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11 Januar, 2017 - 09:31
 

Kinder absichtlich später einschulen für mehr Erfolg im Leben - ein Trend aus den USA

Schnell, schnell, schnell. Und das so früh, früh, früh wie möglich. So könnte man die Praxis der Deutschen zusammenfassen, wenn es um die Einschulung ihrer Kinder geht. Der Trend der letzten Jahre geht immer weiter in die Richtung, dass eine Einschulung gar nicht früh genug stattfinden kann, um dem Nachwuchs die besten Chancen zu ermöglichen. Nun kommt eine amerikanische Studie allerdings zu ganz anderen Erkenntnissen. Muss das Ganze also neu diskutiert werden?

© lu-photo - Fotolia.com

Früh übt sich. Das sagen sich viele Eltern, die über den Bildungsweg ihrer Kinder nachdenken. Um Englisch oder gar Chinesisch zu lernen, fängt man also zeitig an, so kann das kindliche Gehirn die Informationen spielerisch einfach verarbeiten. Die Pisa-Studien, die noch allen in den Köpfen sind, unterstützen das Prinzip des frühen Lernens. Frühkindliche Bildung galt daher lange Zeit als Heilmittel für ein Bildungssystem, das die letzten Jahre nicht ohne Blessuren überstehen konnte. Die Kultusministerkonferenz (KMK) war schon vor 10 Jahren der Meinung, das Ziel „einer frühkindlichen Einschulung“ sei der beste Weg, um in Zukunft wieder besser im internationalen Vergleich abzuschneiden. Doch nun kommt etwas Neues aus den USA. Dabei handelt es sich nicht etwa um ein koffeinhaltiges Getränk oder ein Brötchen mit Fleisch und Käse, sondern die Erkenntnis, dass eine spätere Einschulung letztlich doch besser für die Kinder ist. Die spinnen ja, die Amerikaner, könnte man denken. Aber die Studie, die diese These aufstellt, ist alles andere als kalter Kaffee.


Anpassungsprobleme und Alkoholsucht wegen zu früher Einschulung?

Gerade sind zahlreiche Bundesländer dabei, die Einschulungsgrenze nach vorn zu verlegen, da gibt es alarmierende Ergebnisse aus den USA. Während sich Politiker und Bildungsbeauftragte damit brüsten, auch schon 5-Jährigen den Schulbeginn zu ermöglichen und so die Chancen zu verbessern, kommt eine Studie aus den Vereinigten Staaten zu gänzlich anderen Erkenntnissen. Rund 1.500 Probanden mit durchschnittlicher Intelligenz wurden in einem aufwändigen Verfahren getestet. Dabei wurden die Lebensläufe der Beteiligten genau unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist erschreckend. Die Teilnehmer des Versuchs, die schon früh in die Schule gekommen waren, hatten ihr gesamtes Leben danach mit Problemen zu kämpfen. Wenn die Rede von „mentalen Anpassungsproblemen“ ist, mag das nicht so schlimm klingen. Doch gemeint sind Alkoholsucht, kein Bewusstsein für die eigene Gesundheit und psychische Probleme, die weit entfernt sind von einem ausgewogenen Lebensweg. Die Autoren der Studie, Howard Friedmann und Leslie Martin, kamen zum Schluss, dass „ihre Chancen auf ein langes Leben“ (die der Probanden) ziemlich schlecht stehen. Glaubt man also der Studie, ist eine Einschulung, die zu früh im Leben eines Menschen stattfindet, für die weitere Entwicklung nicht nur schädliches Gift. Sie verkürzt sogar das Leben, wie die Autoren festgestellt haben.


Keine Verallgemeinerungen, bitte!

