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7 Juni, 2011 - 11:32
 

4 oder 6 Jahre Grundschule – was ist der richtige Weg? Eine Diskussion

In den meisten Bundesländern dauert die Grundschule vier Jahre, in Berlin und Brandenburg dagegen sechs. Welche Variante die beste für unsere Kinder ist, ist schon immer ein kontroverses Thema gewesen. Heftig diskutiert wird vor allem die Aufteilung der Kinder in verschiedene Schulformen im Alter von 10 Jahren. Vor- und Nachteile gibt es bei beiden Systemen. Wir stellen die beiden Grundschulformen gegenüber und zwei unserer Redakteure argumentieren für jeweils eines der Systeme.

© pressmaster - Fotolia.com

Die Aufgaben der Grundschule sind vielfältig. Die Kinder müssen lernen, sich in den Schulalltag einzufinden, Bedürfnisse aufzuschieben und Konflikte mit anderen Kindern und den Lehrern zu lösen. Dann werden auch noch jede Menge grundsätzliche Inhalte vermittelt, die die Basis für das ganze weitere Schul- und Ausbildungsleben darstellen.

 


Vier Jahre Grundschule sind genug!


Dieser Auffassung sind die Kultusministerien der meisten Bundesländer und in der Tat gibt es einige Vorteile, die zum Teil in Studien nachgewiesen wurden:

 

  • Die Berliner „Element“-Studie (Erhebung zum Lese- und Mathematikverständnis der Humboldt-Universität Berlin) hat nachgewiesen, dass Kinder, die nach der vierten Klasse auf ein Gymnasium wechseln, später deutlich bessere Leistungen in Lesen und Mathematik erbringen.
  • Die Eingewöhnungszeit im Gymnasium mit 10 Jahren ist noch nicht allzu sehr von den Schwierigkeiten der Pubertät belastet.
  • Vor der Pubertät lässt sich die Eignung des Kindes für eine bestimmte Schulform am klarsten einschätzen.
  • Besonders für begabte Kinder kommt es zur Unterforderung, wenn sie nach den ersten vier Grundschuljahren auf gleichem Niveau weiter unterrichtet werden.

 


Den Vorteilen der vierjährigen Grundschule stehen allerdings auch verschiedene Nachteile gegenüber:

 

  • Viele Kinder sind mit 10 Jahren überfordert, wenn sie von ihren langjährigen Klassenkameraden, der gewohnten Umgebung und den vertrauten Lehrern getrennt werden. Das „Heimweh“ nach der alten Schule hemmt den Lernerfolg an der neuen.
  • Die Bedingungen am Gymnasium sind hart. Plötzlich erhöht sich das Lernpensum deutlich und auch die Art des Unterrichts verändert sich. Der Lernstoff wird schneller und weniger individuell vermittelt.
  • Aufgrund falscher Schullaufbahnentscheidungen wechseln die Kinder häufig noch einmal die Schule.
  • Gymnasiallehrer haben während des Studiums meist nur zwei bis vier Semesterwochenstunden an pädagogischen bzw. psychologischen Fächern. Die pädagogische Qualifikation ist deshalb oft unzureichend.

 


Ob ein Kind klarkommt, wenn es bereits im relativ zarten Alter von 10 Jahren den Schulwechsel erlebt, hängt von vielen Faktoren ab. Hat das Kind schon Pläne und Ziele für den späteren Beruf, dann wird es mit hoher Motivation in den Unterricht gehen. Auch besondere Leidenschaften, zum Beispiel für Naturwissenschaften oder Sprachen, erleichtern den Umstieg. Eine wichtige Rolle spielen auch die Freunde des Kindes – gehen sie auf die gleiche Schule, dann fällt die Eingewöhnung leichter.

