Frau, Lilly und ich gingen mit einem Lächeln auf unser Zimmer zurück. Noch immer erschöpft, aber glücklich. Wenn uns jemand ein paar Tage zuvor erzählt hätte, wie wir den Tag des Endspiels erleben sollten – wir hätten sie ihm nicht abgenommen. Aber genau so ist es passiert.

Epilog: Als meine Frau ihren Kollegen über Facebook später bekanntgab, dass sie an diesem Tag ihre Tochter zur Welt gebracht hätte, regte einer von ihnen an, sie könne die Kleine doch zu Ehren des Siegtorschützen „Arjenne“ nennen. Ihre Antwort? Nein - unser Mädchen habe schon jetzt mehr Haare als der Niederländer (siehe Bild). Und der Papa dachte sich noch: diese engen T-Shirts soll sich meine Tochter auch nicht zum Vorbild nehmen.

 

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de