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25 Februar, 2016 - 12:01
 

Warum man Babys eben nicht schreien lassen und ihnen stattdessen schnell helfen sollte

Beim Schreien wächst die Lunge – dieser und ähnlicher Unfug diente lange Zeit als Rechtfertigung dafür, dass man Babys schreien lassen darf, ja sogar soll. Heute sind sich die Erziehungsexperten immer noch nicht gänzlich einig darüber, was nun richtig ist. Der gesunde Menschenverstand und der Elterninstinkt sind hier oft deutlich klarer.

© Ilka Burckhardt - Fotolia.com

Wenn Babys schreien, gehen bei uns Erwachsenen alle Alarmglocken an - und das zu Recht. Denn ein Baby das schreit, ist in Not und braucht Hilfe – auch wenn wir als Eltern nicht immer wissen, wobei. Verweigert man diese, dann lernt ein Kind nur eins: Ich bin allein, wenn ich in Nöten bin, kommt keiner, der mich unterstützt. Diese frühe Erkenntnis wirkt sich auf das ganz zukünftige Leben des Kindes und späteren Erwachsenen aus.


Warum schreien Babys?

Es gibt unzählige Gründe, warum ein Baby schreit, einige davon lassen sich leicht beheben, andere bleiben für uns Erwachsene undurchschaubar. Ist das Kind satt, gewickelt und warm, dann sollte die Welt doch in Ordnung sein, oder? Hat man statt eines zufrieden glucksenden Wonneproppens dann einen feuerroten und laut brüllenden Schreihals vor sich, ist guter Rat teuer. Schreien lassen oder trösten – das sind die beiden Alternativen, die uns jetzt zur Verfügung stehen. Lassen wir das Baby allein, dann senden wir gleichzeitig eine Botschaft: Ich nehme Dich nicht ernst, ich bin nicht für Dich da, Du kannst Dich nicht auf mich verlassen. Für Säuglinge ist diese Botschaft fatal, verhindert sie doch, dass sich eine der wichtigsten Grundgefühle im Leben einstellt, nämlich das unerschütterliche Vertrauen darin, dass das Leben und die Menschen gut sind.

Nehmen wir unser Baby hoch, wenn es schreit, weil wir wissen, dass ein Bedürfnis dahintersteckt, dann vermitteln wir die Verlässlichkeit von Liebe und Zuneigung, auch wenn wir gar nicht wissen, was den Säugling plagt. Oftmals ist es nicht einmal gesagt, dass das Baby aufhört zu schreien, wenn wir es hochnehmen. Mancher „Kummer“ ist unstillbar und muss einfach abgearbeitet werden – der Säugling macht das durch Weinen, wenn es sein muss stundenlang. Angst, Stress, Überreizung sind nur einige der Gründe, die unser Kind anhaltend schreien lassen. Auch wenn es schwer fällt, sollte uns Erwachsenen klar sein: Es kann gerade nicht anders, Schreien ist seine einzige Ausdrucksmöglichkeit und es muss darauf vertrauen, dass wir Rat wissen und wenn nicht, dann eben einfach da sind.


Allein sein heißt sterben

Ein neugeborenes Baby weiß nichts davon, dass es plötzlich ein eigenständiger Organismus in einem eigenen Körper ist. Das Ich-Bewusstsein wird sich erst in einigen Jahren entwickeln, noch gibt es für das Baby nur zwei wesentliche Zustände: Bei der Mutter und damit bei sich zu sein oder ohne die Mutter und damit auch von sich selbst abgetrennt zu sein. Der zweite Zustand ist bedrohlich und kann sich zu einem Dauerzustand manifestieren – wir Erwachsenen kennen das alle das Gefühl, sich nicht zu spüren und nicht bei sich zu sein. Für einen Säugling ist dieses Gefühl das einzige, was zählt und deshalb lebensbedrohlich.

Wird ein Säugling nun direkt nach der Geburt von der Mutter getrennt und dann noch sich selbst und seinem Schreien überlassen, gerät er seinem Gefühl nach in Lebensgefahr und wäre das bis vor nur wenigen Jahrhunderten auch gewesen. Denn damals starb ein Baby tatsächlich in den meisten Fällen, wenn die Mutter nicht als Ernährerin präsent war. Aus diesem diffusen und doch so klaren Wissen heraus, schreit das Baby, um sich bemerkbar zu machen und um zu überleben. Vor diesem Hintergrund erscheint es doppelt grausam, wenn bereits neugeborene Babys schreien müssen, weil die Eltern Machtkämpfe widmen und ihr Kind keinesfalls verwöhnen wollen. Diese Phase kommt, auf jeden Fall, aber nicht, wenn ein Kind gerade damit beschäftigt ist, diese für es so fremde Welt kennenzulernen und Vertrauen zu entwickeln.


Schreien als Machtkampf

Kleinkinder, die so langsam in die Trotzphase einlaufen, benutzen sehr wohl anhaltendes Geschrei, um ihren Willen durchzusetzen. Ab etwa eineinhalb Jahren ist es auch durchaus in Ordnung, ein Kind einmal kurz seinem eigenen Wutgeschrei zu überlassen. Allerdings ist es in dieser Zeit besonders schwierig zu unterscheiden, wann ein Kind einfach wütend und trotzig ist und wann das Weinen ein echtes Bedürfnis ausdrückt. Sie können davon ausgehen, dass ein Baby, das nachts weinend aufwacht, keinen Machtkampf mit Ihnen ausfechten will, sondern aus einem bösen Traum erwacht ist und sich einsam fühlt. Das Geschrei im Supermarkt an der Kasse dagegen lässt sich da schon leichter in die Machtecke einordnen und sollte entsprechend als Trotzreaktion behandelt werden. Allerdings wird auch dann mit dem Schreien ein Bedürfnis geäußert, nämlich das nach Eigenständigkeit und dem Recht auf Selbstbestimmung. Vor diesem Hintergrund fällt es uns Eltern oft leichter, mit dem Schreien des Kindes umzugehen und angemessen zu reagieren.

Insgesamt gilt: Schreiende Kinder zeigen immer ein Bedürfnis und das Schreien zu ignorieren, ist keine Lösung, die dem Kind für die Entwicklung zu einer starken Persönlichkeit weiterhilft. Reagieren Sie auf sein Schreien und unterstützen Sie Ihr Kind. Das bedeutet nicht immer, dass Sie seine Wünsche erfüllen, sondern vielmehr, dass Sie präsent sind und mit ihm zusammen auch die Phasen des Weinens und des Kummers durchstehen.
 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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