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27 Juni, 2017 - 09:43
 

The Walking Dead – junge Eltern und ihr Schlafdefizit

Kaum ein Thema ist bei jungen Eltern so allgegenwärtig wie Schlaf – der des Babys und der eigene. Unser Autor geht der Thematik auf den Grund und kommt zu dem Schluss, dass junge Eltern kein Problem mit dem Schlafen haben, sondern mit der Zeit dazwischen.

© Monkey Business - Fotolia.com

Im Allgemeinen sagt man ja, junge Eltern hätten ein Problem mit dem Schlafen. Das Gegenteil ist der Fall. Junge Eltern schlafen gerne, tief, fest und überall – sofern sie die Gelegenheit dazu haben. Hier liegt das Problem.


Permanenter Dämmerzustand und der Hunger nach Schlaf

Die Wahrheit ist, dass Paare nach der Geburt eines Babys aufgrund ihres Schlafdefizits ein Leben in einem Zustand irgendwo zwischen Wachsein und Schlafen fristen. Und das über mehrere Wochen und Monate dauerhaft. Die Symptome dieses Lebens unter Schlafentzug: natürlich Müdigkeit, verlangsamte Reaktionen, Unkonzentriertheit, Vergesslichkeit, eingeschränkte verbale Fähigkeiten und auch Orientierungslosigkeit. Tatsächlich haben junge Eltern eine entfernte Ähnlichkeit mit den titelgebenden Kreaturen aus der Serie „The Walking Dead“. Meine Frau habe ich nach der Geburt des Babys häufiger als „Stillzombie“ bezeichnet – und sie hat nicht widersprochen: nachts im Bett liegen, quäkendes Baby, stillen, ablegen, Halbschlaf und zwei Stunden später das Ganze von vorn. Tagsüber ein permanenter Dämmerzustand und ein Hunger nach Schlaf wie ein Untoter nach Menschenfleisch.  Das Überleben sichert in diesem speziellen Fall jedoch das Glück, einen kleinen Menschen im Arm zu halten – das eigen Fleisch und Blut, für das man die Welt bedeutet und das auf einen angewiesen ist. Dieses Wissen gibt jungen Eltern die Kraft, durchzuhalten und auf bessere Zeiten zu hoffen, die sicher irgendwann kommen werden.


Die Elternzeit wurde als Arbeitgeberschutz eingeführt

Meine Frau und ich haben am jeweils anderen die oben beschriebenen Ausfallerscheinungen erkannt. Im Laufe der Zeit entwickelten wir die Theorie, dass die Elternzeit ein cleveres Konstrukt ist, durch das die deutsche Wirtschaft vor Schäden durch übermüdete Eltern geschützt wird. Nicht Elternschutz, sondern Arbeitgeberschutz ist der eigentliche Sinn dieser Maßnahme. Wir sind uns sicher, hier auf der richtigen Fährte zu sein und warten nur darauf, dass ein anonymer Whistleblower aus dem Familienministerium irgendwann im Fernsehen auspackt - hinter einer Leinwand sitzend mit verfremdeter Stimme. So oder so – wir haben uns über die Elternzeit gefreut und haben uns gleichzeitig gefragt, wie die Menschen vorher über die ersten Monate gekommen sind, wenn nicht gerade eine Großmutter zur Unterstützung an der Hand war…


Man weiß Dinge erst dann zu schätzen, wenn sie einem fehlen

Fakt ist, dass die Elternschaft für die meisten Menschen der Punkt ist, an dem sie lernen, Schlaf richtig zu schätzen. Es ist ganz logisch – man weiß Dinge erst dann zu würdigen, wenn man sie nicht mehr hat. Es wächst das Verständnis dafür, dass systematischer Schlafentzug als Folter eingestuft wird. An dieser Stelle möchte ich meiner Frau danken, die unsere Kleine über Monate ohne großes Murren gestillt hat. Ein paar Wochen nach der Geburt von Lilly musste ich eine Nacht auswärts übernachten.  So sehr ich es bedauerte, unsere Tochter fast zwei Tage nicht sehen zu können, so sehr habe ich es genossen, eine Nacht ohne Unterbrechung oder schlechtes Gewissen schlafen zu dürfen …


Es wird besser – irgendwann - und dann kommt die „Eltern-Demenz“

Aber zum Glück werden die Schlafzyklen von Babys mit der Zeit länger und irgendwann hat eine Nacht nur noch zwei Unterbrechungen und später eine. Dies ist dann der Punkt, wo Eltern ihr Schlafdefizit langsam ausgleichen. Parallel dazu nehmen die Ausfallerscheinungen ab, man tankt wieder Kraft und die Anstrengungen der ersten Monate verschwimmen nach und nach in einem diffusen Nebel. Man sagt sich, es sei ja alles gar nicht so schlimm gewesen - die Eltern-Demenz setzt ein. Ein erstaunliches Phänomen und überaus wichtig für die Menschheit – denn sonst gäbe es viel mehr Einzelkinder …

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de