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3 Juni, 2016 - 09:53
 

In ist, wer drin ist! Ein Tag in der Indoor-Hölle

Sonntag, 02.06.2013, 10:30 Uhr, Dauerregen
Was macht man an einem solchen Tag? Kinderlose Paare bleiben im Bett, schauen ein nettes Video und haben danach hemmungslosen Sex. Je nach Stimmungslage und Filmwahl auch beides gleichzeitig. So ist zumindest meine Idealvorstellung. Als Paar mit Kindern findet man sich allerdings leicht in einem dieser zahllosen Indoor-Spielplätze Deutschlands wieder. Willkommen in der Realität!

© lilia_kopyeva - Fotolia.com

Die meisten von Ihnen werden wissen, um was für einen Ort es sich handelt. Für die Laien eine kurze Erklärung:


Schuhe aus und Socken an

Ein Indoorspielplatz ist ein überdachter, stickiger Platz, ausgestattet mit Kletterlabyrinth, Hüpfburgen, Trampolin-Anlage, Kletterwand und vielem mehr, der durch unglaublich viele verschwitzte Kinder bevölkert wird. Dazwischen tummeln sich leidgeprüfte Eltern und Großeltern, die auch schwitzen. Meist mehr als der Nachwuchs. Das Ganze findet auf Socken statt, denn Schuhe sind verboten.
Die Lautstärke pendelt sich gewöhnlich irgendwo im Bereich Kreissäge und Rockkonzert ein. Die Stimmung ist prächtig. Etwa 85 Prozent der Kinder kreischen fröhlich spielend, 10 Prozent versuchen schreiend die Halle in Schutt und Asche zu legen und der Rest heult.

Für nur 25 Euro (zwei Erwachsene, zwei Kinder) gewährte man uns an diesem Tage Einlass und fortan standen uns 2800m² Indoor-Vergnügen zur freien Verfügung. Oder zumindest Teile davon, denn viele Eltern und Großeltern hatten die gleiche Idee wie wir. Dennoch, frühes Kommen sichert gute Plätze und wir fanden ein lauschiges Eckchen nur für uns allein.


Immer langsam

„Papa, Mama! Kommt ihr mit zur Fisch-Hüpfburg?“ Die Frage unseres 4-jährigen Sohnes Maximilian kam nicht überraschend. Noch immer sind wir seine liebsten Spielpartner.
„Nein!“, lautete unsere gütige und einstimmige Antwort. Dazu muss der geneigte Leser wissen, dass meine Frau und ich zu den Veteranen der Indoor-Spielplätze zählen. Wir wissen recht genau, wie man sich am cleversten verhalten sollte.

Daher mein Eltern-Tipp Nr.1: Verheizen Sie Ihre Kräfte nicht gleich am Anfang! Der Tag wird lang und anstrengend. Für alle. Allerdings werden sich Ermüdungserscheinungen Ihrer Kinder erst auf der Rückfahrt zeigen, wenn sie dann fast augenblicklich in einen komatösen Schlaf fallen. Eltern verschleißen da deutlich früher.

Tipp Nr. 2 lege ich Ihnen auch gleich ans Herz: Meiden Sie Hüpfburgen! Zu groß ist die Gefahr, dass Sie im Eifer des Gefechts eine Dreijährige im Barbie-T-Shirt und rosa Ringelsocken von der Matte kicken. Alles schon passiert, glauben Sie mir.

Nachdem wir unsere Kinder auf Entdeckungsreise geschickt hatten, begann unser elterliches Aufwärmtraining an der Tischtennisplatte. In weiser Voraussicht hatten wir Schläger dabei und mussten uns nicht mit den Ausleihschlägern abmühen, die nur noch Fragmente von Belag auf einer Seite hatten. Unser munteres Spielchen, bei dem es um nichts ging als um den puren Spaß gewann ich klar 4-1 nach Sätzen.


Das Labyrinth

Danach machten wir uns auf die Suche nach unseren Kindern, die uns begeistert innerhalb des Kletterlabyrinths empfingen und sofort als willkommene Ziele in den Käfig schickten, in dem man von oben so trefflich mit Schaumgummibällen aus Hochgeschwindigkeitskanonen beschossen werden kann.

Die nächste halbe Stunde taten wir elterlichen Opfer nichts anderes, als Schaumgummibälle nach oben zu reichen, um sie in den nächsten Sekunden gleich wieder an den Kopf oder in meinem Falle in noch sensiblere Gegenden gedonnert zu bekommen. Was für ein Spaß. Für die Kinder.

