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14 November, 2016 - 09:12
 

Mission Impossible – Ein Vater auf Schnäppchenjagd

Kinder sind ein teures Vergnügen. Wir alle wissen das. Und deshalb ist wohl jeder froh, wenn er das eine oder andere Schnäppchen machen kann. Dass dies nicht immer einfach ist, erzählt die folgende Geschichte …

© Gina Sanders - Fotolia.com

*Jogginganzug, Größe 86/92, erhältlich in den Farben rot/schwarz oder schwarz/grau, GÜNSTIG!!!*

So lautete die Anzeige im Werbeprospekt eines großen Discounters, den mir meine Frau am Sonntagabend in die Hand drückte. „Den sollten WIR für Maximilian (unser Sohn) holen! Der ist wirklich preiswert – und von guter Qualität auch noch!“ rief sie mir begeistert aus der Küche zu. „Klar, warum nicht?“ antwortete ich, ohne von der Zeitung aufzuschauen.

Doch jetzt wurde sie konkreter. „Kannst DU den morgen mal besorgen?“

Aha. ICH also. Ist es nicht ein Phänomen, dass Frauen immer WIR sagen, wenn sie eigentlich nur allein uns Männer meinen? Wie dem auch sei, ich stimmte zu. Für meine Kinder tue ich alles und so erklärte ich mich bereit, am Montagvormittag mal vorbeizuschauen.

„Nicht Vormittag. Du musst gleich früh da sein. Sonst sind die alle weg.“ belehrte sie mich in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Ich versuchte es dennoch und verwies auf die letzte Seite des Prospekts. Darauf war zu lesen, dass die Ware für mindestens drei Tage reichen sollte. „Vertrau mir!“ entgegnete sie lässig und spielte damit den letzten Trumpf in unserem partnerschaftlichen Doppelkopf-Spiel aus.

Ein guter Mann sollte auch einmal auf seine Frau hören. Und das gilt ganz besonders, wenn die Worte „Vertrau mir!“ fallen. So machte ich mich am nächsten Morgen auf den Weg – gut gelaunt wäre sicher der falsche Ausdruck. Ich hatte keine Zweifel, besagten Jogginganzug zu ergattern. Vielmehr machte ich mir Sorgen, zwischen den angepriesenen Farbkombinationen wählen zu müssen und aus dem Überangebot womöglich die falsche Entscheidung zu treffen.


Die Ankunft

Zu meiner Überraschung war ich in dieser frühen Stunde nicht gänzlich allein. Etwa 20 Menschen, vorwiegend Frauen, standen, wie Perlen an einer Schnur aufgereiht, vor dem Eingangsbereich. Unerfahren in puncto Schnäppchenjagd stellte ich mich nicht an, sondern beobachtete zunächst das bunte Treiben von der Seite.
Ganz vorn standen die Profis, ausgerüstet mit riesigen Einkaufstaschen und noch größeren Trolleys. Dahinter, mit nervösem Blick, die Geschäftsfrau. Handtasche im Arm, Handy in der Hand und einem beständigen Blick auf die Uhr. Klar, die Arbeit ruft. Ich kenne das. Ich hätte jetzt auch genug zu tun. Dahinter …, ach lassen wir das … Kurzum, es war ein illustrer Querschnitt durch die weibliche Bevölkerungsschicht Deutschlands im gebärfähigen Alter. Inklusive natürlich der Zugereisten, die mir durch weite Gewänder und Kopftuch ins Auge stachen.
Die Schlange wuchs und mit ihr auch meine Sorge, schon einen entscheidenden Fehler gemacht zu haben. Ich stellte mich schließlich doch hinten an und büßte so etwa 15 wertvolle Startplätze ein. Meine innere Stimme sagte mir: „Geh wieder! Gib auf, du hast schon verloren!“ Aber ich bin ein Mann. Und kein Kerl gibt einfach so auf. Schon gar nicht, wenn er zum Wohle seines Sohnes unterwegs ist.

Noch zwei Minuten, sagte mir ein flüchtiger Blick auf die Uhr. Ich sah die triumphierenden Blicke der Leute ganz vorn, die sich immer wieder umschauten. Haha, es hat sich doch gelohnt, dass ich hier schon seit Mitternacht stehe, schienen sie zu denken. Zelte und Schlafsäcke sah ich allerdings keine.


