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18 März, 2010 - 11:14
 

Teenager außer Kontrolle? – nicht zwangsläufig. Annegret Noble im Interview, Teil 3

Annegret Noble ist die Cheftherapeutin der Erfolgssendung „Teenager außer Kontrolle“ auf RTL. Im dritten und letzten Teil unseres Interviews spricht sie über den Sinn von Regeln für Jugendliche und warum der Einfluss von Eltern auf Teenager größer ist, als man oft denkt. Zum Schluss fasst sie noch einmal zusammen, welche Botschaften Eltern ihren Kindern mit ins Leben geben sollten.

Hier geht es zu Teil 1 des Interviews

Hier geht es zu Teil 2 des Interviews
 

Vaterfreuden.de:
Wie können Eltern Regeln durchsetzen? Das ist für viele Eltern – gerade auch in den Sendungen – ein großes Problem.
 
Annegret Noble:
Auch da sollte man sich wieder Gedanken darüber machen, was man denn im Prinzip kontrollieren kann. Ich kann Jugendlichen nicht verbieten, mit Freunden Zeit zu verbringen. Das kann ich nicht kontrollieren. Da müsste ich sie entweder einsperren oder ihnen 24 Stunden am Tag hinterherlaufen. Wo ich ein gewisses Maß an Kontrolle habe, ist, was ich ihnen gebe, was ich für sie tue, was sie bekommen. Man sollte sich wirklich Gedanken machen, was für Konsequenzen realistisch sind. Wenn ich zum Beispiel sage „du darfst nicht fernsehen“, dann aber den ganzen Tag arbeite und keiner da ist, um das zu kontrollieren, dann ist das keine hilfreiche Konsequenz. Wenn ich sage, „du kannst jetzt, weil du eine 5 in Mathe hast, den Computer nur 2 Stunden abends benutzen“ und ich dann irgendwelche wichtigen Kabel mitnehme, dann kann ich das durchsetzen. Es kommt wirklich darauf an, Konsequenzen zu finden, die man durchsetzen kann, die irgendwo vielleicht auch etwas mit dem Vergehen zu tun haben.  Das Wichtige dabei ist auch noch, dass es nicht etwas ist, wo Konsequenz ständig in Streit ausartet oder wo Konsequenzen  so ein „ich zeigs dir“ oder „ich gebs dir“ sind, sondern man einfach ganz wertneutral und gefühlsneutral sagen kann „oh, das war die 5. Ich denke, du musst mehr lernen und weniger spielen. Das ist es, was jetzt passiert…“.
 
Nicht zu viele Regeln für Kinder – überlegen, was einem wichtig ist
 
Annegret Noble:
Der andere Punkt ist, dass Eltern nicht versuchen sollten, allzu viele Sachen zu regeln. Sagen sie, es gibt drei bis fünf, vielleicht auch sieben wichtige Dinge in unserem Haushalt. Das sind die Regeln und die Erwartungen und alles andere ist vielleicht weniger wichtig. Es gibt viele Eltern, die sich mit ihren Jugendlichen darüber streiten, ob sie grüne Haare haben oder über die Frisur oder das, was sie anziehen. Da würde ich oft sagen - das lohnt sich nicht. Wenn irgendwann die Freundin oder der Freund sagt „ich finde grüne Haare aber nicht so toll“, dann kriegen die Haare ganz schnell wieder die normale Farbe. Und vielleicht ist es, wenn jemand anders sagt „Junge, du kannst dich auch ein wenig anders anziehen“ erfolgreicher, als wenn man das ständig zum Streitpunkt macht. Eltern sollten sich wirklich Gedanken darüber machen, welche Bereiche es wert sind, so viel Energie zu investieren.
 
Eltern haben mehr Einfluss auf Jugendliche, als sie denken

 
Vaterfreuden.de:
Welchen Einfluss haben Eltern darauf, was aus ihrem Kind „wird“? Welchen Einfluss haben zum Beispiel die Freunde des Kindes, die „Peer Group“?
 
Annegret Noble:
Eltern haben oft mehr Einfluss, als sie denken. Der Grundstein dafür wird ja schon viel früher gelegt, bevor die Kinder eben 13 oder 14 sind. Jugendliche schauen immer noch, was die Eltern machen, wie die Eltern reagieren, auch wenn sie das vielleicht nicht zugeben und wollen im Grund auch noch die Anerkennung der Eltern. Sie wollen, dass der Vater und die Mutter sagen „gut gemacht, wir sind stolz auch dich“, aber das geben sie auch nicht zu. Darum ist das eine Phase im Leben, in der Eltern ohne viel Rückmeldung einfach weitermachen müssen und sagen „okay, wir machen das trotzdem, wir schenken Anerkennung, wir schenken Liebe, auch wenn das vielleicht abgelehnt wird oder wir das Gefühl haben, das kommt nicht an“ – es kommt an! Und wahrscheinlich, wenn alles einigermaßen gut geht, dann kann ein Jugendlicher oder ein Erwachsener mit 22 sagen „vielen Dank, dass ihr das damals gemacht habt“. Aber bis dahin ist es unwahrscheinlich, dass positive Rückmeldung kommt in vielen Fällen.
 
Vaterfreuden.de:
Eine schwierige Situation, frustrierend mitunter.
 
Annegret Noble:
Sehr frustrierend.
 
