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20 November, 2014 - 11:41
 

Die Nackten und die Toten – Kinder frühzeitig über Sexualität und Tod aufklären

Viele Eltern versuchen, ihre Kinder vor Themen zu schützen, für die diese nach Meinung der Erwachsenen noch nicht reif sind. Doch macht das Sinn? Wird Sexualität für Kinder so nicht tabuisiert und der Tod noch bedrohlicher? Autor Nils Pickert ist überzeugt, dass es besser ist, Kinder mit Tod und Sexualität in angemessener Weise zu konfrontieren. Er berichtet von den Erfahrungen mit seinen eigenen Kindern.

© pathdoc - Fotolia.com

Ich erinnere mich an einen Zoobesuch mit meiner damals dreijährigen Tochter. Gleich hinter dem Eingang stand eine Gruppe Kinder und starrte wie gebannt auf das Nashorngehege, in dem gerade ein Tier damit beschäftigt war, ein anderes schnaufend von hinten zu besteigen. Meine Tochter gesellte sich interessiert dazu und antwortete einem älteren Kind auf die furchtsame Frage, was die beiden Nashörner denn da machen, kurz und sachlich: „Die haben Sex!“ Ich war ziemlich stolz und beschloss, dass ich, wenn ich erst einmal groß bin, auch so cool werden will wie mein kleines Mädchen.


Auf eine Beerdigung eines entfernten Verwandten zu gehen? Für die meisten Kinder kein Problem

Ich erinnere mich an eine spätere Begebenheit, während der meine Schwiegermutter die Beerdigung ihres Onkels aufsuchte und sehr überrascht war, als ich sie bat, meinen Sohn und meine Tochter doch bitte mitzunehmen. Sie tat es schließlich und berichtete mir davon, dass sich alle Anwesenden sehr darüber gefreut hätten, dass meine Kinder bei dieser Zeremonie dabei waren. Und mir erzählten die Zwerge ganz genau wie das alles so gewesen ist: Viele schwarz gekleidete Menschen. Manche ziemlich traurig. Andere hätten gar nicht richtig mitmachen wollen und lieber mit ihnen gespielt. Wieder andere hätten von ihnen getröstet werden wollen. Ich war ziemlich stolz auf die beiden und beschloss, dass ich, wenn ich einmal groß bin, mir meine Neugier auf und mein Mitgefühl für meine Mitmenschen in dem Maße zu erhalten wie meine Kinder diese Dinge an den Tag legen. Ein bisschen stolz war ich auch auf mich, weil mein etwas merkwürdiger Plan aufgegangen war.


Was haben diese beiden Erinnerungen miteinander zu tun? Die Nackten und die Toten? Beide berühren Tabuthemen, welche die Erwachsenen zumeist so lange wie möglich von ihren Kindern fern halten wollen in der guten und festen Absicht, sie ihnen erst dann zuzumuten, wenn sie dazu bereit sind und es sich obendrein nicht vermeiden lässt. Das klingt zunächst nachvollziehbar und verantwortungsbewusst: Für die meisten von uns existieren Dinge auf der Welt, die wir unseren Kindern am liebsten ersparen würden – und wenn sie ihnen schließlich doch zugemutet werden müssen, dann nur so viel wie unbedingt nötig. Aber wäre nicht vielleicht doch ein bisschen mehr nötig? Denn diese Vorgehensweise klingt auch nach Aussitzen, Angst und allgemeiner Ratlosigkeit. Wie ein Zahnarztbesuch, den man so lange aufschiebt, bis er beinahe so schlimm werden muss, wie man es sich zu einem Zeitpunkt vorgestellt hat, als es bloß ein bisschen Prophylaxe gewesen wäre.


