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20 November, 2010 - 00:33
 

Kinder im Internat – Leben im Dauerwohnheim

Die meisten Eltern kennen die Geschichten aus ihrer eigenen Jugend: „Hanni und Nanni“, „Burg Schreckenstein“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“ waren die Vorgänger von „Harry Potter“. All diese Geschichten handeln vom Leben im Internat. Wie sieht jedoch die Wirklichkeit in den Internaten aus, was passiert mit einem Kind, das einen Teil seiner Kindheit nicht bei seinen Eltern, sondern in einem Internat verbringt?

© biker3 - Fotolia.com

Internate sind weniger Teil unserer Kultur, als dies in anderen Ländern der Fall ist. Nicht umsonst sagt man: „In England darf man ins Internat, in Deutschland muss man.“ Eltern sich darüber klar werden, was beim Thema Internat auf sie zukommt. Sie geben die Erziehung ihres Kindes zu einem großen Teil in fremde Hände. Umso wichtiger ist es, bei der Auswahl der Einrichtung mit großer Sorgfalt vorzugehen und besonders im Vorfeld zu prüfen, ob die Psyche des Kindes einen Internatsbesuch ohne Schäden verkraftet.

 

Auswahl des passenden Internats

 

Allein in Deutschland gibt es rund 250 Internate, die von verschiedenen Trägern geführt werden. Zum größten Teil werden Internate von kirchlichen Institutionen angeboten. Es gibt eine Vielzahl von pädagogischen Ansätzen und angewandten Lernmethoden, die einzelnen Internate richten sich an unterschiedliche Zielgruppen und bieten jede Schulform und jeden Schulabschluss an. Eine Sonderform sind Kleininternate, die keinen eigenen Schulbetrieb anbieten. Sie sind oft sportlich ausgerichtet, die Schüler gehen dabei auf die örtlichen Schulen und werden im Internat in bestimmten Sportarten trainiert. Das Wichtigste aber ist, dass ein Kind sich im Internat wohlfühlt. Deshalb sollten alle infrage kommenden Internate anhand einer Checkliste überprüft werden. Die Einrichtungen, die in die nähere Auswahl kommen, sollte man unbedingt zusammen mit dem Kind besuchen.

 

Checkliste Internat

 

Auf folgende Punkte sollten Sie bei der Auswahl des Internates für Ihr Kind besonders achten:

 

  • Welche Schulabschlüsse werden angeboten, wie gestaltet sich der Wiedereinstieg in die öffentliche Schule (bundeslandabhängig)?
  • Welche zusätzlichen Wahl- und Wahlpflichtfächer werden angeboten?
  • Wie ist das Internat ausgerichtet (naturwissenschaftlich, musisch, sportlich)?
  • Wie sind die Hausaufgabenbetreuung und das Lernen organisiert?
  • Welche Kommunikation gibt es zwischen Erziehern und Lehrkräften?
  • Wie groß sind die Klassen, wie viele externe Schüler besuchen die Internatsschule?

 

Außerhalb des schulischen Bereichs stellen sich Fragen nach der Betreuung und Fürsorge:

 

  • Welches Freizeitangebot gibt es und wer betreut die Angebote?
  • Welche Konsequenzen haben Verstöße gegen die Internats- oder Schulregeln?
  • Welcher Erziehungsstil wird praktiziert (zum Beispiel autoritär oder autoritativ)?
  • Wie viel Entscheidungsfreiheit haben die Kinder bezüglich Freizeitgestaltung, wie sind die Ausgangsregeln?
  • Wie sieht der Speiseplan aus, welche Qualitätsansprüche gibt es an die Ernährung?
  • Von wem und wie werden Kindern in Krisensituationen wie Heimweh, Liebeskummer oder Schulproblemen betreut?

 

Zusammen entscheiden

 

Welches Internat es sein soll, sollte auf jeden Fall zusammen mit dem Kind entschieden werden. Fragen Sie in diesem Zusammenhang auch nach seinen Ängsten und seiner eigenen Einschätzung der Lage. Wichtig ist, dass Ihr Kind die innere Bereitschaft hat, sich vom Elternhaus zu lösen und den Großteil seiner Zeit mit fremden Menschen in einer außerfamiliären Umgebung zu verbringen. Vor allem sollte dem Kind unbedingt ein „Rücktrittsrecht“ gewährt werden. Es kann unmöglich mit Sicherheit voraussagen, ob es sich im Internat wohlfühlt oder nicht. Deshalb sollten Sie eine Testphase vereinbaren, die drei bis sechs Monate dauern sollte.

