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21 November, 2017 - 09:10
 

Warum ich meine Tochter geschlechtsneutral erziehen möchte

Eltern wollen das Beste für Ihr Kind – ganz klar. Viele Männer machen sich daher nach der Geburt ihrer Töchter deutlich mehr Gedanken um die Herausforderungen von Frauen in unserer Gesellschaft, als sie das vor der Geburt ihrer Mädchen taten.  Vielen Töchter-Vätern ist es wichtig, dass ihre Mädchen später ein selbstbestimmtes Leben führen können – und dabei die gleichen Chancen haben wie Jungen. Ein Mädchen-Papa schreibt darüber, was er seinen Töchtern als Rüstzeug ins Leben mitzugeben versucht.

© goodluz - Fotolia.com

Ich bin Vater von zwei Töchtern. Mir ist es wichtig, dass sie in ihrem Leben die selben Rechte und Chancen haben wie Jungen auch. Rechtlich sind in Deutschland Männer und Frauen gleichgestellt, aber es gibt noch Unterschiede in den beruflichen Aussichten der Geschlechter. Einiges davon liegt auch am Verhalten der Frauen selbst – einige trauen sich zu wenig zu, sind bei Verhandlungen zu zurückhaltend oder denken, dass „man“ gewisse Dinge als Frau nicht tun sollte. Diese Verhaltensweisen sind nicht biologisch bedingt; sie sind erlernt oder anerzogen. Hier sehe ich mich in der Verantwortung. Ich möchte meine Töchter so geschlechtsneutral wie möglich erziehen – also so, wie ich es auch bei einem Jungen tun würde. Das Mädchenhafte möchte ich bei der Erziehung bewusst nicht betonen.


Was ich meinen Töchtern auf dem Weg ins Leben mitgeben möchte

Ich möchte  

  • meinen Töchtern die Fähigkeiten mitgeben, ihr Leben allein zu meistern – wenn nötig oder wenn sie es wollen. Wenn sie einen Partner finden, dann ist das toll. Aber sie sollen nie verzweifelt jemanden suchen, weil sie denken, nicht allein zurecht zu kommen.
  • Ich möchte ihnen das nötige Selbstbewusstsein mitgeben, dass sie nicht schlechter sind als irgendjemand anders – egal, ob Mann oder Frau.
  • Meine Töchter sollen in der Lage sein, sich selbst Gehör zu verschaffen und nicht zu denken, man werde sie schon bemerken.
  • Meine Mädchen sollen sich für ihre eigenen Interessen einsetzen und ihre Themen mit Argumenten gut vertreten können – und nicht mit Tränen, Hundeblick, Augenaufschlag oder einem Wutanfall.
  • Sie sollen lernen, dass die Erwartungen der Gesellschaft an Frauen für sie persönlich unwichtig sind („ein Mädchen macht das nicht“). Das einzige, was zählt, ist, welches Verhalten SIE für richtig halten und was IHNEN wichtig ist.

Ich bin der Meinung, dass all dies Punkte sind, die Frauen früherer Generationen davon abgehalten haben, ihr persönliches Potential voll auszuschöpfen. Zum guten Teil sind dies Erwartungen, von denen Mädchen früher glaubten, ihnen entsprechen zu müssen - getreu dem Spruch: "ein Mädchen macht so etwas nicht". Meiner Meinung nach ist das sehr schade und großer Quatsch. Männer scheren sich viel seltener um gesellschaftliche Konventionen, die sie nicht nachvollziehen können - und ich glaube, das ist gesünder.


Wie kann ich als Vater meine Töchter stärken?

Natürlich mache ich mir Gedanken, wie ich meine Töchter stärken kann und was ich eventuell anders machen möchte als andere Eltern. Hier ein paar Punkte, die mir bei der Erziehung wichtig sind.

