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1 Oktober, 2015 - 08:22
 

Typisch Junge - typisch Mädchen

Mädchen und Jungen verhalten sich in ihrer Entwicklung sehr unterschiedlich. Doch warum ist das so? Nur, weil wir sie ungleich behandeln? Oder spielen auch genetische Gründe eine Rolle?

© Dream-Emotion - Fotolia.com

Als Vater einer 7-jährigen Tochter und eines zwei Jahre alten Sohnes bin ich doch immer wieder überrascht, wie unterschiedlich sich die Beiden entwickeln. Noch vor einigen Jahren dachte ich etwas blauäugig, dass die charakterlichen Unterschiede bei zwei Kindern einer Familie nicht sonderlich groß sein könnten. Frei nach dem Motto: Auf die Erziehung kommt es an – der Rest kommt von allein!
Weit gefehlt und Grund genug, mich mit verschiedenen Auffassungen der Wissenschaft zu beschäftigen und sie mit meinen eigenen Beobachtungen zu vergleichen.


1. Entwicklung

Bereits im Mutterleib entwickeln sich die Gehirne von Jungen und Mädchen unterschiedlich. Verantwortlich dafür, so die Wissenschaft, ist die unterschiedlich hohe Konzentration des Hormons Testosteron. Die Bereiche für Aggression und Sexualität sind in männlichen Gehirnen stärker ausgeprägt, während in den weiblichen die Gehirn-Hälften stärker vernetzt sind. Daher reagieren schon männliche Babys stärker auf Mobiles, weibliche finden Gesichter interessanter.

Meine beiden Kinder bildeten als Babys da keine Ausnahme. Meine Tochter hatte schon immer ein sonniges Gemüt und war sowohl gegenüber der Familie als auch bei Fremden sehr aufgeschlossen, neugierig und ohne Scheu. Ganz anders dagegen mein Sohn. Bis zu seinem ersten Geburtstag und sogar noch darüber hinaus lehnte er quasi alles ab, was er nicht unmittelbar der Familie zuordnen konnte. Erst kam für ihn die Mama, eng gefolgt von seiner Schwester, danach kam unser Hund und zum Schluss ich. Kein Scherz! Allerdings konnte man ihm schon immer mit Spielzeug aller Art eine Freude machen – hauptsache, es machte Krach und bewegte sich irgendwie. Vermutlich wirkte das weniger bedrohlich als Oma und Opa.


2. Der Kuschelfaktor

Wer kuschelt lieber? Die Meinung der Wissenschaft ist eindeutig und nicht überraschend. Klar, es sind die Mädchen. Vermutlich, weil sie unbewusst zärtlicher behandelt werden und als Babys mehr Streicheleinheiten bekommen als kleine Jungen. Nicht nur von den Eltern, sondern auch von Verwandten bzw. Erwachsenen ganz allgemein.

Nun, dieser Auffassung kann ich mich persönlich nicht anschließen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sich meine Frau des Öfteren beklagte, dass unsere Erstgeborene keineswegs ein großer Kuschler wäre. Sie war teilweise schon traurig, ja fast enttäuscht, dass unsere Tochter in den ersten Monaten und Jahren nur wenig Nähe brauchte. Mittlerweile ist das aber nicht mehr so und sie genießt ihre Streicheleinheiten.
Bei unserem Sohn verhält sich das wiederum ganz anders. Für ihn gab und gibt es nichts Schöneres, als mit der Mama zu schmusen und Arm in Arm mit ihr einzuschlafen. Und ich sage bewusst „Mama“, denn in den ersten anderthalb Jahren nach seiner Geburt hing mein Sohn wie eine Klette an meiner Frau. Sie konnte praktisch keinen Schritt allein unternehmen, ohne dass unser Stammhalter mit lautem Geschrei seinem Unmut Luft machte. Das war eine harte Zeit. Nicht nur für meine Frau, sondern auch für mich. Es ist schon eigenartig, wenn das eigene Kind nur die Nähe der Mutter sucht und den Vater lediglich als Randnotiz wahrnimmt. Gott sei Dank hat sich dies nun geändert und wir sind die besten Kumpel geworden, die nicht nur zusammen raufen, sondern auch miteinander kuscheln können. Aber der Weg dahin war verdammt lang.


3. Laut und leise

Niemand weiß genau, woran es liegt, aber in puncto Babygeschrei liegen ganz klar die Jungen in Führung. Experten vermuten, dass das Nervensystem von Jungen bei der Geburt etwas weniger ausgereift ist, als dies bei den Mädchen der Fall ist. Auch dass viele männliche Babys stressanfälliger sind, ist bekannt.

All das kann ich nur bestätigen. Meine Tochter war schon immer ein sehr ruhiges, zurückhaltendes Kind und hat auch als Baby vergleichsweise wenig geweint. Und wir als Eltern mussten damals das eine oder andere Mal schmunzeln, wenn verzweifelte Mütter versuchten, ihren brüllenden Nachwuchs zu bändigen. Allerdings wurde uns erst mit der Geburt unseres Sohnes klar, welchen Lautstärkepegel Babys überhaupt erreichen können. Noch immer wundert es uns, dass nicht irgendwann einmal das Jugendamt vor der Tür stand, um nach dem Rechten zu sehen.


4. Spielzeug

Allgemein wird angenommen, dass für Jungen mehr Geld für Spielzeug ausgegeben wird, weil dieses einfach teurer ist als das der Mädchen. Es gibt sogar Studien, die das belegen.

