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21 Februar, 2017 - 10:37
 

Starke Väter: Situationen, in denen Gefühl einen bei der Erziehung weiterbringt

Männer neigen oft dazu, den Starken zu geben – ob freiwillig oder unfreiwillig. Doch bei so manchen Erziehungssituationen führt einen genau diese Stärke in eine Sackgasse. Und dann hilft nur Einfühlungsvermögen.

Männliche Härte zeigen, um Situationen zu meistern, ist okay. Bloß sollte man(n) auch wissen, wann er Gefühl zeigen muss. (Bild: fotolia.com © Kitty)

Welchem Vater kommen diese Sätze nicht bekannt vor „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, „Bis Du heiratest, ist es verheilt“, „Jungs weinen nicht“? Vom einigen Vater hat man sie fast immer gehört und auch man selbst nutzt sie teilweise noch. Echten Vaterstolz kennen wir alle und die klassischen Rollenklischees haben sich auch in den Hintergrund gedrängt. Fakt ist aber, viele Väter neigen heute noch dazu, in Situationen Härte zu zeigen, wo sie eigentlich kontraproduktiv ist. Genau diesem Thema widmet sich der folgende Beitrag.


Von Trost und männlicher Härte

Hand aufs Herz, auch in einer Welt, in der wie kaum zuvor zum Abbau typischer Geschlechterrollen beigetragen wird, gibt es Dinge, die sind einfach „typisch männlich“. Kaum ein Vater kann verleugnen, dass auch in ihm diese Dinge stecken und sich mehr oder weniger stark zeigen. Beispiel gefällig?

Der Sprössling stolpert. Man sieht genau, dass er sich nicht verletzt hat, aber die „Sirene“ geht trotzdem los. Frauen neigen in solchen Lagen dazu, mit Sanftheit zu trösten. Den Vätern kommen hingegen eher Sätze über die Lippen wie „Ist doch gar nichts passiert, es gib keinen Grund für Tränen“ und nehmen somit der (aus Kindesaugen) schlimmen Situation die Schärfe. Und dagegen gibt es, so sich das Kind tatsächlich nicht verletzt hat, nichts einzuwenden. Vor allem weil kleinere Kinder häufiger des Schocks wegen weinen, als wegen echtem Schmerz.

Es ist so, Trost macht ein Kind nicht zur Mimose – aber im Übermaß sorgt er dafür, dass sie die Situation ernster nehmen, als sie ist – wenn Papa oder Mama sich so viel Mühe mit dem Trösten geben, muss ja etwas schlimmes passiert sein. Mit etwas Pech hat man dann ein unverletztes Kind, das schreit, als hätte es einen offenen Bruch.

Kinder können durchaus einiges wegstecken, aber Trost und Gefühl müssen immer der tatsächlichen Situation angepasst sein.


Ernst nehmen, wenn Ernst angebracht ist

Und eine solche Lage entsteht genau dann, wenn etwas für das Kind schlimm ist. Vielen Vätern mangelt es hier trotz Liebe an Einfühlungsvermögen. Klar, aus Vatersicht ist es kein Beinbruch (auch so ein harter Spruch), wenn das Lieblingsplüschtier zwischen Supermarkt und Hauseingang verschwunden ist – aus der Kindersicht allerdings ist es das, denn es hat eine sehr viel innigere Beziehung zu diesem „Stück Stoff“. Der Grundtenor moderner Erziehung ist, dass man Kindergefühle generell ernst nehmen sollte – mit einigen Einschränkungen stimmt das auch.

Man(n) braucht nicht auf die Not seines Sprösslings mit der gleichen Intensität zu reagieren wie das Kind – das würde die Situation nicht fördern. In jedem Fall sollten aber Mitgefühl und Verständnis gezeigt werden, selbst wenn man sich ob der Belanglosigkeit der Lage eigentlich das Schmunzeln vergreifen muss (etwa wenn der Zweijährige in Tränen ausbricht, weil man ihm erklärt, dass die Handcreme, die er gerne verspeisen würde, sich dafür gar nicht eignet).

In den folgenden Situationen ist besondere Vorsicht geboten. Sie beherbergen nämlich teilweise gravierendes Potenzial für falsche Lageeinschätzungen und bedingen teilweise auch altersgemäßes Vaterverhalten.