Inmitten dieses Kletterlabyrinths wurde mir wieder einmal mehr schmerzhaft bewusst, dass ich a) nicht mehr der Jüngste und b) nicht mehr der Gewandteste bin. Im Alltag fällt das nicht so auf. Doch wenn man gezwungen ist, durch allerlei Spalten und Schächte der Tochter hinterherzujagen dafür um so mehr.


Fürs Versteckspiel ist man nie zu alt. Oder doch?

Mein persönliches Highlight war das allseits beliebte Verstecken spielen mit unseren Kindern. Die Regeln waren einfach: Die Eltern verstecken sich, die Kinder suchen und wer als Erster am vereinbarten Anschlagmal ist, hat gewonnen.

Innerhalb des Kletterlabyrinths, ganz oben bei der Plastikrutsche mit den 4 Bahnen nebeneinander ließen wir uns friedlich nieder. Und unser Versteck war gut.
Nachdem meine Frau und ich den kompletten Einkaufsplan für die kommende Woche durchsprachen und ich auch noch die Zeit gehabt hätte, ein mittelschweres Sudoko zu lösen, wurden wir endlich von der anderen Seite des Labyrinths, etwa auf gleicher Höhe von unserer Tochter entdeckt. Johlend machte sie sich auf den Weg nach unten, um als Erste am Anschlag zu sein.

Geschmeidig wie ein Panther (Oder wie heißen die schwarz-weißen Tiere, die so gern Bambus essen?) sauste meine Frau die Rutsche hinab und nahm das Rennen auf.

Ich allerdings wusste, es würde eng werden. In doppelter Hinsicht. Zum einen sind diese Rutschen nicht für durchschnittliche Männerhintern konzipiert worden - wer etwas anderes sagt, lügt! - und zweitens war plötzlich Rushhour auf meiner Rutschspur.

Ich versuchte dennoch mein Glück und schoss den Abhang hinab. Dachte ich zumindest, denn ich hatte die Rechnung ohne meine Hosen gemacht.

Achtung! Tipp Nr.3: Trage niemals Jeans! Die rutschen schlecht bis gar nicht.

Was für ein Anfängerfehler! Bereits im ersten Drittel der Rutsche, drohte meine anvisierte rasante Fahrt zum Erliegen zu kommen. Mit kräftigen Ruderbewegungen schwang ich mich verzweifelt nach vorn und nahm wieder Fahrt auf. Genau in diesem Moment schaute der Junge kurz vor mir in der Spur ahnungslos nach hinten. Und ich muss sagen, ich habe noch nie live einen solchen Wechsel eines Gesichtsausdrucks erlebt, als er 88 kg pure Entschlossenheit hinter sich sah. Von gelangweilt-teilnahmslos bis zu panikartig vergingen nur Millisekunden. Natürlich hätte ich ihn nicht überrollt, aber das konnte er ja nicht wissen.

Mit einer Geistesgegenwart, die schon sehr erstaunlich für so einen kleinen Burschen war, den ich auf etwa 8 Jahre schätzte, hopste er mit einem Satz auf die benachbarte Rutsche, um sich in Sicherheit zu bringen. Alle Achtung! Auf gleicher Höhe mit ihm fand ich noch ein paar Worte des Dankes, ehe ich ihn mit schreckgeweiteten Augen wild rudernd hinter mir ließ.

Unten angekommen versuchte ich durch behändes Aufstehen wieder Boden gut zu machen. Allerdings machte ich sofort wieder Bekanntschaft mit selbigem, denn:

Merke: Socken rutschen auf Rutschen phänomenal!

Nachdem ich mich fluchend aufgerappelt hatte, schoss ich um die Ecke, wo ich fast wieder das Gleichgewicht verlor und beinahe ein kindsgroßes 4-gewinnt-Spiel mitsamt den beiden fünfjährigen Spielern platt gemacht hätte.
Endlich kam ich zur Besinnung.
Aus. Vorbei. Das konnte ich nicht mehr schaffen, denn meine Tochter ist flink wie ein Wiesel. Langsam, aber hocherhobenen Hauptes trottete ich zum Treffpunkt. Inständig hoffte ich, dass keiner meine wilde Hatz verfolgt hatte. Zu leicht hätte man mich für irre halten können. Zum Glück fixierte mich nur eine Mutter in „Hello Kitty“ - Socken mit zusammengekniffenen Augen.

„Das war lustig, Papa“, empfing mich meine grinsende Tochter. An der resignierten Haltung meiner Frau konnte ich erkennen, dass wir dieses Spiel nicht zu unseren Gunsten entschieden hatten. Während meine Tochter sich an mich schmiegte, sagte sie plötzlich:
 „Du, Papa lass uns mal da hochklettern.“


Der Killer-Vulkan

Ihr Finger zeigte auf etwas, was im Prospekt verharmlosend Wabbelberg genannt wird, intern allerdings den Namen Killer-Vulkan trägt. Jedenfalls habe ich ihn so vor einiger Zeit getauft. Nur wenige Erwachsene wagen sich da hinauf.

