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13 Januar, 2017 - 23:56
 

Babys im Wasser: Schwimmen können sie sowieso

Die meisten Babys reagieren gleich, wenn sie in die Nähe von Wasser kommen. Spätestens wenn das Köpfchen dem Wasser genähert wird, fangen sie an zu protestieren und rudern wie wild mit den Armen. Andererseits hat das sogenannte Babyschwimmen eine lange Tradition. Zudem gibt es die These, dass es beim Schwimmen ähnlich ist wie mit dem Laufen. Die Fähigkeit ist angeboren. Können Babys also tatsächlich schwimmen?

© InsRechteLicht.de - Fotolia.com

Anfang der 1950er Jahre kam es zu einem interessanten Experiment. Bis dahin wurden Babys meist über den Po ins Wasser gelassen, was diese mit Protesten quittierten. Dann zeigte die neue Herangehensweise eine Überraschung. Nun begann das Annähern ans Wasser mit dem Gesicht und dem Bauch. Man könnte annehmen, dass ausgerechnet diese Methode viel mehr Ungnade von Babys auf sich zieht. Doch das Gegenteil war der Fall. Es gab weder Geschrei noch körperliche Abwehrreaktionen. Stattdessen öffneten die Babys die Augen, hielten die Luft an und begannen instinktiv, Schwimmbewegungen zu machen. Der Versuch wurde sogar noch weiter getrieben. Einige Babys wurden im Wasser losgelassen und bewegten sich ganz ohne Hilfe vorwärts. Dabei hatten sie durchaus Spaß und schienen sich wohl zu fühlen, so schwerelos. Gelernt konnten sie die Schwimmbewegungen nicht haben, es musste also angeboren sein.


Gelernt, verlernt – aus Vertrauen wird Misstrauen

Von den instinktiven Schwimmbewegungen ist zwar etwas übrig geblieben, aber nicht genug, um sich ohne Vorbereitung in die Fluten stürzen zu können. Werden Babys in Bauchhaltung in die Luft gestreckt, machen sie ähnliche Bewegungen wie im Wasser, aber deutlich hektischer. Sie wissen also instinktiv, wie sie sich im Wasser oder einem vergleichbaren Element verhalten müssen. Doch sie verlernen es auch wieder. Man nimmt an, dass das beruhigte Gefühl von Babys im Wasser noch von der Nähe des Fruchtwassers herrührt, in dem sie sich ebenfalls (fast) frei bewegen konnten. Einige Monate nach der Geburt entwickeln sich im Gehirn jedoch andere Gefühle. Die sogenannte „frühe Reflexreaktion“ weicht Vorsicht und einem gewissen Misstrauen gegenüber dem Element Wasser. So wird es bei einem vier bis sechs Monate alten Baby schon spürbar schwieriger, es behutsam ins Wasser zu bewegen, und zwar egal, auf welche Art und Weise man es anstellt. Spätestens mit zehn oder elf Monaten ist vom ursprünglichen Reflex nichts mehr übrig, das Kind reagiert auf Wasser nur noch mit einem Gefühl: Angst.


Die Zeit dazwischen

Um schwimmen zu lernen, wird die Zeit ab dem dritten oder vierten Lebensjahr empfohlen. In diesem Alter hat das Kind einen bewussten Zugang zum Wasser und weiß, was es bedeutet, sich schwimmend vorwärts zu bewegen. Die Entscheidung, schwimmen zu wollen, ist also eine vom Kind gewollte. Andererseits sollten Eltern besonders in diesem Alter gut aufpassen, denn Kinder neigen dazu, das zwischenzeitlich verloren gegangene Urvertrauen schnell wieder zu erlangen. Die Folge ist ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung. Es ist nicht nötig und auch nicht sinnvoll, das Kind zwischen den ersten Lebensmonaten und dem dritten oder vierten Lebensjahr vollständig vom Wasser fernzuhalten. Durch Babyschwimmen bleibt die Nähe zum Wasser erhalten, ohne dass damit Misstrauen oder Angst verbunden ist.


Babyschwimmen hat eine lange Tradition

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man annehmen, Babyschwimmen sei eine Modeerscheinung der Neuzeit. Tatsächlich ist es aber viel älter als man denkt und wurde bereits zum Ausgang des vorletzten Jahrhunderts erstmalig dokumentiert. Zunächst vornehmlich in Deutschland, England und den Niederlanden wurden später Forschungsprojekte zum Thema Babyschwimmen initiiert. Inzwischen beschäftigt das Thema weltweit Wissenschaftler und Pädagogen. Dass Schwimmen gesund ist, wird niemand ernsthaft bezweifeln, doch die Forscher entdeckten noch weitere Gründe, die für das Babyschwimmen sprechen. Sie fanden heraus, dass Bewegungen im Wasser die motorischen Fähigkeiten von Kindern beeinflussen. Besonders in den ersten 22 Monaten werden die motorischen Bewegungsfertigkeiten von Kindern maßgeblich geprägt. Ein guter Grund für das Babyschwimmen. Die Forschungsarbeiten gingen in den letzten Jahren immer weiter, inzwischen haben sogar zwei Weltkongresse stattgefunden, die Babyschwimmen zum Thema hatten. Die Erkenntnisse gehen weit über die Motorik hinaus. Selbst Fähigkeiten wie situative Anpassung, Selbständigkeit oder der Aufbau von Selbstsicherheit werden mit dem Babyschwimmen in Verbindung gebracht.


Genug experimentiert!

Besonders in den 1970er Jahren gab es viele Eltern, die mit ihren Kindern und dem Element Wasser experimentierten. Es kam zu regelrechten Wettbewerben, bei denen es unter anderem darum ging, wessen Kind am längsten auf dem Rücken an der Wasseroberfläche blieb, ohne unterzugehen. Gut für das Kind kann das kaum sein, und so ist Babyschwimmen heute in erster Linie ein Mittel, um Babys ans Wasser (wieder) zu gewöhnen und Eltern beizubringen, wie sie sich gemeinsam mit dem Kind am besten verhalten. Babyschwimmen beginnt im besten Fall im dritten Lebensmonat des Babys.


Babyschwimmen heißt nicht Schwimmen

Übertriebener Ehrgeiz ist nichts, was beim Babyschwimmen angebracht wäre. Es geht nicht darum, dass Babys schwimmen lernen. Sie sollen sich im Wasser wohlfühlen und spielerisch Fähigkeiten entwickeln, die ihnen kurz- und langfristig helfen. Es reicht völlig, wenn ein Kind mit drei oder vier Jahren das Schwimmen erlernt. Bis dahin gilt es, Vertrauen und Respekt gegenüber dem Wasser aufzubauen. Und zurück zur Ausgangsfrage: Ja, Babys können tatsächlich schwimmen. Aber sie müssen es doch lernen, wenn die Ur-Reflexe nicht mehr greifen. Der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser ist also nicht zu empfehlen. Für Babys nicht. Für Kinder nicht. Und für Eltern im Grunde auch nicht.
 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de