 


Sechs Jahre Grundschule bringen keine Nachteile


Die Kinder in sechsjährigen Grundschulen würden mehr lernen und die soziale Herkunft würde einiges an Stellenwert verlieren. Damit plädieren Befürworter dieses Systems für die lange Grundschulzeit. Doch es gibt noch einige Vorteile mehr:

 

  • Die Kinder lernen länger in einem vertrauten und geschützten Rahmen und sind dadurch deutlich entspannter.
  • Kinder, die sich individuell etwas langsamer entwickeln, können in den zusätzlichen zwei Jahren die nötigen Kompetenzen erwerben.
  • Die längere gemeinsame Lernzeit ist eine Orientierungsstufe, in der sich die Kinder eigene Ziele setzen können.
  • Schullaufbahnentscheidungen fallen zum Ende der sechsten Klasse deutlich zuverlässiger aus.

 


Die „Schattenseiten“ der sechsjährigen Grundschule, die in Mecklenburg-Vorpommern in Grund- und Orientierungsstufe aufgeteilt ist, müssen ebenfalls berücksichtigt werden:

 

  • Besonders begabte Kinder fühlen sich tatsächlich unterfordert, wenn sie nach der vierten Klasse noch weitere zwei Jahre auf Grundschullevel unterrichtet werden.
  • Kommt es beim Schulwechsel auch zum Bundeslandwechsel, dann besteht ein großer Nachholbedarf für Kinder, die bis zur sechsten Klasse in der Grundschule waren. Dies kann einen Wechsel aufs Gymnasium erschweren oder sogar unmöglich machen.

 


Grundschule vier, fünf oder sechs Jahre lang


Um diesem Dilemma und den unklaren Statements zum Thema Grundschuldauer zu entgehen, gibt es Ansätze für einen individuellen Wechsel von der Grundschule auf die weiterführende Schule. In Bayern läuft der Modellversuch „flexible Grundschule“, dort wird der Verbleib je nach Begabung des Kindes festgelegt. In Berlin und Brandenburg können Kinder auf Antrag der Eltern ebenfalls bereits nach der vierten Klasse wechseln. Denn ganz offensichtlich liegt der Bildungsforscher Rainer Lehmann mit seiner Aussage richtig: Viel wichtiger als vier oder sechs Jahre Grundschule ist die Qualität des Unterrichts in der jeweiligen Klassenstufe und das soziale Umfeld – in der Schule und auch zu Hause.

 


weitere Informationen:


http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/schulqualitaet/element6_bericht_komplett.pdf?start&ts=1229526638&file=element6_bericht_komplett.pdf


http://www.tagesschau.de/multimedia/animation/animation192.html

 


Pro 4 Jahre Grundschule – eine Argumentation

 


Stefan, 45 Jahre, ist in Hessen geboren. In der Grundschule wechselte er die Schule nach Baden-Württemberg, wo er 1985 Abitur machte.


Mein eigenes Aha-Erlebnis in der Schule hatte ich, als ich Mitte der dritten Schulklasse aufgrund eines Umzugs von einer Grundschule in Hessen auf eine in Baden-Württemberg wechselte. Während ich in meiner vorherigen Schule zu den Klassenbesten gehörte und ohne Probleme gute Noten bekam, brachte ich nun zum Schreck meiner Mutter meine erste „6“ im Diktat nach Hause. Ich merkte, dass ich mich hier deutlich mehr anstrengen musste. Ich tat das und schaffte es ohne große Probleme aufs Gymnasium – wie 40% meiner Klasse. Wie ich später erfuhr schafften es nur etwa 15% meiner Mitschüler aus der alten Schule aufs Gymnasium – zum großen Schock der Eltern. Der Rest ging auf die Hauptschule. Seitdem bin ich der Überzeugung, dass Kinder gefordert werden müssen.


Jedes Kind ist verschieden. Daher wird auch nicht eine Schule allen Kindern gerecht. Einige Kinder sind intelligenter, lernwilliger, häufig auch von ihren Eltern besser auf die Schule vorbereitet.


Meine Mutter war Hauptschullehrerin und so hatte ich Einblick in die Klassenarbeiten, die in der gleichen Altersstufe auf der Hauptschule geschrieben wurden. Die Unterschiede in den Anforderungen (und die Ergebnisse) waren gewaltig. Auch meine Mutter propagiert eine Aufteilung nach vier Schuljahren. Sie sagt, so hätten mehr Kinder die Chance, gut in ihrer Klasse zu sein. Ihrer Erfahrung nach ist unser System auch durchlässig genug, so dass Kinder die Chance hätten, auch nach der vierten Klasse im Schulsystem „aufzusteigen“. Ein guter Hauptschüler könne entweder die Schule wechseln oder später seine mittlere Reife machen und dann etwa im Wirtschaftsgymnasium seine Fachhochschulreife machen.


