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15 Juni, 2017 - 21:43
 

Elternerziehung – warum Erziehung keine Einbahnstraße sein sollte

Kinder können ja bekanntlich nerven. Kinder können aber auch noch unendlich viel mehr. Zum Beispiel ihren Eltern etwas beibringen. Autor Nils Pickert erzählt, welche Charakterzüge er an seinen Kindern beobachtet – und bewundert.

© auremar - Fotolia.com

Gemeinhin sind es ja die Erwachsenen, die Kinder erziehen. In der Kindertagesstätte bringt man ihnen bei, sich an Regeln zu halten und ein Verständnis für die Bedürfnisse anderer zu entwickeln. In der Schule sollen sie für das Leben lernen. Und Zuhause erziehen die Eltern den Rest je nach Schwerpunktsetzung: Verantwortlichkeit, Toleranz, Durchsetzungsvermögen. Aber erziehen Kinder eigentlich auch ihre Eltern? Auf diese Frage scheint es oft nur Antworten zu geben, die sich diffus auf ein Gefühl beziehen. Im Sinne von: „Vor meinen Kindern wusste ich gar nicht, dass ich so stark empfinden kann.“ Man hört selten bis nie Dinge wie: „Bevor ich Kinder hatte habe ich mich nicht getraut, auf Berge zu klettern.“ oder „Seitdem die Kleinen da sind, nehme ich endlich wieder Bücher in die Hand – davor war ich lesefaul.“


Warum denken wir eigentlich, dass Kinder nicht zum Vorbild für Erwachsene taugen?

Kinder scheinen geeignet, uns unbestimmt zu besseren Menschen zu machen, nicht aber dafür, um uns in ganz konkreten Dingen ein Vorbild zu sein oder gar zu erziehen. Alles Erzieherische scheint vom Großen auf das Kleine abstrahlen zu müssen. Allein schon zur Gewissensberuhigung. Dabei sagt die Tatsache, dass Kinder physisch kleiner und jünger als wir sind, überhaupt nichts über die Größe ihrer Wünsche, ihres Mutes oder ihrer Ängste aus. Und schon gar nichts darüber, was wir von ihnen lernen können.

Meine achtjährige Tochter ist beispielsweise einer der mutigsten Menschen, die ich kenne. Sie springt vom 3-Meter-Turm, kann Skifahren und klettert praktisch auf jeden Baum. Dabei sagt sie mir, dass ich jetzt besser wegschauen soll, weil ich mir sonst zu große Sorgen mache. Wenn sie sich eine Verletzung zuzieht, ist sie meistens die Ruhigere von uns beiden. Sie benötigt genau einen Herzschlag, um herauszufinden, was andere fühlen. Wenn jemand Hilfe braucht oder in ihrem Beisein ungerecht behandelt wird, bringt sie sich ein, bietet ihre Unterstützung an und lässt sich auch nicht durch etwaige Widerstände davon abbringen.

Wann ist mein Mädchen eigentlich so stark geworden?


So stark wie meine Kinder wäre ich gerne

Mein sechsjähriger Sohn ist seit knapp einem Jahr überzeugter Vegetarier – als einziger in der Familie. Einige Erwachsene, die sich scheinbar von seiner Konsequenz herausgefordert fühlten, haben mit mehr oder weniger hämischen Verweisen auf Tierkomponenten in Süßigkeiten versucht, ihn zum Einknicken zu bewegen. Nichts da! Stattdessen isst er heute nur noch gelatinefreie Gummibärchen. Und es hat genau eine Woche gedauert, bis er das erste Mal einen Rock in der Schule getragen hat. Ich habe ihn hingebracht und hatte doch ziemliches Muffensausen. Als ein Klassenkamerad Anstalten machte, ihn auszulachen, hat mein Junge ihm erklärt, dass er sich das an seiner Stelle noch mal genau überlegen würde, denn falls der andere irgendwann mal mit ihm spielen wollte, würde das dann leider aus genau diesem Grund nicht gehen. Auslachen geht gar nicht und Leute, die andere auslachen, auch nicht. Danach war Ruhe. Wann ist mein Kerlchen eigentlich so souverän geworden?


Erziehung ist Beziehung – und beruht auf Gegenseitigkeit

Egal wann und wie das letztendlich passiert ist, eines steht jedenfalls fest: Erziehung beruht in unserem Fall auf Gegenseitigkeit, gerade weil Erziehung eben Beziehung ist, wie der Familientherapeut Jesper Juul und andere festgestellt haben. Und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern kann vieles sein, aber auf Einseitigkeit sollte sie ganz sicher nicht beruhen.
Daher möchte ich, wenn ich einmal groß bin, so werden wie meine Kinder. So großzügig, mitfühlend, lustig und selbstbestimmt wie mein Sohn. So scharfsinnig, witzig, mutig und
feinfühlig wie meine Tochter. Das kann aber noch ein Weilchen dauern.

 

Nils Pickert, Jahrgang 1979, gebürtiger (Ost-)Berliner, lebt und arbeitet als freier Autor und Texter in Norddeutschland. Er ist passionierter Koch und Vater zweier Kinder.
 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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