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15 Januar, 2016 - 23:39
 

Erziehungsziele: Vom gehorsamen Kind

„Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst ...“ - weiter braucht man wohl nicht zu schreiben, um zu erkennen, was hinter diesem Spruch steckt. Doch wer denkt, dass derlei antiquierte Aussagen schon seit einer halben Ewigkeit „vom Tisch sind“, der irrt. Es ist noch gar nicht lange her, da galt der Vater als Institution, der nicht widersprochen werden durfte.

© Anja Greiner Adam - Fotolia.com

Selbst für den kürzlich verstorbenen großen LORIOT war der Vater beinahe ein abstraktes Wesen. In seiner unnachahmlichen Art stellte der Künstler später fest, dass in seiner Familie „altväterliche Kasernenbauten und die mütterliche Brust zu einem harmonischen Ganzen“ verschmolzen. Der Vater verließ die Familie früh, und außerdem war es eben eine andere Zeit. Zudem könnte man sagen, dass aus Loriot ja trotzdem etwas geworden ist. Das ist allerdings nicht immer so, und zu Recht kann man die Frage stellen, was für das Kind besser ist: ein Vater, der klare Grenzen setzt oder einer, der dem Nachwuchs Freiräume gestattet? Wie so oft liegt die Wahrheit dazwischen, aber Gehorsam spielt mittlerweile eine immer geringere Rolle.


Wer nicht hören will …

… muss fühlen. Wieder so eine Plattitüde, die lange Zeit in deutschen Wohnzimmern zuhause war. Gehorsam, das war nur zu Zeiten der 68-er-Generation ein Unwort. Damals galt vielmehr, die Kinder machen zu lassen. Um fast jeden Preis. Doch in der Zeit davor und danach wurde von Vätern immer Respekt von ihren Kindern erwartet, der sich in einem gehorsamen Verhalten zu äußern hatte. Das gilt in vielen Familien noch heute. Man kann dieses Erziehungsmodell allerdings als ein langsam auslaufendes bezeichnen, wie Befragungen und Studien belegen.


Emotionale Stabilität statt Duckmäusertum

Eine Studie der „Hessenstiftung – Familie hat Zukunft“ gibt Aufschluss darüber, wie Väter ihre Kinder inzwischen sehen. Befragt wurden vornehmlich Männer aus der Mittelschicht, es ging um individuelle Erziehungsziele. Die Antworten der meisten Männer fielen eindeutig aus. Oberste Priorität haben demnach Kinder mit „Selbstbewusstsein“. Auf den weiteren Plätzen lagen „Neugierde“, „emotionale Sicherheit“ und „Verantwortlichkeit“. Der Begriff „Gehorsam“ nahm einen der letzten Plätze ein. Dafür gibt es zumindest zwei Gründe. Zum einen wünschen sich Väter heutzutage Kinder, die möglichst stark durch die Welt gehen. Jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass die Anforderungen immer weiter wachsen. Dazu gehört auch Konkurrenzkampf, man muss sich durchsetzen. Die Frage, ob man mit dieser Entwicklung einverstanden ist oder nicht, stellt sich nicht, die Rahmenbedingungen sind, wie sie sind. Und eben weil das so ist, wissen Väter, dass nur ein selbstbewusster Mensch reelle Chancen hat, im Haifischbecken moderner Wirtschaft zu überleben.


Mehr Partner als Vorgesetzter

Der zweite Grund, der dazu führt, dass Väter Gehorsam kaum noch Bedeutung beimessen, sind sie selbst. Während Väter in vergangenen Tagen als Respektspersonen galten, die unter anderem als Warnung verstanden wurden („Warte nur, bis Dein Vater nachhause kommt!“), wollen sie mit dieser Rolle nichts mehr zu tun haben. Die Befragung der Hessenstiftung ergab, dass ein Großteil der Väter sich nicht in erster Linie als Schlüsselfigur sieht, die für die charakterliche Prägung zuständig ist. Immerhin knapp die Hälfte gab stattdessen an, sich als Partner zu fühlen, als Mit-Erzieher, der auf Augenhöhe mit der Rolle der Mutter ist.


Geld oder Leben!

Und noch eine Plattitüde: Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts.

Auch wenn es auf den ersten Blick scheint, als würden wir nun endgültig das Terrain eines ansprechenden Niveaus verlassen, spielt doch Geld ebenfalls eine wichtige Rolle in der modernen Erziehung. Nicht umsonst nannten die Befragten „Verantwortlichkeit“als einen wichtigen Begriff. Das bedeutet nicht nur, für Mitmenschen verantwortlich zu sein, sondern auch für sich selbst. Dazu gehört auch ein vernünftiger Umgang mit den eigenen Finanzen. Väter von heute versuchen, ihre Kinder darauf vorzubereiten, später eigenständig für sich zu sorgen und dabei den Blick für das richtige Maß zu finden. Wenn man bedenkt, dass fast täglich neue Schlagzeilen dafür sorgen, dass Geld immer mehr zu etwas Abstraktem wird, das anderswo sorglos ausgegeben oder verspekuliert wird, ist die Herausforderung nur umso höher zu bewerten. Ein wichtiges Erziehungsziel für viele Väter ist daher, aus Schlagzeilen über virtuelle Werte das Gefühl für wahre Werte zu schaffen. Und eine realistische Einschätzung darüber, was man sich leisten kann und was nicht.


Neue Zeiten

Ich kann mich gut an die Plattitüden meines Vaters erinnern. Es waren die hier genannten und noch eine ganze Menge anderer, die er gern von sich gab. Er hatte allerdings auch damals noch keine Ahnung, wie sich die Welt entwickeln würde. Wer weiß, wie er sich verhalten hätte, wenn er gewusst hätte, was in den kommenden Jahren passieren würde. Wichtig ist das inzwischen aber nicht mehr - und ich könnte durchaus sagen, dass er die Entwicklung verpasst hat, vielleicht auch, weil er zu wenig Interesse daran hatte. Vielleicht auch deshalb gehöre ich zu den Vätern, denen Gehorsam nicht so wichtig ist. Ich denke, es ist mir gut gelungen, gegenseitigen Respekt erwachsen zu lassen, der so etwas wie Gehorsam ersetzt. Ob ich meinen Sohn aber auf die Tücken der Zukunft genügend vorbereitet habe, steht auf einem anderen Blatt. Gewisse Zweifel habe ich schon, denn die Welt dreht sich wahnsinnig schnell.

 


Zum Autor:
Jörg Wellbrock, 44, arbeitet als freier Texter und Autor. Neben seinen  hauptberuflichen Texten verfasst er Satiren, Gedichte und  Kurzgeschichten Er tritt regelmäßig auf literarischen Lesungen auf.
Wellbrock ist geschieden und hat einen 15-jährigen Sohn.

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de