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9 November, 2017 - 13:21
 

Hochbegabte: Oft bleiben sie unerkannt

Kleine Genies haben es schwer. Sie sind verkannt, ihre außerordentlichen Fähigkeiten werden nicht entdeckt, die Folge sind Verhaltensauffälligkeiten. So oder so ähnlich sieht das Bild in der Öffentlichkeit aus, wenn es um Hochbegabte geht. Doch stimmt das wirklich? Geht mit einer Hochbegabung -wenn sie nicht erkannt und gefördert wird- tatsächlich immer auffälliges Verhalten einher? Pauschal lässt sich das zwar nicht in jedem Fall widerlegen, jedoch auch nicht bestätigen. Ein wenig komplizierter ist die Sache dann schon.

© HaywireMedia - Fotolia.com

Das hochbegabte Kind ist kein kleiner „Rain Man“. Es erkennt nicht auf einen Blick, wie viele Streichhölzer aus einer Schachtel herausgefallen sind. Auch wenn Hochbegabte zuweilen Verhaltensauffälligkeiten zeigen, so sind diese doch keine Folge einer Behinderung, wie es bei Autisten der Fall sein kann. Zudem ist nicht jedes hochbegabte Kind ein kleines Genie. Fakt ist aber, dass Hochbegabte früher Fähigkeiten entwickeln, die andere Kinder nicht haben. Werden diese nicht gefördert, verkümmern sie im schlimmsten Fall. Für die schulische und berufliche Fortentwicklung ist das Gift.


Die Entdeckung der Hochbegabung

Der US-amerikanische Psychologe Lewis M. Terman hat Vieles richtig gemacht. Terman widmete sich Anfang des 20. Jahrhunderts der Begabtenforschung und sollte unter anderem auf eine Empfehlung hin mit einem Jungen namens William Shockley zusammenarbeiten. Doch dieser erreichte nicht den kritischen Intelligenzquotienten nach dem Stanford-Binet-Test. Im Gegensatz zu anderen von Terman in seine Hochbegabtengruppe aufgenommenen Mitglieder schaffte es Shockley allerdings, später den Nobelpreis für Physik zu erhalten. Alles hatte Terman also nicht richtig gemacht, denn der IQ allein ist kein Zeichen von höherer oder minderer Begabung. Andere Mitglieder der Hochbegabtengruppe von Terman wurden zwar ebenfalls beruflich sehr erfolgreich, an die Fähigkeiten eines William Shockley reichten sie jedoch nicht heran. Und auch wenn Terman offenbar die Lage nicht auf ganzer Linie richtig einschätzen konnte, gilt sein Auswahlverfahren noch heute vielfach als gesetzt. In einem Punkt wurde er aber inzwischen widerlegt. Eine hohe Intelligenz allein reicht nicht aus, um Höchstleistungen zu erbringen. Genau hier liegt meist das Problem bei Hochbegabten, die nicht gefördert werden.


Das unauffällige (hochbegabte) Kind

Es ist ein Klischee, das es den Kindern nicht leichter macht. Wenn hochbegabte Kinder sich sozial auffällig verhalten, so entsteht das meist aus einem Gemisch aus Unterforderung und Überforderung. Mit dem schulischen Stoff sind sie hemmungslos unterfordert, daraus entsteht Langeweile und Desinteresse. Das wiederum hat in der Regel zur Folge, dass die Noten schlechter werden, obwohl die Begabung eigentlich eine andere Sprache sprechen müsste. Wenn Kinder sich immer wieder langweilen, kommt es vor, dass sie sozial auffällig werden. Doch das ist längst nicht bei allen hochbegabten Kindern so. Die meisten geben sich ihrem Schicksal unauffällig hin, sie wirken auf die Lehrer weder besonders begabt noch ausgesprochen unbegabt. Die Noten bewegen sich oft im Mittelfeld, was es schwerer werden lässt, die Hochbegabung zu erkennen. Trotzdem spüren Hochbegabte, dass sie anders sind, dass ihnen der Lernstoff fast zufliegt. Doch genau diese Tatsache überfordert sie psychisch. Unter Umständen bleiben die besonderen Fähigkeiten eines Kindes sein Leben lang unerkannt. Und ohne Förderung.