Das Opening

Endlich! Die Pforten zum heiligen Discount-Tempel öffneten sich. Die Karawane setzt sich in Bewegung. Karawane?  Nein, ganz falsch, eine Karawane ist langsam - gejagte Büffelherde ist treffender. Das große Rennen um die Sonderangebote hatte begonnen.

Prompt kam es zu Auflösungserscheinungen in der einst geordneten Reihe, inklusive ersten Positionswechseln. Die Einkaufswagen im Eingangsbereich wurden natürlich ignoriert. Nur eine gut gekleidete Frau bediente sich dieses Hilfsmittels. Aus den Augenwinkeln sah ich das. Prima, ein potenzieller Gegner weniger! Entweder hatte sie keine Kinder oder sie war blutiger Amateur an der Schnäppchenfront.

Interessant war noch, dass genau die Leute, die sich zunächst abseits, aber dennoch in guter Position zum Eingangsbereich aufhielten und lauthals verkündeten, sie würden nur schnell Brot holen, plötzlich ganz vorn zu finden waren. Ein perfektes Täuschungsmanöver! DAS sind die eigentlichen Schnäppchen-Profis! Frei nach dem Motto: „Ach, kuck` mal an, heute gibt’s ja auch Jogginganzüge …“ sind sie meist die Ersten am begehrten Ort.  Doch ich schweife ab - zurück zum Sturm auf die Sonderangebote. 

Der gute alte Knigge mitsamt seinen Benimmregeln hatte in diesem Moment ausgedient. Hier geht nicht das Alter vor- und schon gar nicht die Schönheit. Es zählt nur: Wer ist Erster?

Körperliche Mankos wurden durch gute Ortskenntnisse wieder wettgemacht. Es würde mich nicht wundern, wenn einige Leute präzise Pläne zu Hause ausgearbeitet haben, um den wirklich kürzesten Weg auszuloten. Allerdings - es ist eigentlich völlig unnötig, zu wissen, wo sich die Sonderangebote befinden.  Man wird auf der Welle der Gier getragen und im Strom der Schnäppchenjäger einfach mitgerissen.

Die Leute mit einer Nahkampfausbildung waren klar im Vorteil. Denn sie konnten auf diese Art und Weise einige Plätze gutmachen und einige Schwächere in die Obst-und Gemüseabteilung schleudern. Ich vergaß meine gute Erziehung für einen Moment und half der jungen Frau vor mir nicht aus den Tomaten. Noch machte ich mir Hoffnungen und wollte keine weiteren Plätze verlieren. Schließlich hatte ich eine Mission zu erfüllen.


Der Schnäppchenstand

Strategisch günstig, im hinteren Teil des Ladens gelegen, befand sich der Ort der Begierde. Genau sehen konnte ich ihn nicht, denn ein riesiger Pulk Menschen belagerte bereits den Stand. Wie ein Heuschreckenschwarm- nur ungleich gieriger und sehr viel gefährlicher.
Die Ersten rissen alles, aber auch wirklich alles, an sich. Mit einer Armbewegung wurden alle Größen einkassiert, die irgendwie greifbar waren. Selbst wer nur ein Kleinkind sein eigen nannte, hatte zunächst die ganze Palette der Heranwachsenden in der Hand. Etwa eine halbe Minute dauerte das Schauspiel.

„Die sind ja wie die Irren hier!“, „Sinnlos!“ und noch eine ganze Reihe weiterer, nicht druckreifer Sätze drangen nun an meine Ohren. Die Wut auf den Discounter vermischte sich mit der Wut auf die Sieger.
Dennoch, eine letzte Chance gab es noch: die Rücklaufware! Denn kein Mensch braucht zehn Jogginganzüge auf einmal.
Es dauerte nicht lange, bis die glücklichen Gewinner die Ware mit geübtem Blick gesichtet und unnütze Größen aussortiert hatten. Wie die Geier warteten derweil die Unterlegenen am Schnäppchenstand. Wohl wissend: Gleich gibt es noch ein paar Reste!
Lässig, aus knapp zwei Meter Entfernung geworfen, kamen die begehrten Stücke angeflogen. Sie berührten aber nicht den Regalboden. Nein, schon im Flug wurden die Freizeittrikotagen abgefangen und auf Verwertbarkeit untersucht. Auch hier war körperliche Robustheit wiederum von Vorteil. Jetzt zählte nur noch das Gesetz des Stärkeren. Wer auch diese letzte Chance verpasste, für den hieß es: Rien ne va plus - Nichts geht mehr!