Man könnte meinen, die amerikanische Studie sei oberflächlich oder präsentiere pauschale Aussagen. Doch dem ist nicht so. Friedmann und Martin betonen, dass selbstverständlich nicht jedes Kind, das früher eingeschult werde, automatisch ein kürzeres Leben habe. Es gab genügend Teilnehmer, die ein langes, zufriedenes und gesundes Leben geführt hätten. Trotzdem erkennen die Beiden eine offensichtliche Gefahr darin, ein Kind mit 5 Jahren einzuschulen. Den Grund sehen sie in der vorzeitigen Erwartung, besondere Leistungen zu erbringen. Die Psychologen widersprechen der These, eine frühe Einschulung verschaffe den Kindern einen Vorsprung gegenüber später Eingeschulten. Im Gegenteil, sie sehen diese Maßnahme eher von der anderen Seite und meinen, sie führe „in die Sackgasse“. Den Kindern werde die „die unstrukturierte Zeit zum Spielen“ genommen. Die Folgen könnten im beinahe wörtlichen Sinne tödlich sein, zumindest aber gesundheits- und entwicklungsschädigend.


Was wollen die Eltern mit einer späteren Einschulung erreichen?

Generell wollen diese Eltern ihren Kindern einen guten Start ins Leben gaben. Dies wollen sie tun, indem sie ihnen neben einer „verlängerten Kindheit“ auch Erfolgserlebnisse ermöglichen. Ihr Kind gehört nun in seiner Klasse zu den älteren, meist etwas größeren und häufig auch reiferen Kindern. Es versteht schneller, kann sich besser ausdrücken und häufig auch durchsetzen. So hat es bessere Chancen, durch Erfolge im Unterricht und im Sport, Selbstbewusstsein aufzubauen. Die soll ihm helfen, sich im Klassenverband als Anführer zu profilieren und damit später auch gegenüber dem anderen Geschlecht attraktiver zu erscheinen (zumindest im Fall der Jungen).
Kurz – die Eltern versuchen, ihren Kindern einen Vorsprung gegenüber den anderen Kindern in ihrer Klasse zu verschaffen. Ob dies fair ist? Das ist den Eltern erst einmal egal. Sie wollen ihr eigenes Kind unterstützen und sie brechen ja auch keine Regeln.


Keine Probleme beim Überspringen einer Klasse

Nimmt man die Ergebnisse der Psychologen ernst, kann man schnell zum Schluss kommen, dass der Leistungsdruck nicht zu hoch sein sollte. Konsequent zu Ende gedacht, müsste das bedeuten, dass beispielsweise das Überspringen einer Klasse ebenfalls schädlich fürs Kind sein dürfte. Doch dem widersprechen die Forscher. Wenn ein Schulkind sich als besonders leistungsfähig oder intelligent herausstellt, könne es auch gern eine Klasse überspringen. Dieser Schritt hätte keine negativen Auswirkungen auf das weitere Leben. Das Gleiche gilt übrigens für Kinder, die schon vor der Einschulung lesen und schreiben können, so Friedmann und Martin. Die Psychologen sehen das Problem nicht in einer stark ausgeprägten Intelligenz. Lediglich die zu frühe Einschulung wirke sich negativ auf den weiteren Lebensweg aus.


Studienstart: 1921

Die Ergebnisse, die von Friedmann und Martin präsentiert wurden, gehen auf das Jahr 1921 zurück. Damals hatte der Stanford-Psychologe Lewis Terman die Langzeitstudie gestartet, die ihren Namen nach ihm erhielt. Terman starb im Jahr 1956, doch bis dahin wurden viele „Termiten“ (wie die Probanden in Anlehnung an den Forscher-Namen genannt wurden) beobachtet und ausgewertet. Friedmann und Martin gehören zu den Forschern, die weiter an dem Projekt gearbeitet und nun ihre Ergebnisse präsentiert haben.

Ob und inwieweit die „Termiten“ von heute Auswirkungen auf die Praxis haben werden, bleibt abzuwarten. Sicherlich wird es genügend Kritiker geben, die entweder die Methodik oder die Ergebnisse der amerikanischen Studie anzweifeln. Ignorieren sollte man die Studie von Friedmann und Martin jedoch auch nicht. Denn wenn etwas dran ist an den Aussagen, besteht womöglich akuter Handlungsbedarf. Und zwar wieder in einer entgegengesetzte Richtung.

 

Hier noch ein interessanter Videobeitrag zum Thema - allerdings auf Englisch.

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de