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30 November, 2010 - 12:57
 

Gender-Kinder - Mein Sohn spielt mit Puppen, und das ist auch gut so

Immer mehr Eltern möchten ihre Kinder unabhängig von den traditionellen Geschlechterrollen erziehen. Doch oft machen ihnen die Kinder selbst einen Strich durch die Rechnung: Jungs greifen lieber zum Bauklotz, Mädchen zur Puppe. Warum das ganz normal ist – und wie Eltern ihre Kinder trotzdem emanzipiert erziehen können.

© lunamarina - Fotolia.com

Die Welt ist zweigeteilt. In der einen Ecke raufen die Jungs. Sie tragen blaue Latzhosen und lieben Actionfiguren, Lego-Roboter, Playmobil-Ritter. In der anderen Ecke dagegen malen und basteln die Mädchen. Sie ziehen mit Blumen bestickte Kleidchen an und wollen vor allem mit Puppen spielen, mit Prinzessinnen, und zwar möglichst quietschpink wie Lillifee.

 

Geschlechtertrennung in Spielzeuggeschäften

 

Es gibt nur wenige Orte, an denen einem Geschlechterklischees so ins Auge stechen wie in Geschäften für Kinderkleidung und für Spielzeug. Zwischen den Bereichen für Jungs und für Mädchen verläuft eine unsichtbare Linie. Wer sie übertritt, wer zum Beispiel im Laden nach der richtigen Prinzessin für seinen Sohn fragt, der erntet hochgezogene Augenbrauen. Ein Junge soll mit Prinzessinnen spielen? Mit Puppen?
Es gibt Ausnahmen von dieser zweigeteilten Kinderwelt, aber nur wenige, wie Kinderfilme, Familienspiele und, für die ganz Kleinen, Rasseln. Die Geschlechterlinie zieht sich selbst durch die Figurenwelt von Playmobil. Mädchen-Playmobil hat eine rosa Kennzeichnung auf der Verpackung. Statt Rittern und Piraten gibt es „Puppenhaus“ und „Märchenschloss“, anstelle von „Raubritter-Stoßtrupp“ und „Geisterpirat mit Feuerkanone“ gibt es die „Fee mit Blütenthron“ oder das „Zauberhafte Babyzimmer“.

 

Spiel hat großen Einfluss auf die geistige und seelische Entwicklung

 

Was ist schlimm daran, wenn Jungs mit Raubrittern spielen und Mädchen mit Feen? Erst einmal nichts. Doch Entwicklungspsychologen sehen darin eine Gefahr, denn Kinderspiel ist kein Pappenstiel. Mit was und auf welche Weise Kinder spielen, bestimmt ihre geistige und seelische Entwicklung mit. Im Spiel trainieren Kinder ihre Phantasie. Sie vergrößern ihr Wissen, sie lernen, ihre Umwelt zu verstehen. Und ausgerechnet im Spielzeugladen, so sehen es die Forscher, dominieren überkommene Geschlechterrollen, sollen Mädchen mit ihren Puppen Familie spielen, während die Jungs die Welt erobern.
Dabei versuchen heute in Deutschland mehr Eltern als je zuvor, ihre Kinder abseits der traditionellen Klischees aufzuziehen, so das „Generationen-Barometer 2009“ des Instituts für Demoskopie Allensbach. Erziehungsziele haben sich gewandelt, die Persönlichkeit des Kindes steht immer mehr im Vordergrund, seine Gefühle, seine besonderen Fähigkeiten. Hinzu kommt: Immer weniger Eltern entsprechen dem klassischen Familienklischee von berufstätigem Mann und kochender Hausfrau. Immer mehr Mütter gehen arbeiten, immer mehr Väter schieben Kinderwägen, putzen, nehmen Elternzeit. Und Eltern achten immer stärker darauf, ihren Töchtern nicht nur Puppen anzubieten, den Söhnen nicht nur Bauklötze und Spielzeug-Bagger. „Mein Sohn spielt mit Puppen, und das ist auch gut so.“ Internet-Foren sind voll von solchen Bekenntnissen.

