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23 Februar, 2017 - 14:12
 

Väter heute: Mann, hast Du’s gut!

Vater sein ist beileibe nicht immer einfach, aber wenn man die heutige Situation mit früheren Zeiten vergleicht, leben wir in einer wahrhaft goldenen Epoche.

© Rido - Fotolia.com

Viele moderne Väter wissen gar nicht, wie gut sie es heute haben und setzen in Verkennung dessen die Nostalgie-Brille auf. Nostalgie - aus dem griechischen nóstos (Rückkehr) und álgos (Schmerz). So erklärt es der Duden. Eine Zeit, die in der Realität also nie so gut war, wie man sie sich heute vorstellt. Was das mit Kindererziehung zu tun hat? Ganz einfach, heute können viele Väter hervorragend klagen. Sie klagen über die anstrengende Trotzphase. Bedauern teilweise, dass Härte in der Erziehung nicht mehr en Vogue ist und diese deshalb schwieriger ist. Und sie regen sich auch darüber auf, dass sie während der Elternzeit mit den Launen des Kindes vollkommen allein gelassen werden. Wie schön war dagegen doch das Vatersein in früheren Tagen – seufzen viele dieser Papas und traben damit schnurstracks in die Nostalgie-Verklärungs-Falle. Denn früher war sicherlich einiges, bloß nicht „mehr Lametta“:


1. Die Sache mit der Zeit

Das Kind heult, die Zähne kommen oder einfach nur die Trotzphase, der väterliche Kopf steht kurz vorm Platzen. Und selbst bei zufriedenen Männern schleichen sich dann gar nicht väterliche Gedanken ein. Denn früher, da hatte die Mutter das zahnende Schmerzbündel stets um sich herum und übernahm selbstverständlich die Erziehung während der Vater als Ernährer die Hosen an hatte.

In der Tat ist das so, denn wenn man ein wenig über den Daumen peilt, ist männliche Teilhabe an der Erziehung, wie wir sie heute kennen, ein Kind der allerjüngsten Epoche:

  • Elterngeld für Väter gibt es in Deutschland erst seit 2007
  • Im Lauf der 1990er wurden berufstätige Mütter erstmals die Regel
  • Bis Mitte der 1970er war es breitgesellschaftlicher Konsens, dass Erziehung hauptsächlich in Mutterhänden liegen sollte

Und davor? Davor ist die Geschichte der Erziehung fast ausschließlich von einer Konstanten geprägt, nämlich väterlicher Abwesenheit. Ob nun Tag für Tag auf dem Feld, im Krieg oder „nur“ im Büro mit 48-Stunden-sechs-Tage-Wochen in den frühen 1950ern.

Väter bekamen früher von ihrem Kind praktisch gar nichts mit. Weder die Geburt (absolute Frauensache) und auch nicht sämtliche Meilensteine, die einem die Vaterschaft versüßen. Das Kind lächelt zum ersten Mal? Da machte man gerade eine Kostenaufstellung. Die ersten Schritte? Da belud man gerade den vierten Laster des Tages. Was an Papa-Kind-Zeit übrigblieb, waren ein paar allabendliche Minuten vor dem Zubettgehen, vielleicht etwas Spielen am Sonntagnachmittag.

Klar kann einem ein Kind auf die Nerven gehen, aber man sollte froh sein, dass Väter heute überhaupt die Möglichkeit haben, das eigene Kind großzuziehen. Denn das ist nur möglich, weil sich die Gesellschaft an sich geändert hat und Vater, Mutter und Kind als Gruppierung auf gleicher Höhe angesehen werden. Hier verklärt die Nostalgiebrille so einiges.


2. Die Sache mit dem Töpfchen

Und auch bei diesem Punkt ist die rosarote Nostalgiebrille allgegenwärtig. Nicht wenige Väter, die sich heute angesichts steigender Lebenshaltungskosten bei stagnierenden Reallöhnen beim Blick auf die Windelrechnung fragen, wie viel besser es wohl früher war, als man das noch anders handhabte.

Doch was ist anders? Denn die Windelgeschichte ist ziemlich vielfältig. Lieber altägyptische Windeln aus Gräsern? Oder doch eher mittelalterliche Stoffwindeln?

Fakt ist, ein normales Kind, das etwa 2,5 Jahre lang Windeln benötigt, verbraucht 2500 Wegwerfwindeln während dieses Zeitraums. Klar sind die teuer. Doch selbst bei der Umkehrprobe mit der mittelalterlichen Stoffwindel; auch von denen brauchten die Kids ähnliche Mengen – sofern nicht eine der damals viel häufigeren Durchfallerkrankungen hinzukam. Der Wechselvorgang bei einer Stoffwindel ist wesentlich aufwendiger und vor allem unhygienischer. Nach dem umständlichen Wickelvorgang ist das Kind dann halbwegs trocken – und man steht da mit einer verschmierten Unterlage, zwei Stofftüchern voller Babyexkremente, schmutzigen Händen und Kleidern und darf diese Pakete nun im nächsten Bach waschen. Ohne Seife, ohne Desinfektionsmittel. Jeden Tag, mehrmals. Denn Stoffe waren damals ebenfalls teuer, sodass die meisten Familien nicht mehr als eine Handvoll Windeln besaßen.