Es ist eine Höllenkonstruktion von etwa 5 Metern Höhe (gefühlte Höhe 15 Meter) mit der Form eines Vulkankegels. Dieser Vulkan speit allerdings keine Lava, sondern Kinder. Nämlich die, die sich auf der wabbeligen Gummibespannung mit den Griffen, die in unregelmäßigen Abständen angebracht sind, nicht mehr halten können, wieder nach unten purzeln und die Nachfolgenden mit sich in die Tiefe reißen. Wer es einmal nach oben geschafft hat, gelangt über eine steile Rutsche wieder nach unten. Dieses Konstrukt steht in der Mitte der Halle und ist somit gut sichtbar für all die Eltern, die sich an der Seite langweilen, einfach nur ausruhen oder sensationslüstern gaffen.

Meine größte Sorge war nicht die schwindelerregende Höhe. Es war die Angst vor dem Versagen. Oder eher die Furcht vor der Blamage. Denn in meiner Horrorvision vor dem Aufstieg spielte sich folgender Film ab:

Kurz vor dem Gipfel verliere ich den Halt, rutsche wie ein Maikäfer auf dem Rücken vor Hunderten Schaulustigen nach unten, während ich mehrere nachfolgende drei- und vierjährige ABS-Socken-Träger mit mir in die Tiefe reiße und unter mir begrabe. Und während ich versuche, den leicht verletzten und heulenden Freeclimbern zu erklären, dass kleine Unfälle zum Leben dazugehören, kommen schon deren Väter auf mich zu. Alle sauer und im selben Bodybuilder-Verein.

Zum besseren Verständnis hier eine detailgetreue Zeichnung.

 

 

 

 

 

 

 


Allein diese Vorstellung ließ mich wie einen Gecko in Todesangst an der Steilwand kleben. Ich wurde quasi eins mit der Wabbelburg und das ermöglichte mir die Gipfelbesteigung in Rekordzeit. Mäßig elegant hievte ich mich über das Sicherheitsgitter nach oben, um kurz darauf die Todesrutsche wieder hinunterzusausen. Ich hatte dem Druck standgehalten, meine Hose leider nicht. Etwa in der Mitte der Rutsche gab der Stoff nach und ich verbrannte mir auf den letzten Metern im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch. Bitte verzeihen Sie den Ausdruck, aber bei diesen Schmerzen braucht es klare Worte.

Daher mein Tipp Nr. 4: Eine Ersatzhose ist nicht die schlechteste Idee.

Egal. Ich hatte zwar etwas Haut verloren, dafür aber meine Würde behalten.
Ich sah auf das Publikum an der Seite. Niemand beachtete mich. Und dennoch verwette ich meine kaputte Jeans darauf, dass mich mindestens die Hälfte davon bei meinem heldenhaften Aufstieg aus den Augenwinkeln beobachtet hat.

Kaputt war nicht nur meine Hose, kaputt war auch ich. Und weil ich nicht halb nackt wie ein Mitglied der Chippendales durch die Halle tigern wollte, hatte meine Frau allein das Vergnügen, die letzte halbe Stunde mit den Kindern durch die Halle zu toben und nebenbei ihre Schienbeine vor unkontrollierten Bobby-Cars, Dreirädern und Rollern in Sicherheit zu bringen.

Alles in allem bleibt zu sagen, dass so ein Indoor-Spielplatz für Kinder das Paradies auf Erden ist und bei jedem Wetter eine willkommene Abwechslung. Auch wenn der ganze Spaß nicht billig ist. Das fast durchweg frittierte Essensangebot treibt den Preis noch einmal beträchtlich nach oben. Getränke sollten Sie in ausreichender Menge auf jeden Fall dabei haben. Und das ist auch mein letzter Tipp. Denn sonst werden sie arm.

Ach ja, so ein Indoorspielplatz ist wirklich ein Garant dafür, dass Ihre Kinder abends so kaputt sind, dass sie sofort in einen Dornröschenschlaf fallen, wenn sie im Bett sind. Da kommt dann mit Sicherheit keiner mehr raus und will aufs Klo. Zeit für Sie, einen ungestörten und kuscheligen Filmabend zu verbringen. Oder so.

 

Unser Autor Daniel Polzer ist verantwortlich für Marketing und Content bei der compl3te GmbH und lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Leipzig.

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de