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30 Oktober, 2017 - 21:45
 

Augen zu und unsichtbar: Wahrnehmung bei kleinen Kindern

Es ist köstlich! Wenn die Kleinen vor uns stehen, sich die Hände vor die Augen halten und dann freudig erregt rufen: „Jetzt siehst Du mich nicht mehr!“ Doch was genau steckt eigentlich dahinter? Wie kommt es, dass fast jedes Kind bis zu einem gewissen Alter annimmt, es werde nicht gesehen, wenn es selbst nichts sieht? Forscher wollten das genauer wissen. 

© Ramona Heim - Fotolia.com

So süß es auch ist - genau genommen handelt es sich um eine Fehlwahrnehmung, wenn kleine Kinder meinen, nicht gesehen zu werden, weil sie sich die Augen zuhalten. Kann es wirklich sein, dass Kinder daran glauben? Oder ist die Intelligenz noch nicht weit genug, um die Situation zu erkennen? Weit gefehlt, meinen Forscher, die sich der Sache angenommen haben. Kleine Kinder haben nur eine andere Vorstellung davon, was sehen und gesehen werden bedeutet. 

 

Der Trick mit der Brille

James Russell ist Forscher an der Cambridge Universität. Gemeinsam mit seinen Kollegen wollte er zunächst einmal herausfinden, ob kleine Kinder tatsächlich meinen, unsichtbar zu sein, wenn ihre Augen verdeckt sind. Sie griffen zu einem einfachen Experiment. Insgesamt 25 Kinder zwischen zweieinhalb und vier Jahren bekamen je einmal eine Brille mit Fensterglas aufgesetzt und danach eine, die komplett dunkel ist. Bis auf ein einziges Kind antworteten alle Kinder mit „Nein!“ auf die Frage, ob sie gesehen werden, während sie die abgedunkelte Brille trugen. Fall abgeschlossen, könnte man meinen. Abe so einfach ist die Sache mit der kindlichen Wahrnehmung dann doch nicht. 

 

Körper ja, Kopf nein, Körper nein

Trotz der dunklen Brille stellten die Forscher etwas sehr Eigenartiges fest. Fast vier Fünftel der teilnehmenden Kinder antworteten auf die Frage, ob man ihren Kopf sehen könne, mit einem „Ja!“. Auch wenn eine dritte Person die Brille trug und die Kinder danach befragt wurden, ob sie den Körper dieser Person sehen könnten, kam meistens die Bestätigung der Kinder. Ob sie diese dritte Person auch sehen könnten, war die nächste Frage, die jedoch interessanterweise überwiegend mit „Nein!“ beantwortet wurde. Für die Forscher brachten die Antworten der Kleinen wichtige Erkenntnisse. Offenbar spielen die Augen anderer bei der eigenen Wahrnehmung von Kindern eine große und wichtige Rolle. 

 

Sehen und gesehen werden

Wir wechseln nicht plötzlich das Thema und beschäftigen uns mit der High Society, es geht vielmehr um die Frage, woran es liegt, dass Kinder das Sehen und Gesehen werden so einzigartig bewerten. Zunächst einmal probierten Russell und seine Kollegen etwas, das sich als nicht allzu gute Idee erwies. Sie arbeitete dabei mit zwei weiteren Brillen, wobei die eine den Blick der Kinder heraus erlaubte - Außenstehenden jedoch nicht - in die Augen der Kinder zu sehen. Doch diese Variante erwies sich als wenig tauglich. Zwar wurde den Kindern genügend Zeit gegeben, sich mit den unterschiedlichen Eigenschaften der Brillen zu beschäftigen und sich damit anzufreunden. Das Ergebnis der Kontrollfragen war dennoch eher ein Desaster als aussagekräftig. Lediglich 7 von 37 Kindern gaben an, den Unterschied der Brillen verstanden zu haben. Und selbst die wenigen Kinder, die sagten, alles verstanden zu haben, antworteten auf die Frage „Kann ich Dich sehen?“ mit „Nein!“ - ganz egal, welche Brille sie trugen. Die Forscher zogen trotzdem ihre Rückschlüsse und vermuteten, dass es bei Kindern beim Sehen nicht auf die Sehfähigkeit ankommt. Viel wichtiger ist die Sichtbarkeit. Auf dieser Grundlage starteten die Forscher ihren dritten Versuch. 

 

Schau mir in die Augen, Kleines

Der dritte Versuch lief deutlich besser als der vorangegangene. Ob etwas als sichtbar oder unsichtbar erachtet wird, hängt auch mit dem Blickwinkel zusammen, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Russell und seine Kollegen setzten den Kindern eine Kontrollperson gegenüber. Die schaute aber nicht direkt in die Augen der Kinder, sondern geradewegs an ihnen vorbei. Danach sollten die Kinder an der Kontrollperson vorbeisehen und wurden gefragt, ob sie die Person sehen könnten. Die meisten Kinder verneinten diese Frage. Die Forscher schlossen daraus, dass in der kindlichen Vorstellung nur jemand gesehen wird, der auch direkt angesehen wird. Wenn das so ist, wäre das Zuhalten der eigenen Augen, um Unsichtbarkeit zu erwirken, durchaus logisch und schlüssig, denn wo der Blickkontakt fehlt, ist daher auch keine Sichtbarkeit vorhanden. 

Unterstützt wird diese These durch ein kleines Versteckspiel, dass mit Handpuppen gespielt wurde. Die Handpuppen wurden unterschiedlich von den Forschern bedient. Immer jedoch, wenn eine Puppe die Hände vor die Augen hielt, um sich zu verstecken, reagierten die meisten Kinder darauf ähnlich. Sie fanden das Verhalten absolut vernünftig.

 

Kleine Philosophen

Die Forscher um Russell räumten nach den Versuchen ein, dass die Ergebnisse durchaus Fragen offen lassen. Dennoch sind sie einen großen Schritt weiter gekommen bei der Frage nach der kindlichen Wahrnehmung und ihrer Bedeutung. Und eines scheint sicher: Sehen funktioniert bei kleinen Kindern offenbar hauptsächlich über Blickkontakt. Tief drinnen wissen die kleinen Philosophen vielleicht auf eine ganz bestimmte Art, dass die Augen das Fenster zur Seele sind. Blickt man nicht in sie hinein, sieht man: Nichts. 

 

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de