 

Unterschiede im Spielverhalten von Jungen und Mädchen mit Beginn des dritten Lebensjahres

 

Und doch ist in derselben Allensbach-Studie zu lesen: Kinder suchen sich, wenn sie wählen können, nach wie vor mehrheitlich Spielzeug aus, das ihrem traditionellen Rollenmuster entspricht. Mädchen lieben Puppen, Jungs bevorzugen Autos und Klötze, Erziehungsbemühungen hin oder her.
Zumindest ab dem zweiten bis dritten Lebensjahr. Ob bereits ein Säugling spürt, ob er männlich oder weiblich ist, weiß niemand mit Sicherheit. Im Spielverhalten aber gibt es in den ersten 18 Monaten noch keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Das zeigen Spielstudien der Universitätskinderklinik Zürich. Mädchen nehmen Gegenstände genauso oft und lange in den Mund wie Jungs. Und wenn man Jungen eine Puppenstube anbietet, spielen sie genauso mit ihr wie Mädchen. Sie füttern die Puppen, kämmen ihnen die Haare, bringen sie ins Puppenbett.

Erst um den Beginn des dritten Lebensjahres herum beobachten die Zürcher Forscher erste Unterschiede im Spielverhalten. Beispiel Puppenherd: Mädchen benutzen ihn vor allem, um die Erwachsenen zu imitieren und zu kochen. Jungs dagegen neigen zum Auskundschaften; sie nehmen den Herd lieber auseinander und sehen nach, wie er funktioniert.
Kinder begreifen jetzt auch, was ein Mädchen ist, was ein Junge, und was im Alltag den Unterschied ausmacht. Die meisten Kinder legen sich jetzt auf Spielzeug fest, das zu ihrem Geschlecht passt. Für viele Jungs werden Puppen zu „Mädchenkram“, Mädchen entdecken ihre Liebe zur Farbe Rosa. Und Eltern verzweifeln an ihrem Versuch, ihr Kind emanzipiert zu erziehen.

 

Kinder orientieren sich bei den Geschlechterrollen am Vorbild der Eltern

 

Allerdings zu Unrecht. Denn das Klischeeverhalten ihrer Kinder ist nur eine Phase, im Grundschulalter ist sie in der Regel abgeschlossen. Entwicklungspsychologen zufolge steckt dahinter letztlich Unsicherheit. Die Kinder experimentieren mit Geschlechterrollen und leben diese Rollen aus, weil sie noch kein Gefühl für ihr eigenes Junge- oder Mädchen-sein haben und eine solche Identität entwickeln müssen.
Dabei orientieren sich die Kinder vor allem an ihren Eltern. Jungen verhalten sich so, wie sie ihren Papa wahrnehmen, Mädchen orientieren sich an Mama. Das heißt: Eltern leben ihren Kindern die Geschlechterrollen vor. Sie müssen sich klar machen, wie sie sich als Vater und Mutter definieren und welches Vorbild sie sein wollen. Wenn sie ihr Kind emanzipiert erziehen wollen, müssen sie sich selbst emanzipiert verhalten. Wenn immer die Mutter aufräumt und putzt, lernt das Kind: Haushalt ist Aufgabe der Frau.

Doch auch bei perfekter Rollenteilung zwischen Vater und Mutter: Ganz vermeiden lässt es sich nicht, dass ein Kind klassische Rollenbilder erlebt. Vieles nämlich geschieht unbewusst. Mädchen etwa werden durchschnittlich häufiger und länger gekuschelt als Jungen. Und Kinder spüren sehr deutlich, was ihre Eltern an ihnen mögen, und dazu zählt auch die subtile Erwartung, sich „wie ein Mädchen“ oder „wie ein Junge“ zu verhalten. Generell beschreiben Erwachsene dasselbe Kind sehr unterschiedlich, je nachdem, ob sie glauben, dass es ein Mädchen oder ein Junge ist – das haben Versuche gezeigt.
Und schließlich ist das Vorbild der Eltern nicht der einzige Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes. Es sammelt Eindrücke unter anderem von Erziehern und Erzieherinnen in Kinderkrippe und Kindergarten, von anderen Kindern, aus den Medien. Und im Spielwarengeschäft wartet der „Raubritter-Stoßtrupp“ – oder, je nachdem, das „Zauberhafte Babyzimmer“.

 

Zum Weiterlesen:

http://www.familie-stark-machen.de/files/gb09_download.pdf

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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