Ein letztes Argument, dass viele so nicht hören wollen: Deutschland braucht gute und sehr gute Absolventen – und die in großer Zahl – wenn wir mittelfristig unseren Lebensstandard halten wollen, denn der internationale Wettbewerb verschärft sich zunehmend. Dies kann nur ein Schulsystem leisten, in dem alle Kinder ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert und auch gefordert werden. Daher sind sechs Schuljahre, in denen sich das System nach dem Durchschnitt aller richten muss, zuviel.


Über eine flächendeckende Einführung einer sechsjährigen Grundschule würden sich vor allem die Privatschulen freuen. Denn dorthin würden viele Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder schicken. Und das wäre dann weit entfernt von einem System, das gleiche Chancen für alle bietet.

 


Pro 6 Jahre Grundschule - eine Polemik


Christian, 38 Jahre, ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Nach der vierjährigen Grundschule ist er zunächst auf das Gymnasium gegangen und dann auf eine Gesamtschule gewechselt, wo er 1992 sein Abitur machte.


Zunächst einmal sollte man sich doch fragen, was Schule heute leisten muss - was soll Schule sein? Kaderschmiede für gesellschaftliche Eliten, die eingetrichtertes Wissen abrufen können, oder doch ein Ort an dem aus Jungen und Mädchen junge Erwachsene werden, die auf die Herausforderungen des Lebens auf möglichst vielfältige Art vorbereitet werden? Ich bevorzuge das Letztere und bin - nach eigener Erfahrung - auch der festen Überzeugung, dass eine Schule die das beherzigt, lebens- und arbeitsfähigere Menschen hervorbringt. Leider sehen das viele noch anders.


Lieblingsargument der Gegner der 6-jährigen Grundschule ist die Behauptung, dass so Hochbegabte dadurch benachteiligt würden. Das ist erwiesenermaßen unwahr. Pädagogisch ist die Notwendigkeit der frühen Auslese überholt. Es gibt längst pädagogisch-didaktische Konzepte, nach denen Kinder auch in sehr heterogenen Lerngruppen gemeinsam individuell gut gefördert werden, und zwar alle Kinder, diejenigen, die zu außergewöhnlichen Leistungen fähig sind ebenso wie diejenigen, denen bereits einfache Lernaufgaben ein Höchstmaß an Anstrengungen abverlangen.  Wichtig ist nur, dass sich unser Schulsystem endlich von der Vorstellung trennt, dass alle dasselbe lernen müssen, denn es kommt darauf an, dass alle eine individuell gute Lernentwicklung haben.


Die „Hochleister“ profitieren dann davon, dass ihre Sozialkompetenz nach der sechsten Klasse weit besser ausgebildet ist als nach der Vierten. Eine Fähigkeit, die in einer globalisierten Welt und einem internationalen Arbeitsumfeld wahrscheinlich wichtiger ist als das Lösen von Gleichungen mit zwei Unbekannten.


Nicht zuletzt zeigen empirische Untersuchungen zur Entwicklung des Selbstwertgefühls: Bei längerem gemeinsamen Lernen wächst das Selbstwertgefühl kontinuierlich, beim frühen Wechsel auf Oberschulen gibt es keine kontinuierliche Zunahme, sondern das Selbstwertgefühl sinkt nach der 4. Klasse erst einmal ab, um erst ein bis zwei Jahre später verlangsamt wieder anzuwachsen.


Übrigens habe ich nach der sechsten Klasse selbstständig beschlossen, das Gymnasium zugunsten der Gesamtschule zu verlassen. Zu dem Zeitpunkt habe ich mein schulisches Fortkommen nicht mehr an meine Freunde gekoppelt, sondern daran, wo ich am besten hinpasse. Nach der vierten Klasse war ich dazu noch nicht in der Lage. 
 

 

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Redaktion Vaterfreuden.de
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