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18 Juli, 2016 - 11:33
 

Kinder lohnen sich nicht – man hat nur Freude mit ihnen

Heutzutage muss alles irgendwie betriebswirtschaftlich begründet werden können. Zeit ist Geld - und davon haben wir alle zu wenig. Es ist ein ständiges Abwägen von Aufwand und Nutzen, das die Menschen antreibt. Kinder passen in dieses Bild im Prinzip nicht hinein. Sie kosten Geld, jahrelang.

© goodluz - Fotolia.com

Es ist ja nicht nur so, dass Kinder unsere Finanzen beeinflussen. Sie müssen auch noch zu großen und starken Persönlichkeiten heranreifen, wir müssen also auch noch in die Erziehung investieren. Oder vielleicht doch nicht? Es ist ausgerechnet ein Ökonom namens Bryan Caplan, der die Ansicht vertritt, dass wir es mit der Erziehung übertreiben. Er rät dazu, sich weniger Gedanken darüber zu machen, wie wir unsere Kinder erziehen. Vielmehr sollten wir uns darauf konzentrieren, mehr Kinder zu zeugen. Sagt ein Ökonom.


Schluss mit der Aufopferung!

Für Brian Caplan ist die Sache klar. Eltern opfern sich für ihre Kinder auf und übertreiben es damit. Letztlich, so der Ökonom, ist der Einfluss von Erziehung auf lange Sicht betrachtet sowieso kaum wesentlich. Wie ein Kind sich später entwickelt, hänge nur zu einem verschwindend geringen Anteil mit der Erziehung der Eltern zusammen, sondern vielmehr mit den Genen. Und genau deswegen rät Caplan, sich diesen ganzen Erziehungsstress zu sparen und statt nur eines Kindes lieber gleich über zwei oder drei in die Welt zu setzen. Zudem vertritt er die Ansicht, dass in der heutigen Zeit viel zu viele Aktivitäten im Terminkalender von Eltern und Kindern stehen. Auch hier sieht er die übergroße Angst, dass „schlechte Menschen“ aus den eigenen Kindern werden. Die Tatsache, dass ein Kind Klavier spielt, unterschiedliche Sportarten betreibt und womöglich noch in einer Schach-AG mitspielt, fördere in den Augen vieler Eltern Kreativität und Persönlichkeitsentwicklung, so Caplan. Daher organisieren Eltern für ihre Kinder mehr, als wirklich gut wäre.


Große Erziehung, kleine Wirkung

Erziehung wird völlig überbewertet. Findet Brian Caplan. Der Ökonom hat sich intensiv mit Entwicklungspsychologie auseinandergesetzt und kommt zu dem Schluss, dass Kinder später werden, wie es die Gene vorsehen. Der elterliche Einfluss spielt eine untergeordnete Rolle. Caplan führt Untersuchungen und Studien an, die das belegen sollen. So wurden an eineiigen Zwillingen und Adoptivkindern Beobachtungen durchgeführt, die zu dem Ergebnis kamen, dass es nahezu egal ist, ob Kinder arm oder reich aufwachsen, ein konservatives Elternhaus haben oder in einem Hippie-Haushalt groß werden. Caplan vergleicht Kinder mit einem Stück Plastik, das man zwar kurzfristig verändern könne. Irgendwann aber bringt es sich in seine Ursprungsform zurück. Eltern dagegen würden annehmen, sie hätten es mit einem Stück Ton zu tun, das sie nach Belieben verformen könnten.


Einfluss auf Religion und Politik

Zwar seien die Gene ausschlaggebend für das, was ein Mensch später einmal wird. Doch in zwei Punkten erkennt der Ökonom Caplan dennoch den Einfluss der Eltern. Sowohl bei der religiösen als auch bei der politischen Haltung, die Kinder später einmal entwickeln, orientieren sie sich stark am Elternhaus. Selbst das geschieht aber eher im Verborgenen und inhaltlich ist das Elternbild meist nicht so wichtig. Befragt man junge Erwachsene nach ihren religiösen oder politischen Überzeugungen, sind die zwar oft mit denen der Eltern identisch. Begründet werden sie aber durch Parteiprogramme oder religiöse Schriften.


Keine Zeit zum Kinderkriegen

Das Beispiel einer Amerikanerin, zeigt eindrucksvoll, wie schwer man sich das Leben machen kann. Die Frau beklagte, schon gern noch ein drittes Kind haben zu wollen. Logistisch allerdings sei das nicht leistbar, so die Mutter von zwei Kindern. Ihre beiden Söhne spielen Fußball, das ist organisatorisch gerade noch zu schaffen. Für einen dritten Fußballspieler in der Familie fehle der Mutter aber die Zeit. Und wenn eines der Kinder kein Fußball spielt? Das kommt für die Mutter nicht infrage, denn so würde es an wichtiger Förderung für das Kind fehlen. Hier kommt wieder Brian Caplan ins Spiel und sagt, dass er die Logik der Mutter auf den Kopf stellt. Er meint, dass es keine Beweise dafür gäbe, dass ein Kind, das nicht Fußball spielt, später zum Versager wird. Die Mutter ist für ihn ein Beispiel dafür, dass man es sich viel zu schwer machen kann. Caplans Empfehlung: Die Mutter soll aufhören, sich zu viele Gedanken zu machen und sich um die Zeugung des dritten Kindes kümmern. Alles andere wäre nur überflüssiger Stress und Ärger.


Betriebswirtschaftlich betrachtet waren Kinder schon immer eine Nullnummer

Früher war alles anders. Und wenn man den verklärten Gedanken der Freunde vergangener Zeiten glauben will, war auch alles besser. Kinder bäuerlicher Gemeinschaften sorgten später für ihre Eltern, sie waren also die beste Altersvorsorge, die man sich nur wünschen kann. Doch Brian Caplan sieht auch das anders und verweist auf zahlreiche Untersuchungen, bei denen die beteiligten Ökonomen immer nur zu einem Schluss kamen: Rendite durch Kinder sind ein Irrglaube. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Kinder damals auf dem Hof mithalfen, die Investitionen für Kleidung, Ernährung oder die Erziehung waren höher als der Gewinn. Das betrifft im Übrigen auch die Pflege im Alter. Caplan merkt an, dass die Menschen damals gar nicht so alt wurden, um sich lange genug von den eigenen Kindern pflegen und versorgen zu lassen. Und heute? Aus der Sicht des Ökonomen Brian Caplan ist ein Kind als Investition ebenso nachhaltig wie ein High-Tech-Fernseher. Als Wirtschaftswissenschaftler sind sie ein Konsumgut, das nicht zur Vermehrung des eigenen Vermögens beiträgt. Caplan, selbst Vater, sieht eigentlich nur einen vernünftigen Grund, Kinder in die Welt zu setzen: „Weil Kinder einfach toll sind.“

 


Hier das vollständige Interview aus dem SPIEGEL:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-85431548.html
 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de