Dazu fällt mir nur eins ein: Hahaha!

Sicher, technisches Spielzeug für Jungen kostet eine Menge Geld. Und ich möchte mir noch gar nicht ausmalen, welche Ausgaben auf uns zukommen, wenn wir all die ferngesteuerten Hubschrauber, Autorennbahnen und große Teile der LEGO-Technic-Produkte kaufen, (die ich mir sehnlichst wünsche) welche sich mein Sohn später bestimmt wünscht.

Aber: Mädchenspielzeug bekommt man auch nicht umsonst. Sicher werden mir viele Eltern mit weiblichem Nachwuchs zustimmen, dass beispielsweise Barbie, Ken und ihre anderen Kumpane sehr kostspielige Hausfreunde sind. Ganz zu schweigen davon, dass die ja auch noch in irgendeiner Villa wohnen und, damit sie sich nicht langweilen, über einen eigenen Fuhrpark, mehrere Pferde und eine ganze Swimmingpool-Landschaft verfügen müssen. Und dabei spreche ich noch nicht einmal von den Prinzessinnen, Einhörnern, Kuscheltieren und was es sonst noch so gibt. Sie haben eines gemeinsam: Sie wollen nie alleine sein!

Kurzum: Im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten haben wir unserer Tochter sehr viele materielle Wünsche erfüllt und auch bei unserem Sohn wird das nicht anders sein. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sich diese Ausgaben finanziell nur wenig unterscheiden werden.


5. Terminator meets Mutter Theresa

Mädchen gelten im Allgemeinen als eher fürsorglich, während Jungen gern ihre Kräfte messen.
Ist das ein Vorurteil oder ist da tatsächlich etwas dran?
Viele Entwicklungsforscher bestätigen diese These und haben in zahlreichen Studien herausgefunden, dass sich Jungen und Mädchen beim Spielen und im Umgang mit anderen Kindern sehr unterschiedlich verhalten. So wurde nachgewiesen, dass sich Mädchen viel eher bemühen, mit anderen gut auszukommen und sich zu verständigen. Und auch in puncto Hilfsbereitschaft liegen sie weit vor den Jungen, die sich dafür häufiger angriffslustig zeigen und sich öfter erfolgreich behaupten.

Die Ursachen dafür sieht die Evolutionspsychologie in der Menschheitsgeschichte. Männer waren von je her die Beschützer der Familie, verteidigten deren Besitz und eroberten neue Gebiete im unerbittlichen Streit mit Widersachern. Frauen hingegen kümmerten sich um die Kinder, das Essen, die Kleidung und bildeten so ihre sozialen und kommunikativen Fähigkeiten aus.

Dieser Meinung kann ich mich bisher durchaus anschließen. Meine Tochter ist ein friedlicher kleiner Zeitgenosse mit einem großen Freundeskreis. Auch für ihren Bruder ist sie immer da und übernimmt nur zu gern die beschützende Mutterrolle.
Ein Beispiel gefällig? Neulich, wir hatten gerade die Wohnung verlassen und waren auf dem Weg zum Spielplatz, fragte mich meine Tochter doch tatsächlich, ob ich daran gedacht hätte, ihrem Bruder einen Schal umzubinden, da es doch heute sehr kalt sei. Fürsorge pur. Tja, und auf dem Weg zurück in unser trautes Heim, um selbigen zu holen, dachte ich darüber nach, wie schnell die Zeit vergangen war und aus meiner Kleinen nun ein großes Mädchen geworden ist. Ich war und bin sehr stolz auf sie.

Das gilt natürlich auch für meinen Sohn, dem kein Kind so leicht die Sandkastenschaufel aus der Hand nehmen kann und welcher auch fast nie vergisst, mir bei der abendlichen Begrüßung vor das Schienenbein zu treten. Er meint das keineswegs böse, sondern es ist wohl seine Art zu sagen: „Schön, dass du da bist! Jetzt können wir endlich spielen.“
Ich bin mir absolut nicht sicher, ob sein Verhalten etwas mit der Menschheitsgeschichte zu tun hat. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich ihn unbewusst doch anders behandle und etwas wilder mit ihm spiele. Wer weiß?


Und die Moral, von der Geschicht …?

… eindeutig weiblich oder männlich verhält sich niemand – das gibt es nicht.

Die Forschung geht mittlerweile davon aus, dass sowohl die Gene als auch die Umwelt die Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder gleichermaßen beeinflussen. Und eine Unterscheidung, was vererbt oder anerzogen wurde, ist nicht eindeutig zu treffen.

Meine Frau und ich versuchen, unsere Kinder dahin gehend zu erziehen, dass sie sich sowohl zu fürsorglichen als auch zu durchsetzungsfähigen Menschen entwickeln. Denn wir sind der Meinung, dass dies, gerade in der heutigen Zeit, von immenser Bedeutung ist. Wir leben nun einmal in einer Leistungsgesellschaft, in der es auch wichtig ist, sich durchboxen zu können. Aber es ist ebenso von Belang, für andere Menschen da zu sein und zu helfen, wann immer es notwendig ist. Das sind Eigenschaften, die nie aus der Mode kommen (sollten).
Und dabei spielt das Geschlecht keine Rolle. Zumindest in diesem Punkt sind wir uns sicher.

 

Der Autor:
Daniel Polzer arbeitet als freiberuflicher Texter und Werbetexter.
Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt er in Leipzig.

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de