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30 Juni, 2017 - 10:17
 

Fehlende Fairness – das Hirn bestimmt Sozialverhalten

Die Erziehung von Kindern ist eine ganz besondere Herausforderung. Für Eltern, aber auch für die Kinder selbst. Sie sollen lernen, sich durchzusetzen, um später in der zuweilen harten Gesellschaft nicht auf der Strecke zu bleiben. Andererseits wollen Eltern, dass sich der Nachwuchs zu einem sozialen Wesen entwickelt, das Verständnis und Mitgefühl empfinden kann. Faires Teilen gehört natürlich zu solch einem sozialen Wesen. Doch wenn genau das nicht funktioniert, muss das nicht an menschlichen Schwächen liegen, sondern vielleicht an einem noch nicht reifen Gehirn.

© S.Kobold - Fotolia.com

Menschen neigen dazu, in den Kategorien Richtig und Falsch zu denken. Eltern machen das auch und übertragen dieses Denken auf ihre Kinder. Die Fähigkeit zu teilen, ist für Kinder eine außergewöhnlich schwierige Angelegenheit, denn sie benötigen eine gewisse Reife, um überhaupt zu erkennen, dass Teilen etwas ist, das „sich lohnt“. Das mag egoistisch klingen, entspricht aber lediglich einem gewissen Entwicklungsstand. Ist dieser noch nicht erreicht, fehlt die Fähigkeit zum Teilen, Fairness gehört nicht zum Gefühls-Repertoire des Kleinkindes.


Das Hirn muss soweit sein

Das Fachmagazin „Neuron“ ist ganz der Forschung zugewandt. Im konkreten Fall ging es um kindliche Gehirne und deren Fähigkeit, faires Verhalten zu entwickeln. Die Autoren und Forscher des Magazins kommen zum Urteil, dass Fairness und die Fähigkeit des Teilens nur dann möglich sind, wenn das Gehirn die Reife besitzt, diese Eigenschaften als richtig einzuordnen. Dazu gehört das Verständnis, selbstloses Verhalten als wertschätzend anzuerkennen. Das ist alles andere als selbstverständlich, und so ist übertriebener Egoismus nichts, was Eltern zur Verzweiflung bringen sollte, sondern in einem gewissen Entwicklungsstadium durchaus normal, ja sogar folgerichtig.


Der Versuch mit den Pokerchips

Thesen und Anti-Thesen lassen sich bekanntlich immer am besten durch Versuche belegen oder widerlegen. Die Forscher starteten daher einen Versuch, an dem insgesamt 174 Kinder zwischen sechs und 13 Jahren teilnahmen. Jedes Kind erhielt Pokerchips, die später gegen Geschenke eingetauscht werden konnten. Doch zunächst ging es ums Teilen, die Forscher wollten wissen, wie die Kinder auf verschiedene Varianten reagierten. In Variante 1, dem „Diktatorspiel“, konnte jedes Kind selbst entscheiden, ob es Chips abgeben wollte oder lieber alle für sich behielt. Die zweite Variante, das „Ultimatumspiel“, sah vor, dass ein Kind, das mit einem Teilungsvorschlag nicht einverstanden war, diesen kurzerhand ablehnen konnte. Der Nachteil dabei: beide gingen in diesem Fall leer aus.


Das Ergebnis

Das Ergebnis des Tests bestätigte die Annahme, dass das Gehirn erst eine gewisse Reife entwickelt haben muss, um der Fähigkeit des Teilens nicht nur Aufmerksamkeit zu schenken, sondern es auch tatsächlich zu tun. Fast ausnahmslos waren es die älteren Kinder, die in beiden Varianten des Tests strategischer, aber auch sozialer handelten. Zumindest beim „Ultimatumspiel“ zeigten sich die älteren Kinder reifer und boten angemessene Teilvorschläge an, auf die das Gegenüber leicht eingehen konnte. Dabei hatten sie im Hinterkopf, dass ein unfaires Angebot im Zweifel eine „Nullnummer“ für beide Seiten sein könnte und gaben lieber ein bisschen mehr ab, um am Ende etwas davon zu haben.

Die jüngeren Kinder unterschieden kaum zwischen den beiden Varianten des Tests. Sie versuchten jeweils das Beste für sich selbst herauszuholen, statt strategisches Verhalten an den Tag zu legen.


Keine Frage der Intelligenz

Mit fehlender Intelligenz, zu diesem Schluss kamen die Forscher, habe das Verhalten der jüngeren Kinder nichts zu tun. Teilen und Fairness seien immer auch egoistisch und strategisch geprägte Eigenschaften. Die entwickeln sich jedoch erst im Laufe der Zeit, das Gehirn muss gewissermaßen erst „bereit“ sein, etwas abzugeben, zu verzichten und gleichzeitig einen faktischen oder gefühlten Gewinn zu verspüren. Interessant beim Test: Das Gerechtigkeitsempfinden war bei den jüngeren Kinder durchaus vergleichbar mit dem der älteren. Teilen fiel ihnen aber dennoch schwerer.


Kontrolle durchs Gehirn

Die Forscher fanden nicht nur bestimmtes Verhalten bei entsprechenden Altersgruppen, sondern untersuchten auch die Hirnregionen von Kindern. Dabei spielt für Fairness und das Teilen der laterale präfrontale Kortex eine starke Rolle. Es handelt sich dabei um ein Hirnareal seitlich der Stirn, das Einfluss auf das Verhalten nimmt. Er steuert überlegtes Verhalten und die Kontrolle von Impulsen.

Der präfrontale Kortex übernimmt bei der Entwicklung des Kindes eine entscheidende Rolle, aber erst dann, wenn er voll ausgebildet ist und in der Lage ist, funktional zu vernetzen. Ist das nicht gegeben, kommt es zu Ergebnissen wie in der Studie. Selbst auf die Gefahr hin, alles zu verlieren, waren viele Kinder nicht in der Lage, fair zu teilen. Der Wunsch, alles für sich alleine haben zu wollen, war zu stark.

Man kann nicht auf den Punkt genau benennen, wann sich die Fähigkeit fairen Verhaltens bei Kindern entwickeln sollte. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Fähigkeit, Fairness zu zeigen, ein lebenslanger Vorgang ist, der immer wieder neu überdacht und bewertet werden muss. Schließlich stößt der Widerspruch zwischen übertriebener Selbstlosigkeit und gnadenloser Ichbezogenheit regelmäßig an Grenzen, die es neu auszuloten gilt. Das betrifft Erwachsene und Kinder gleichermaßen. Letztlich ist eines der verlässlichen Rezepte bei dem Versuch, das eigene Kind zu einem sozialen Menschen zu erziehen, immer das eigene Verhalten. Teilen die Eltern gern, teilen auch die Kindern lieber. Und es fällt ihnen leichter.

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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