Fall 1: Tod des Haustieres


Für Kinderseelen ist es eine Katastrophe. Katze, Hund, Kaninchen oder Hamster haben das Zeitliche gesegnet. Eine Katastrophe deswegen, weil Kinder in ihrer psychischen Bindung keinen Unterschied machen, ob der Spielkamerad tierischer oder menschlicher Natur ist. So wurde erst jüngst bestätigt, dass Kindern ein tierischer Freund oft näher steht als Menschen.  

Falsche Verhaltensweise: Wer den Schmerz seines Kindes verkennen will, antwortet mit Sätzen á la „nur ein Tier“ und versucht, die Tränen durch baldigen Nachkauf eines neuen animalischen Spielkameraden zu kompensieren. Ersteres funktioniert schlicht aufgrund der psychischen Bindung nicht und letzteres würde dem neuen Tier einen Bärendienst erweisen, denn schlimmstenfalls entwickelt das Kind eine Abneigung dagegen.


Richtige Verhaltensweise: Die Trauer des Kindes ernst nehmen. Dabei kann man altersentsprechend vorgehen.

  • Bei Kindern bis sechs Jahren reicht es, ihnen zu sagen, dass das Tier ausgerissen sei oder jetzt anderen Menschen Freude machen wollte.
  • Bis zum Ende der Grundschule darf zwar der Tod erwähnt werden, es sollten die Gründe aber verschleiert bleiben.
  • Erst danach können Kinder die Begleitumstände nicht nur verstehen, sondern auch verkraften.

Und völlig altersunabhängig sollte das Kind bei der Aufarbeitung seiner Tiertrauer nicht alleine gelassen oder gehemmt werden. Sofern vom Platz möglich und erlaubt, sollte das Tier eine Bestattung bekommen und dem Kind die Möglichkeit gegeben werden, sich zu verabschieden – allerdings erst ab dem Grundschulalter. Und man sollte die Trauer niemals verharmlosen – für Väter mag die Welt einen Tag nach dem Hasentod wieder okay sein, Kinderseelen schmerzen jedoch länger,  denn Kids trauern anders als Erwachsene, in Schüben.  


Fall 2: Verlust bzw. Zerstörung eines Spielzeugs

Während im ersten Fall noch eindeutige Verhaltensweisen gezeigt werden, sieht es in diesem Fall nun komplexer und situationsabhängiger aus. Väter wissen, dass bei manchen Kindern Spielzeuge weniger Halbwertszeit haben, als ein Schokokuchen auf einem Geburtstag. Genau das ist die Krux an der Situation. Denn wenn das Spielzeug aus kindischer Unachtsamkeit verloren oder zerstört wurde, ist anderes Handeln angebracht, als wenn dem nicht der Fall ist.

Falsche Verhaltensweise: Wenn das Kind selbst für den Verlust verantwortlich ist, wäre es falsch, ihm sofort ein Neues zu besorgen. Der Steppke klopft mit Papas Hammer ein Matchbox-Auto kaputt und bekommt Nachschub – das würde ihm aufzeigen, dass zerstörerisches Verhalten keine Konsequenzen hat.

Ebenfalls falsch wäre es jedoch, dem Kind das neue Spielzeug vorzuenthalten, wenn es keine Schuld trifft. Das Lieblingskuscheltier hat den Ritt in der Waschmaschine nicht überlebt, ein Spielkamerad hat das Modellflugzeug zerdeppert. Das zeigt, wie vielfältig die Lage sein kann. Und wer, gleich bei welchem Fall, damit reagiert, dass er das Spielzeug aus Erwachsenenperspektive sieht, macht ebenfalls Fehler.

Richtige Verhaltensweise: Wenn das Kind aus Forscherdrang oder Zerstörungswut das Spielzeug zerdeppert hat, ist der Fall klar. Es wird kein neues angeschafft, aber gleichzeitig dem Kind gefühlvoll zu verstehen gegeben, dass zerstörerisches Verhalten persönliche Konsequenzen hat. Besonders „tough“ wird das für Väter, wenn es sich um ein Spielzeug handelt, zu dem das Kind normalerweise eine enge Bindung hat – Kinder haben nämlich eine starke aber teilweise ambivalente Beziehung zu Spielzeugen wie Puppen oder Plüschtieren. In diesem Fall muss abgewogen werden, was schwerer wiegt, der erzieherische Nutzen durch das Grenzen-Aufzeigen oder die Trauer, wenn das Kind realisiert hat, dass es seinen Lieblingsbären zerstört hat. Im Zweifelsfall sollte letzteres überwiegen, insbesondere, wenn das Kind nicht viele Plüschtiere und/oder Puppen besitzt.


