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2 Januar, 2017 - 00:01
 

Wenn der beste Kumpel verprügelt wird

Es ist leider nicht nur subjektive Wahrnehmung, wenn man davon ausgeht, dass die Brutalität unter Jugendlichen zugenommen hat. Untersuchungen und konkrete Zahlen belegen, dass die Hemmschwelle sich verändert hat. Aber wie reagiert man geeignet auf Rachegelüste des Sohnes, wenn sein bester Kumpel verprügelt wurde?

© Markus Bormann - Fotolia.com

War es früher in den meisten Fällen noch so, dass derjenige aufgab, der am Boden lag, ist das inzwischen oft anders. Auch wer nach einem Kampf aufgibt und kapituliert, muss damit rechnen, weiter geschlagen und getreten zu werden. Prügeleien hat es zwar unter Kindern und natürlich Jugendlichen schon immer gegeben, die Gewaltbereitschaft hat jedoch neue Formen angenommen. Das Ganze ist schon schlimm, wenn man es in der Zeitung liest oder in den Nachrichten darüber berichtet wird. Wenn der eigene Sohn ein solches Erlebnis schildert und dabei Wut im Bauch entwickelt, ist es allerdings deutlich schwieriger, damit umzugehen. Soll man ihn ermuntern? Ausbremsen? Ich hatte ein schwieriges Gespräch mit meinem Sohn, als er mir seinen Fall schilderte.

 

Falsch geguckt

Die Aufhänger unterscheiden sich nicht von denen vor 30 Jahren. Um angriffslustige Jugendliche zu provozieren, reicht es, auf dieser Welt zu sein. Im Fall des Kumpels meines Sohnes waren es zwei großgewachsene Jugendliche mit reichlich Muskelpaketen, die sich vom Freund meines Sohnes, Marek, provoziert fühlten.

„Was guckst Du so blöde? Hassu'n Problem, oder was?“

Mein Sohn Tim erzählte mir, dass Marek gar nicht die Zeit hatte, etwas zu entgegnen, er hatte überhaupt keine Chance, irgendetwas klarzustellen. Die beiden Typen stürzten sich auf ihn schlugen auf ihn ein. Viel mehr passierte nicht, Marek kam mit ein paar blauen Flecken und dem Schrecken davon, denn einige Passanten kamen vorbei und zeigten Zivilcourage. Die jugendlichen Angreifer ergriffen die Flucht. So gesehen hatte Marek also Glück. Andere Opfer sind schon viel übler zugerichtet worden, selbst Totschlag kommt ja immer wieder vor. Aber der Schrecken saß tief, der Junge war völlig verstört und hatte lange mit der Sache zu kämpfen. Mein Sohn war wütend und hilflos, als er mir die Situation schilderte. Und am liebsten hätte er diesen beiden Jugendlichen, die seinen besten Kumpel angegriffen haben, genauso behandelt, wie sie es mit Marek vorgehabt hatten. „Die verdienen es doch nicht anders, diese Idioten!“, das waren seine Worte.

 

Nachvollziehbar

Ich will ehrlich sein. Ich bin niemand, der die Auffassung vertritt, man müsse die zweite Backe hinhalten, wenn es auf der einen bereits geklatscht hat. Jeder Mensch sollte sich verteidigen dürfen, wenn es die Situation erfordert. Trotzdem habe ich als Vater eine Verantwortung, die über diese Philosophie hinausgeht. Sollte ich einfach meinem Sohn zustimmen bei seinem Wunsch, die beiden Schläger mögen mal selbst zusammengeschlagen werden? Zumindest konnte ich Tims Reaktion nachvollziehen. Wenn ein Mensch, der einem nahesteht, geschlagen wird, dann zieht das an niemandem spurlos vorüber. Wenn man dann auch noch sieht, dass er auch später noch verängstigt und verunsichert ist, sieht man erst recht diejenigen vor seinem geistigen Auge, die dafür verantwortlich sind. Genauso ging es Tim. Und auch wenn ich seine Reaktion nachvollziehen konnte, entschied ich mich für eine andere Argumentation.

 

Handlung und Folgen

Ich kenne Marek. Und ich kenne meinen Sohn. Beide sind Menschen, die keiner Fliege etwas zuleide tun können. Sie legen Wert auf Harmonie und Freundschaft. Gewaltbereitschaft habe ich weder bei ihnen noch bei anderen Freunden ihrer Clique ausmachen können. Als mein Sohn völlig aufgelöst von seiner Wut auf die Schlägertypen berichtet hat, war es mir erst einmal wichtig, mich voll und ganz auf ihre Seite zu stellen. Ich sagte, dass ich es widerlich und verabscheuungswürdig halte, wie die Jugendlichen sich verhalten haben. Ich fragte Tim aber auch, was die Folge wäre, wenn er sich jetzt womöglich mit seinen Kumpels zusammentun und die beiden Schläger verprügeln würde. Seine Antwort kam ziemlich schnell: „Eskalation“ sagte er.

 

Eine schwierige Frage

Letztlich kamen wir zum Schluss, dass es keinen Sinn machen würde, genauso „hirnlos“ (so nannte es mein Sohn) zu agieren wie die Typen, die es auf Marek abgesehen hatten. Wir sprachen darüber, dass nach diesem Prinzip Bandenkriege entstehen und dass irgendwann überhaupt niemand mehr wüsste, worum es ursprünglich einmal gegangen sein mag. Viel entscheidender aber war eine andere Frage:

Selbst, wenn man sich zu den „Guten“ zählt, selbst wenn die eigene Rache an sich ihre Berechtigung hat. Ist man nicht ab einem bestimmten Punkt ähnlich wie die, gegen die man sich wehren wollte? Weil die Methoden die gleichen sind?

Tim muss im Grunde nicht davon überzeugt werden, dass Gewalt keine Lösung ist. Er ist ohne Gewalt aufgewachsen, sie war nie ein konkretes Thema für ihn. Trotzdem musste er sich in dieser Situation mit seinem Kumpel Marek das erste Mal ernsthaft damit auseinandersetzen. Und eben auch mit der Frage, ob er im Zweifel bereit wäre, Gewalt auszuüben. Er will das nicht, das weiß ich. Und er wird es sicherlich auch nicht machen, wenn es sich vermeiden lässt. Aber die Prügelei mit Marek hat ihre Spuren hinterlassen bei Tim. Und bei mir auch.

 

 

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