Nein, die saugfähige moderne Wegwerfwindel, die selbst größte „Explosionen“ aufnimmt und sich notfalls noch mit einer Hand wechseln lässt, ist eine der vielleicht besten Errungenschaften der Babyprodukte – ganz gleich, wie teuer sie in der Summe auch ist. Die Vorteile bezüglich Handhabung und Hygiene wiegen das bei weitem auf.


3. Die Sache mit den Methoden

Der Sohnemann bockt, die Tochter lässt die Finger nicht von Dingen, die sie nichts angehen. Und nachdem man zum gefühlt tausendsten Mal auf die moderne, von Wissenschaftlern empfohlene Art und Weise klar gemacht hat, dass man sich nicht auf der Nase herumtanzen lässt, hat man zumindest das gute Gefühl, einen neuen Erziehungsstil zwischen demokratisch und Laissez-Faire erfunden zu haben. Bloß wenn die Erziehungsmethode dann immer noch nicht gefruchtet hat, wird sich der eine oder andere Vater vielleicht in die wilhelminische Epoche zurückwünschen, wenn auch nur für Sekunden.

Die „bewährte“ autoritäre Erziehung des späten 19. / frühen 20. Jahrhunderts, mit der Hauptmaßgabe „wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie“. Zugegeben, wirksam waren die Methoden. Dass die meisten davon heute sogar von der UN-Anti-Folter-Konvention verboten sind, ach, „Schwamm drüber“.

Doch was bekam man, wenn man solcherart für Zucht und Ordnung unter seinen Sprösslingen sorgte? Man erntete teilweise zurückgezogene Kinder, deren Fröhlichkeit sich stets in Grenzen hielt. Zwar war es dadurch im Haus meist ruhiger und die Kinder zeigten mehr Gehorsam als heute, aber leider auch Furcht vor den eigenen Eltern. So entwickelten sich diese Kinder meist zu Erwachsenen mit geringem Selbstbewusstsein und auch auf die Kreativität wirkte sich dies oft negativ aus.

Und dass auf diese Weise die einstigen Kinder ebenfalls, wenn sie dereinst selbst zu Eltern wurden, mit der gleichen erlebten Härte weitermachten, ist nicht nur eine traurige Tatsache, sondern eine selten beachtete Krux der deutschen Geschichte. Die wilhelminische Generation, von der hier gesprochen wird, wurde im späten 19. Jahrhundert geboren und dann buchstäblich „großgeprügelt“.

Auch wenn man als Vater in schlimmen Fällen wirklich einmal an diese alte Zeit zurückdenken sollte, sollte man den Gedanken an eine gewaltsamere Erziehung verwerfen. Nur eine moderne Erziehung auf Augenhöhe entspricht dem kindlichen Wesen und lässt es sich, obwohl es Grenzen aufgezeigt bekommt, zu einem frei denkenden, selbstbestimmten Menschen entwickeln. Extreme in der Erziehung sind niemals gut, weder totales Laissez-Faire, noch autoritär – hier sollte die Vergangenheit nicht nur Negativ-, sondern abschreckendes Beispiel sein. Ein Gewisses Maß an Strenge ist zwar notwendig, damit die eigenen Kinder einem nicht auf der Nase rumtanzen, aber Gewalt ist hier niemals die Lösung.


Fazit

Niemand, der davon eine Ahnung hat, hat je behauptet, dass die Erziehung eines Kindes ein buchstäbliches Kinderspiel sei. Doch so sehr einem als Vater die Härte manchmal über den Kopf wächst, sollte einen das niemals dazu verleiten, mit einem verklärten Blick in die Vergangenheit zu schauen. In dieser Jahrtausendelangen Epoche, die man heute unter dem höchst schwammigen Oberbegriff „damals“ zusammenfasst, war vielleicht nicht alles schlecht. Aber für Väter bzw. Eltern im gesamten war es definitiv viel schlechter. Wer heute vom Quengeln seines Kindes gestört wird, sollte sich immer auch nochmal darüber bewusst sein, dass er auch froh sein kann das alles miterleben zu dürfen. Denn nach der klassischen Rollenverteilung von damals wäre das nicht möglich gewesen.

 

Bildquellen:
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Redaktion Vaterfreuden.de
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