Förderung ohne Eliten

Die Schule ist meist nicht in der Lage, Hochbegabte angemessen zu fördern, selbst wenn die Fähigkeiten entdeckt werden. Für die richtige Förderung gibt es Stellen wie beispielsweise das Hoch-Begabten-Zentrum Rheinland in Brühl. Der dort tätige Psychologe Dr. Michael Wolf bringt die Problematik von Hochbegabten auf den Punkt. Er sagt: „Begabung ist wie ein Muskel, der ständig trainiert werden muss.“ Bleibt das Training aus, verkümmert der Muskel, die Hochbegabung kann nicht weiter ausgebaut und genutzt werden. Mit einer elitären Grundeinstellung will das Zentrum aber nichts zu tun haben, ganz im Gegenteil. Schon über 10 Jahre berät und fördert es Kinder und deren Eltern rund um die Frage nach dem richtigen Umgang mit Hochbegabung. Von der Frankfurter Karg-Hochbegabten-Stiftung erhielt es dafür sogar einen Preis. Bei der Betreuung der sogenannten „Minderleister“ geht es vornehmlich darum, verhaltensauffälligen Kindern zu helfen. Es sind die Kinder, die dem Klischee entsprechen, durch ihre Begabung un- oder gar asozial zu wirken.


Keine Angst vor hohen Kosten!

Wenn es um die Förderung von hochbegabten Kindern geht, treibt Eltern eine Sorge ganz besonders um: die nach den Kosten. Mit Hochbegabung werden oft teure private Einrichtungen verbunden. Viele Eltern nehmen an, dass die Hochbegabung ihres Kindes sowieso nicht reicht, um zu einer Förderung zu kommen. Und zwar schlicht deshalb, weil sie es sich nicht leisten können, jeden Monat hunderte Euro in die Fähigkeiten ihres Nachwuchses zu investieren. Das Hoch-Begabten-Zentrum geht jedoch den umgekehrten Weg. Dort wird davon ausgegangen, dass Kinder aus wohlhabenden und reichen Familien sowieso die Förderung erhalten, die sie brauchen, weil die finanzielle Lage es dort erlaubt, geeignete Maßnahmen zu ergreifen. So werden beispielsweise Kinder mit Migranten-Hintergrund bevorzugt behandelt, denn sie und Kinder mit vergleichbaren Biographien sind es in der Regel, die auffällig werden. Genau hier setzt das Zentrum an. Rund 200 Kinder werden jedes Jahr beraten, reiche Familien stehen dabei nicht im Fokus, sondern eher in zweiter oder dritter Reihe.


Es gibt kein Allheilmittel

Sind die Verzweiflung und die Probleme über die eigene Situation erst groß genug, greifen Eltern nach jedem Strohhalm. Gut zu beobachten ist das beim Leidensdruck, der mit der Diagnose ADS oder ADHS einhergeht. Rat- und hilflose Eltern akzeptieren hier sogar die Vergabe von Medikamenten, wenn es denn Besserung verschafft. Für Hochbegabte gibt es keine Medikamente, auch gibt es nicht den Hochbegabten, der mit einer einzigen Methode gefördert werden kann. Wenn Sie also das Gefühl haben, Ihr Kind ist hochbegabt, sollten Sie Rat von Profis in Anspruch nehmen. Die Basis bilden aussagekräftige Tests, damit keine falschen Diagnosen gestellt werden. Die nächsten Schritte sind dann zu besprechen und individuell abzustimmen. Denn genau das ist ihr Kind in jedem Fall, egal, wie das Testergebnis aussieht: ein Individuum.
 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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