Natürlich hatte ich mit dem Ausgang des großen Rennens nichts zu tun. Startnummer 34 war eine zu ungünstige Ausgangsbasis. Nur ein Jogginganzug (Größe 116/128) lächelte mich, nachdem sich der Staub gelegt hatte, noch aus dem ansonsten gähnend leeren Warenträger an. Plus einer zerfetzten Verpackung.
Mich hätte wohl nur das Ausrufen eines Bombenalarms oder das Ingangsetzen der örtlichen Sprinkleranlage kurz vor Öffnung des Ladens meinem Ziel noch ein Stück näher gebracht. Obwohl, sicher bin ich mir da auch nicht. 


Operativer Rückzug

Es folgten enttäuschte Handyanrufe derjenigen, die leer ausgegangen waren. Offenbar mit Freunden und Verwandten, die in anderen Filialen ebenfalls operativ tätig waren.
Mir ist wirklich schleierhaft, wie Ware, die angeblich für mindestens drei Tage reichen soll, gleich in den ersten drei Minuten verschwindet.  Die Prospekthinweise sollten diesbezüglich klar geändert werden. Ergänzend vielleicht noch folgender Hinweis: Einkauf auf eigene Gefahr! Tragen Sie stets Schutzkleidung!

Ich stand nun vor der Wahl, wütend, um eine Niederlage reicher im Leben, den Laden wieder zu verlassen oder Haltung zu bewahren und mir nichts von meiner Enttäuschung anmerken zu lassen. Ich entschied mich für die zweite Variante, griff nach einem Karton Milch und ging zur Kasse. Und hier wurde es noch einmal richtig brenzlig.
Kennen Sie das Stiertreiben in Pamplona? Wo sich Touristen und Einheimische von Stieren durch enge Gassen verfolgen lassen? Das ist wahrscheinlich nicht halb so gefährlich, wie die wütende deutsche Hausfrau, die ohne das begehrte Montags-Schnäppchen, mit leeren Händen, durch einen winzigen Kassenbereich walzt.

Und dann sah ich SIE: Die Frau, welche sich am Anfang als Einzige für den Einkaufswagen entschied, verabschiedete sich gerade herzlich von einer Verkäuferin. Ich traute meinen Augen nicht:
Sie hatte MEINEN Jogginganzug im Einkaufswagen!  Richtige Größe - richtige Farbe.
Tja, Beziehungen sind halt wertvoll im Leben, auch beim Discounter um die Ecke.

Ich musterte die Dame mit einer Mischung aus Bewunderung, aber noch viel mehr Verachtung. Sie hatte sich nicht dem Kampf gestellt, sondern einen hinterhältigen Weg gewählt. Miese Schlange! Die Frau beachtete mich gar nicht, sondern durchforstete bereits den nächsten Prospekt. Wahrscheinlich um die nächste Bestellung aufzugeben.

Zu Hause angekommen, berichtete ich meiner Frau von den unglaublichen Geschehnissen - bereit, mein traumatisches Erlebnis mit ihr zusammen aufzuarbeiten.
Ich habe zwar die beste Frau und Mutter von allen erwischt, zur Psychologin taugt sie allerdings eher nicht. Ihr trockener Kommentar lautete lediglich: „Ich hab eh` nicht damit gerechnet.“ Sie lächelte mich an und sagte noch: „Tja, jetzt hast du selbst einmal erlebt, was ich manchmal durchmachen muss.“
Recht hatte sie. Ein „Hoch!“ auf die Mamas, die sich tagtäglich im Großstadtdschungel behaupten müssen, um das Beste und mitunter auch Günstigste für ihre Familie zu ergattern.
„Beim nächsten Mal gehe ich lieber wieder selber …“ rief sie mir noch nach, als ich mich auf den Weg in mein Arbeitszimmer machte, um wenigstens diese Geschichte für die Nachwelt festzuhalten.

Auf meinem Schreibtisch lag noch der Prospekt des Discounters. Der Einkauf würde sich lohnen, stand da in großen Lettern. Mich können sie damit nicht gemeint haben. Zumindest nicht an diesem Tag.

 


Der Autor:
Daniel Polzer arbeitet als freiberuflicher Texter und Werbetexter.
Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt er in Leipzig.

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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