Fall 3: Heimweh und Trennungsängste

Wer jemals mit Kindern in den Urlaub gefahren ist, der kennt unter Umständen die Reaktionen, wenn die Kids nach einem ersten Strandbesuch vorschlagen, nun als nächstes die (im gleichen Heimatort lebenden) Großeltern zu besuchen. Mit Sicherheit erlebten viele Väter es jedoch, dass die Kleinen auch in der schönsten Hotelanlage mit der umfangreichsten Kinderbeschäftigung irgendwann sehr heftiges Heimweh empfinden. Dagegen immun sind die wenigsten Kids, denn Heimweh hat tiefenpsychologische Ursachen.

Falsche Verhaltensweise: Wer mit Sicherheit seinem Kind und somit wahrscheinlich auch sich selbst den restlichen Urlaub vermiesen möchte, der schleppt den heimwehkranken Nachwuchs zu Ausflugszielen, die nur Erwachsenen gefallen können. Museen, Ruinen und Co. haben für Kids keinerlei Ablenkungsfaktor, langweilen sie und verstärken das Heimweh nur. Bei Kindern unterhalb des Grundschulalters wäre es zudem auch falsch, die vermissten Daheimgebliebenen per Telefon, Skype und Co. zu kontaktieren, denn so kleine Kinder begreifen nicht den Unterschied zwischen „Opa auf dem Bildschirm“ und „Opa in echt“ – auch das ist ein Heimweh-Multiplikator.


Richtige Verhaltensweise

Allein schon aus den Gründen, dass ein Urlaubsabbruch meist völlig außer Frage steht, ist der Kampf gegen Heimweh ein mehrstufiger Schlachtplan:

  • Das Kind trösten, gerne auch mit Hilfe eines geliebten Spielzeugs oder Kuscheltiers – das gibt dem Kind eine direkte Verbindung zur Heimat. Aber bitte nicht zu viel Gefühl zeigen. Denn im Falle des Heimwehs funktionieren die gleichen Mechanismen wie beim eingangs erwähnten Schock des Hinfallens – wenn man zu sehr tröstet, wird das Leid nur verstärkt.
  • Als nächstes muss abgelenkt werden. Ob eine Runde im Pool, Besuch eines Spielplatzes, vollkommen egal. Hauptsache das Heimweh wird in den Hintergrund gedrängt. Besonders gut dafür geeignet sind Dinge, die das Kind bislang in diesem Urlaub noch nicht erlebte, denn dann überwiegt der Reiz des Neuen alles andere.
  • Langfristig ist es zudem immer gut, auf das Schema „Vorfreude“ zu setzen. Man kann den kleinen Heimwehpatient fragen, was er zuhause als erstes macht und gerne auch, worauf er sich nicht so freut (umgekehrte Psychologie, denn damit erkennen die Kids, dass auch im so vermissten Zuhause nicht alles rosig ist).
  • Bei Kids ab dem Grundschulalter kann zudem in schweren Fällen auch ein Anruf bei den „Vermissten“ Linderung verschaffen. Aber bitte nicht als Dauerlösung, denn dadurch kann das Lernerlebnis des Urlaubs geschmälert werden, das darin besteht, dass Kinder lernen, von zuhause los- und sich auf Neues einzulassen.

Mit diesen vier Punkten sollte die Bekämpfung von 99 Prozent aller Heimwehattacken sowohl gefühlvoll, als auch sachdienlich gelingen. Den Urlaub abbrechen sollte man aber in keinem Fall. Hier wäre zu viel Mitleid dem Kind gegenüber kontraproduktiv – und im wahrsten Sinne des Wortes teuer.


Fazit

Väter müssen nicht immer den Harten herauskehren. Es gibt für alles seine Zeit. Und insbesondere wenn Kinder in ihrer Welt mit ihren Gefühlen stark leiden, ist Erwachsenen-Härte vollkommen unangebracht. Kinder erleben alles mit gänzlich anderen Augen. Was uns profan vorkommt, kann für sie extrem hohen Wert haben. Umso wichtiger also, dass man ihnen durch gefühlvolles Handeln dabei hilft, Trauer und Leid zu überwinden, als durch falsche Härte noch einen weiteren Leidensgrund hinzu zu packen.
 

Bildquellen:

Bild 2: fotolia.com ©  Gina Sanders
Bild 3: fotolia.com ©  domagoj8888

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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