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20 Oktober, 2016 - 10:54
 

Warum man sein Leben gelegentlich aufräumen sollte - Gedanken eines Familienvaters über Stress im Alltag

Gibt es Stress wirklich oder machen sich viele Menschen ihr Leben selbst unnötig schwer? Ein Familienvater erzählt in diesem Beitrag, warum er selbst ein stressfreies und glückliches Leben führt.

© Yuri Arcurs - Fotolia.com

Wo man auch hinhört: Überall gibt es nur noch hetzende und gestresste Menschen. Als Familienvater wird man erleben, dass dabei Leute ohne Kinder garantiert mehr Stress haben als man selbst.

Neulich meldete sich seit vielen Wochen mal wieder mein bester Freund telefonisch bei mir. Eigentlich hatte er ja gar keine Zeit, weil er unheimlich viel um die Ohren hatte und kaum zum Atmen kam. Seit der Geburt meines Sohnes vor einem Jahr war unser Kontakt zwar nie völlig eingeschlafen, nahm aber stetig ab. Das lag zum einen daran, dass er sich im Gegensatz zu mir bewusst gegen Kind und Familienleben entschieden hatte und glücklicherweise eine Partnerin fand, die ebenso denkt. Geld und persönliche Freiheit schienen offensichtlich wichtiger als Familienglück. Dementsprechend wenig konnten sie mit unserem Zwerg anfangen. Entweder kamen gemeinsame Unternehmungen nicht zustande, weil die beiden es nicht verstehen konnten, dass man ein Baby nicht einfach in den Kofferraum packt und losfährt und - ganz wichtig - eben nicht zeitlich flexibel ist. Saßen wir dann endlich einmal zusammen, verdrehten sie nach kurzer Zeit die Augen, weil unser Sohnemann schrie oder sich das Gespräch mal wieder um ihn drehte. Obwohl wir uns vornahmen, keine Helikopter- Eltern zu werden, können und wollen wir eben nicht so tun, als gäbe es unseren Nachwuchs nicht. Das aber nur nebenbei.

Ein weiterer Grund für unsere abnehmenden Kontakte ist die Tatsache, dass mein Freund durchgehend fürchterlich gestresst ist. Er wohnt alleine in seiner kleinen Wohnung, hat einen ganz normalen Vollzeitjob und ansonsten keine nennenswerten Verpflichtungen. Ich dagegen habe auch einen Vollzeitjob, dazu noch einen Nebenjob und eine Familie. Zusätzlich muss ich noch ein Einfamilienhaus samt dazugehörigem Anwesen in Schuss zu halten. Ganz nebenbei versuche ich außerdem, die Kontakte mit den weniger gewordenen guten Freunden sowie der Verwandtschaft zu pflegen. Ich will meiner Frau möglichst viel im Haushalt abnehmen und vor allem Zeit mit meinem Sohn verbringen. Das alles mache ich mit großer Freude, weil ich eine intakte Familie hinter mir weiß. Wann ich das letzte Mal Zeit für mich hatte und beispielsweise einem Hobby nachgegangen bin, weiß ich allerdings nicht mehr.
 

In regelmäßigen Abständen Beziehungen und Gewohnheiten überprüfen


Natürlich ist auch mein Tag weitgehend verplant, denn Familienleben hat auch viel mit Arbeit und Organisation zu tun. Trotzdem führe ich ein rundum glückliches und zufriedenes Leben mit meinen Lieben und kann nicht ansatzweise behaupten, dass ich mich gestresst fühle. Ich frage mich deshalb, ob ich etwas falsch mache oder aber mein bester Freund. Der Grund, weshalb er so gestresst ist, liegt meiner Meinung nach zum einen darin, dass er seiner Arbeit einen viel zu hohen Stellenwert einräumt und unentgeltlich mehr arbeitet, als er eigentlich müsste. Da er keine Familie hat, ist der Job schließlich sein Lebensmittelpunkt. Warum er eine dermaßen übertriebene Loyalität gegenüber seinem Arbeitgeber zeigt, ist mir unverständlich. Schließlich ist er ein normaler Angestellter mit normalem Gehalt und ohne Führungsposition. Dass er trotz seines Eifers keine Anerkennung bekommt, will oder kann er nicht sehen. Mich hingegen erfüllt meine Arbeit zwar auch, allerdings sehe ich sie ausschließlich als Mittel zum Zweck, um meine Familie zu ernähren. Glück und Erfüllung finde ich eher im Privatleben. Was meinem Freund ebenfalls unheimlich viel Zeit kostet: Er fühlt sich verpflichtet, diverse lose Bekanntschaften und Vereinsmitgliedschaften am Laufen zu halten, obwohl er daran schon lange kein wirkliches Interesse hat. Ich nehme mir seit vielen Jahren vielmehr die Freiheit, in regelmäßigen Abständen meine zwischenmenschlichen Beziehungen und Gewohnheiten zu überprüfen. Tun mir diese Menschen gut? Habe ich überhaupt Freude im Umgang mit ihnen? Habe ich echte Freude an dem, was ich tue oder verschwende ich meine Zeit damit? Wenn nicht, sortiere ich so manches aus. Denn es ist meine kostbare Lebenszeit und ich will und kann es nicht jedem recht machen.
 

Ist es einfach modern geworden, möglichst gestresst zu sein?


Was ich damit aber eigentlich sagen wollte: Offensichtlich ist es einfach modern geworden, möglichst gestresst zu sein. Sei es nun Arbeits-, Freizeit- oder Weihnachtsstress. Wer nicht ständig über zu wenig Zeit jammert, wird in unserer schnelllebigen Zeit nicht ernst genommen. Gemächliche Menschen werden belächelt und als Trantüten abgetan. Ich denke hingegen, dass ein Großteil vom sogenannten Stress hausgemacht ist. Seine Arbeit hat man gut zu machen, das ist klar. Aber muss ich mich jedes Wochenende mit x-beliebigen Bekannten treffen, obwohl es mich eigentlich langweilt? Warum rufe ich meinen ehemaligen Arbeitskollegen immer wieder pflichtgemäß an, obwohl wir uns seit Jahren nichts mehr zu sagen haben? Muss ich wirklich meine Samstage damit vergeuden, in überfüllten Innenstädten shoppen zu gehen?

Ich habe für mich jedenfalls schon vor Jahren erkannt, dass weniger oft mehr ist. Schließlich fördert Stress bekanntermaßen nicht gerade die Gesundheit. Dass ich mein Leben regelmäßig entschlacke, führt dazu, dass ich - im Gegensatz zu vielen angeblich gestressten Menschen – wieder einen scharfen Blick für die wirklich wichtigen Dinge im Leben bekommen habe.

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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