Was Eltern tun können, um verhindern zu können, dass sie „auf die schiefe Bahn“ geraten
 
Vaterfreuden.de:
Was können Eltern tun, um zu verhindern, dass ihre Kinder „auf die schiefe Bahn“ kommen? Gibt es Warnsignale, die man beachten sollte?
 
Annegret Noble:
Die besten Vermeidungsstrategien sind tatsächlich wieder früh anzufangen, Kindern Grenzen zu setzen. „Nein“ zu sagen, bis sie sich daran gewöhnt haben, dass das nicht mehr so etwas ganz Schreckliches ist oder es zumindest etwas Gewohntes ist, wenn es dann passiert, wenn sie 13 oder 14 sind. Gleichzeitig auch immer wieder Liebe, Zuwendung,  geben, die Kinder nicht vor Konsequenzen retten, sondern Mitgefühl zeigen, wenn sie Konsequenzen erleben.
Die Anzeichen, dass irgendwas schief läuft, sind extreme Verhaltensschwankungen, extreme Gefühlsschwankungen. Wenn ein Jugendlicher an einem Tag ganz lieb ist, nett und zuvorkommend und am nächsten Tag rumbrüllt, rumpöbelt, dann ist das oft ein Anzeichen, dass irgendwie noch etwas anderes los ist. Eltern sollten versuchen, irgendwo eine positive Verbindung herzustellen jeden Tag, auch wenn das nicht wirklich nett empfangen wird. Ob es jetzt ist, dass man, wenn man die Kinder zur Schule schickt, sagt, „ich hab dich lieb, schönen Tag“, wenn sie wiederkommen zu sagen „ich hab dein Lieblingsessen gekocht“. Also eigentlich irgendetwas Schönes am Tag, das wäre gut. Und dann vorleben.

Wenn man dann das Gefühl hat, „das wächst mir jetzt über den Kopf“ so früh wie möglich um Hilfe bitten. Nicht erst warten, bis es wirklich schlimm wird. Wenn man das Gefühl hat, „ich habe es jetzt sechs Monate probiert und es klappt nicht und es wird nicht besser“, dann würde ich zum Jugendamt gehen oder zur Krankenkasse und sagen „wir brauchen Hilfe“.
 
Vaterfreuden.de:
Was können Eltern tun, wenn ihnen die Freunde ihrer Kinder suspekt sind?
 
Annegret Noble:
Wahrscheinlich in einem ruhigen Moment, wenn kein Streit ist, zu sagen „was sind gute Freunde und wie sind diese Freunde gut für dich?“. Tun die eigentlich, was gute Freunde tun sollten? Sich einfach über die Werte von Freundschaft Gedanken machen und den Jugendlichen helfen, das selbst noch einmal zu durchdenken. „ist das jemand, der mir gut tut, der die besten Eigenschaften in mir hervorbringt und wo ich eine bessere Person bin, weil diese Person in meinem Leben ist. Oder sind das Leute, wo ich Probleme habe und mein Leben schwer wird, weil ich mit ihnen zusammen bin“. Wirklich eher von der Richtung zu hinterfragen, als zu sagen „du darfst mit denen nichts machen“. Und vielleicht immer noch mal anbieten, dass irgendwelche Hobbies gefördert werden, wo sie wahrscheinlich mit anderen Jugendlichen zusammen sind, die vielleicht doch noch ein paar andere Werte haben als Drogen und sonst nichts tun.
 
Was Eltern ihren Kindern auf den Weg ins Leben mitgeben können
 
Vaterfreuden.de:
Was sind ihrer Meinung nach die wichtigsten Punkte, die Eltern ihren Kindern mit auf den Weg ins Leben geben können?
 
Annegret Noble:
Einmal – „du bist wertvoll, du wirst geliebt. Du hast Stärken und Schwächen, das ist in Ordnung, wir haben dich trotzdem lieb“. Andererseits dann „du bist für Entscheidungen verantwortlich und für die Konsequenzen, die du da erlebst. Manchmal tut das weh, wenn du doofe Entscheidungen triffst. Hoffentlich machst du es beim nächsten Mal besser. Wir trauen dir zu, dass du es beim nächsten Mal anders entscheiden kannst und es nicht so wehtut“. Ich denke, das sind die zwei wichtigsten Botschaften, die man einem Jugendlichen mitgeben kann.
 
Vaterfreuden.de:
Frau Noble, wir bedanken uns bei Ihnen für dieses Gespräch.
 
 
weitere Informationen:
 
Annegret Noble selbst bietet individualpädagogische Maßnahmen an, die ähnlich denen sind, die in der Show gezeigt werden. Bei diesen werden jedoch nur ein oder zwei Jugendliche gleichzeitig betreut. Die Unterbringung erfolgt in der überwiegenden Zeit in einem Haus.

Die Therapie selbst ist eine pferdeunterstütze Therapie. Pferde sind sehr intuitiv; sie merken, wenn eine Person wütend oder traurig ist und halten dem Jugendlichen in der Therapie einen Spiegel seiner selbst vor.

Die Kosten für die Therapie werden unter Umständen vom Jugendamt getragen. Frau Noble arbeitet mit einem deutschen Träger zusammen.
Weitere Informationen unter www.annegret-noble.com
 
Außerdem hat Annegret Noble ein Buch für Eltern von Jugendlichen veröffentlicht, den Erziehungscoach für Eltern, in dem interessierte Eltern weitere Tipps und Informationen nachlesen können. Mehr Infos zum Erziehungscoach gibt es hier.

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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