Wenn Ihr Kind dann immer noch unter starkem Heimweh leidet oder sich so gar nicht in der neuen Umgebung wohlfühlt, muss zusammen mit der Internatsleitung geklärt werden, ob das Kind das Internat wieder verlässt. Oft reichen auch Veränderungen aus, damit es sich wohler fühlt und besser einlebt. Das kann ein Zimmerwechsel sein oder der Wechsel des Ansprechpartners. Liegt es an der Struktur des Internats, dass Ihr Kind sich nicht wohlfühlt, kann man über einen Wechsel in eine andere Einrichtung nachdenken. Schüchterne Kinder könnten sich vielleicht in kleineren Internaten mit familiärerer Atmosphäre wohler fühlen, während stark extrovertierte Kinder mehr Anregungen und Ansprache brauchen.

 

Erziehung im Internat – pro und contra

 

Betrachtet man den Internatsbesuch unter pädagogischen Aspekten, so gibt es Vor- und Nachteile. Besonders positiv sind folgende Punkte einzuschätzen:

 

  • Individuelle Förderung durch engen Lehrer-Schüler-Kontakt und kleine Klassen.
  • Integration von Außenseitern durch die hohe Aufmerksamkeit der Pädagogen.
  • Förderung der Sozialisation durch das Gemeinschaftsleben.
  • Großes Freizeitangebot, vor allem auch im handwerklichen, sportlichen oder künstlerischen Bereich.

 

Neben den Vorteilen gibt es jedoch auch einige Minuspunkte, die je nach Persönlichkeit des Kindes, gegen einen Internatsaufenthalt sprechen können:

 

  • Überbetonung von Bildung und Erziehung, die emotionale Komponente kommt zu kurz.
  • Psychologische und pädagogische Erkenntnisse der letzten Jahre werden in den Internaten nicht immer umgesetzt (Konservativismus).
  • Übermäßige Traditionsverbundenheit ignoriert den aktuellen Zeitgeist (Mode und Lebenseinstellungen, neue Medien, Computer).
  • Abschirmung vom „richtigen“ Leben.

 

Mindestalter für den Internatsaufenthalt

 

Meist entscheiden sich die Eltern dafür, dass ihr Kind ein Internat besuchen soll. Die Gründe sind vielfältig und liegen in Zeitmangel, Überforderung oder schulischen Problemen des Kindes. Im Grundschulalter verkraften Kinder einen Internatsbesuch meistens nicht ohne psychische Folgen. Sie fühlen sich verlassen und abgeschoben und können Minderwertigkeitsgefühle und Bindungsprobleme entwickeln. Optimal ist der Wechsel in der Sekundarstufe, also etwa ab der siebten Jahrgangstufe. Die Kinder stecken dann zwar schon fast in der Pubertät, sind aber mit 12 bis 13 Jahren in der Lage, den Schul- und Lebensraumwechsel emotional und intellektuell zu erfassen. Egal wie alt das Kind ist: Wichtig ist immer seine eigene Bereitschaft, in ein Internat zu wechseln.

 

Was kostet das Internat?

 

Grundsätzlich kann jedes Kind ein Internat besuchen. Allerdings erfolgt durch die finanzielle Belastung bereits eine starke Selektion. Ein Internatsbesuch kostet je nach Einrichtung zwischen 400 und 2.000 Euro im Monat. Das können sich viele Eltern kaum leisten. Allerdings bieten vor allem Privatinternate Leistungsstipendien für hochbegabte Schüler an. In Einzelfällen übernehmen die Jugendämter die Finanzierung des Internatsbesuches. Dies ist zum Beispiel möglich, um bei Kindern aus sozial schwachen Familien durch einen Internatsaufenthalt Entwicklungsstörungen wie Lese-Rechtschreib- oder Lernschwächen auszugleichen.

Wenn Sie und Ihr Kind sich einig sind, kann ein Internatsbesuch eine praktikable Lösung sein, um Ihre und die Lebensumstände Ihres Kindes neu zu gestalten. Keinesfalls darf ein Internatbesuch jedoch als Bestrafung angewandt werden.

 

Zum Weiterlesen:

http://www.internate-portal.de/internate/der_grosse_internatefuehrer__0008.html

http://www.internate-portal.de/internate/igesehen-werden-als-ich__0018.html?page=0024

http://www.internat-deutschland.de/

http://www.zeit.de/2008/08/C-Privatschulen-FAQ-Internate
 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de