Unter anderem versuche ich,

  • meinen Töchtern so viel Selbstbewusstsein wie möglich mitzugeben.
  • Wenn ich sie lobe – und das tue mich häufig – dann normalerweise für das, was sie getan haben statt für ihr Aussehen (letzteres fällt mir nicht immer leicht, denn sie sind echt süß).
  • Ich ermutige sie, für ihre Interessen mit Argumenten einzutreten. Wenn mich mein Kind überzeugen kann, dann bekommt es in der Regel auch das, was es will. Das macht es uns als Eltern zugegebenermaßen nicht immer leicht. Aber wir denken, der Lerneffekt ist es wert.
  • Ich versuche nie „das kannst Du nicht“ zu sagen. Und schon gar nicht „das können Jungen besser“.
  • Frust bleibt im Leben von Kindern nicht aus. Daher bemühe ich mich, gegenüber meinen Kindern deren Fähigkeiten zu betonen.
  • Mir ist es wichtig, die Selbstständigkeit meiner Kinder zu fördern. Das ist anstrengend und ich bin oft zu ungeduldig, sie alles selbst tun zu lassen. Aber ich muss da durch.
  • Meinen Töchtern gegenüber versuche ich, die Möglichkeiten zu betonen – das, was geht – und nicht das, was nicht geht.
  • Ich bemühe mich, meinen Mädchen ein positives Körperbewusstsein zu vermitteln. Ihr Körper ist schön – auch nackt - und daran gibt es nichts zu kritisieren. Man sollte seinen eigenen Körper lieben und mit seiner Hilfe Spaß haben.
  • Ich versuchte anfangs, bei meinen Töchtern zu „mädchenhafte“ Kleidung zu vermeiden. Selbst war ich anfangs kein Freund der Farbe rosa. Inzwischen kann ich damit leben. Mir gefällt vor allem nicht, wofür diese Farbe oft steht – das sehr „girliehafte“. Meine große Tochter entwickelt inzwischen ihren eigenen Kleidergeschmack und es ist okay, dass sie nun entscheidet, was sie trägt.
  • Meine Mädchen sollen lernen, sich dem Anlass entsprechend anzuziehen – oft auch lieber praktisch als besonders schön. Auf der Rutsche sind Hosen zum Beispiel meist praktischer als Kleider.
  • Meine Frau und ich versuchen, Makeup, aufwändige Frisuren und Outfits bei unseren Töchtern noch zu vermeiden. Das kommt sowieso früh genug.
  • Ich versuche, meine Töchter bewusst auf Frauen als Vorbilder hinzuweisen, frei nach dem Motto „siehst Du, Frauen, können das auch“. Ob es Fußballerinnen im Fernsehen, Politikerinnen, Handwerkerinnen oder unsere Kinderärztin sind.
  • Außerdem bemühe ich mich, meinen Töchtern eine positive Lebenseinstellung zu vermitteln. Es ist erwiesen, dass eine optimistische Einstellung zum Leben an sich vieles einfacher macht und hilft, die Enttäuschungen, die zwangsläufig kommen, leichter zu verarbeiten.   
  • Wohl das Wichtigste: ich habe meine Töchter einfach lieb. So, wie sie sind, bedingungslos und ohne Vorbehalte. Das sage und zeige ich ihnen täglich. Dies sollen sie ruhig später auch von ihrem Partner einmal erwarten dürfen.

Meine Töchter sollen letztlich vor allem ihr eigenes Leben leben

Aber es gibt auch Punkte, bei denen ich mich heraushalte:

  • Meine große Tochter spielt gerne mit Puppen. Damit habe ich kein Problem. Darüber hinaus hat sie zur Zeit eine Kleiderphase. Auch das ist okay. Es sind zwar vielleicht eher mädchenhafte Dinge, aber das will ich nicht zwanghaft unterdrücken. Warum auch?
  • Meine Kinder sollen ihre Persönlichkeit entfalten dürfen. Unsere Große ist eher ruhig und bastelt gerne. Dazu ist sie eher bewegungsfaul und geht nicht so gerne aus dem Haus. Das entspricht zwar nicht meinem Naturell, aber es ist Teil ihrer Persönlichkeit und daher akzeptiere ich das. Ich möchte nichts unterdrücken. Allerdings mache ich ihr regelmäßig Angebote, um sie nach draußen zu bewegen, weil ich der Meinung bin, es würde ihr gut tun. Bei ihrer kleinen Schwester verhält sich das übrigens anders.
  • Meine Töchter dürfen ab einem gewissen Alter eigene Entscheidungen treffen – und müssen auch mit den Konsequenzen leben. Das gehört zur Entwicklung eines Menschen. Zur Zeit beschränken sich die Entscheidungen noch auf Dinge wie „willst Du mitkommen oder nicht“ – aber das wird nicht immer so bleiben. Ich möchte sie auf ihrem Lebensweg begleiten, aber sie müssen ihn alleine gehen.

Ist diese Erziehung geschlechtsneutral? Wohl ziemlich. Allerdings wird es immer Einflüsse von außen – etwa anderen Kindern oder Erziehern in Kindergarten oder Schule - geben. Damit muss ich aber leben.
Zusammenfassend möchte ich noch folgendes sagen: es gibt meiner Meinung nach Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, Männern und Frauen als Gruppe. Darin ist sich inzwischen auch die Forschung einig. Bisher waren diese Unterschiede innerhalb unserer Gesellschaft in der Vergangenheit größer als sie von der Natur aus sein müssten. Gründe dafür waren die Erziehung, die daraus resultierenden Rollenbilder und Verhaltensweisen. Sehr vieles ändert sich hier – zum Teil in rasantem Tempo.

Ich will, dass meine Töchter ihr Leben frei davon gestalten, was andere von ihnen erwarten - ob die Gesellschaft, Bekannte oder auch die eigenen Eltern. Ich möchte, dass sie ihr eigenes Leben so führen, dass sie glücklich werden. Dazu möchte ich ihnen das nötige Rüstzeug mitgeben, um die Wünsche und Träume, die sie haben, umzusetzen. Wenn das gelingt, dann habe ich alle meine Erziehungsziele erreicht und kann irgendwann sorglos abtreten.


Noch ein paar Worte zum Schluss: Es gab bereits verschiedentlich Anmerkungen, dass wir uns auf vaterfreuden.de zu häufig mit „Gendermist“ beschäftigen. Wir sind der Meinung, dass Geschlechterbilder in unserer Gesellschaft durchaus eine Rolle spielen und daher gibt es bei uns einige Texte zu diesem Thema. Wir sind auch davon überzeugt, dass sich insbesondere zahlreiche Väter von Töchtern dafür interessieren.
 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de