Tod und Sex von Kindern fernzuhalten macht diese Themen für Kinder noch geheimnisvoller

Sorgen und Ängste dieser Art sind immer auch selbsterfüllende Prophezeiungen und zwar insofern, als wir in unserem Bemühen, Sexualität und Sterblichkeit von unserem Nachwuchs fernzuhalten, diese Themen zusätzlich mit Bedeutung aufladen und sie tabuisieren. Eigentlich wollen wir unsere Söhne und Töchter nur beschützen. Tatsächlich aber sorgt unser Aufschieben dafür, dass DAS Gespräch, mit dem wir während der Pubertät über Sexualität aufklären wollen (wenn wir es überhaupt führen) sowohl für uns als auch für die Jugendlichen eine unfassbare Zumutung ist. Denn was muss in diesem einen Gespräch erwähnt werden? Ganz genau: Einfach alles! Mama und Papa haben Sex, ihre Kinder irgendwann auch, Gefühlschaos, Stellungskrieg, Monogamie, Orgasmen, Verhütung, Homosexualität – um nur einiges zu nennen.  Dabei hätte vieles längst erklärt sein können. Stück für Stück und alles zu seiner Zeit. Dass manche Menschen sich für das gleiche Geschlecht interessieren und Sexualität stattfinden kann, ohne Nachwuchs zu zeugen, ist für Kinder unter zehn Jahren keine Zumutung. Als Zumutung erleben es vielmehr die Eltern, wenn es darum geht, solche Dinge kindgerecht zu vermitteln. Dann gilt es nämlich sich mit den eigenen Scham- und Angstschwellen auseinanderzusetzen, während man kaum auf Unterstützung hoffen kann, weil es den allermeisten genauso geht und es kaum vernünftige Bücher zu diesen problematischen Themen gibt.


Will man wirklich warten, bis irgendwann die geliebte Oma stirbt?

Mit Sterben und Tod verhält es sich ähnlich. Wollen wir wirklich warten, bis unsere Kinder den Tod eines nahen Angehörigen verkraften müssen? Denn diese Möglichkeit besteht immer – auch wenn uns dieser Gedanke nicht gefällt. Plötzlich ist die geliebte Oma tot und damit auch die Mutter eines Elternteils. Die ganze Familie ist außer sich, weil es unsagbar traurig ist und niemand auch nur ansatzweise für diesen Ernstfall geprobt hat. Plötzlich erleben Kinder die Eltern als hilflos und verzweifelt. Sie haben mit Leuten zu tun, die sie kaum oder gar nicht kennen, und werden mit Erwartungen konfrontiert, die sie nicht erfüllen können, während niemand über die Kraft oder die Befähigung verfügt, ihnen zu erklären, was da eigentlich gerade passiert. Trauer kann man nicht üben. Aber man kann die reale Möglichkeit eines Trauerfalls in den kindlichen Raum stellen und veranschaulichen, was Menschen tun, wenn ihre Liebsten sterben. Weinen, beten, Trauer tragen. 


Die Nackten und die Toten tun unseren Kindern nichts. Sie sind Teil dieser Welt. Sie haben Sex und sind gestorben. Es ist die Panik vor dem Unerklärlichen, die unsere Kinder aufzufressen droht, wenn wir nicht achtgeben. Und damit will ich nicht sagen, dass Sie alles erzählen müssen. Manche Dinge sind schlicht und ergreifend nur für Erwachsene. Über die meisten sollte man jedoch schon davor Bescheid wissen – nicht zuletzt, um überhaupt erwachsen werden zu können.

 

 

Zum Autor:

Nils Pickert, Jahrgang 1979, gebürtiger (Ost-)Berliner, lebt und arbeitet als freier Autor und Texter in Norddeutschland. Er ist passionierter Koch und Vater dreier Kinder.

 


Literaturtipps:


Babette Cole: Mami hat ein Ei gelegt
Gunilla Hansson, Grethe Fagerström: Peter, Ida und Minimum


Miriam Cordes, Isabel Abedi: Abschied von Opa Elefant
Eva Eriksson, Ulf Nilsson: Die besten Beerdigungen der Welt
 

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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