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18 September, 2011 - 10:48
 

Wie kinderfreundlich ist Deutschland? - ein Stresstest

Wie kinderfreundlich ist Deutschland? - Wie soll man diese Frage beantworten? Wohl kaum mit einer Skala von 1 bis 10. Heutzutage gibt es doch für alles einen Stresstest - Bahnhöfe, Atomkraftwerke, Banken. Stresstester müsste man sein, dann hätte man viel zu tun. Warum gibt es also keinen Stresstest für Kinderfreundlichkeit? Im Folgenden habe ich versucht einen solchen Test mit meiner Tochter Eva (5 Jahre) zu entwickeln. 

© Stauke - Fotolia.com

Ein solcher Stresstest müsste zuallererst die Frage klären, was denn Kinderfreundlichkeit ist. Als Freundlichkeit wird das wertschätzende und liebenswürdige Verhalten eines Menschen gegenüber seiner sozialen Umgebung beschrieben. Kinderfreundlichkeit wäre demnach ein solches Verhalten gegenüber Kindern. Unser Stresstest würde ja aber kein Individuum, sondern Deutschland, den Staat und die Gesellschaft, untersuchen. Aufbauend auf der obigen Definition von Kinderfreundlichkeit zeigt sie sich bei Gesellschaften darin, ob bzw. inwieweit sie in ihren öffentlichen und privaten Infrastrukturen den Bedürfnissen von Kindern entspricht.

Doch was sind die Bedürfnisse von Kindern? Um diese Frage zu beantworten, würde der Stresstest Expertenmeinungen einholen. Zum Beispiel meine fünfjährige Tochter Eva, die mir freundlicherweise eine Bedürfnislisteerstellt hat. Oder aber die Vereinten Nationen (UN), die die Bedürfnisse von Kindern in ihren Kinderrechtskonventionen in Form von Rechten definieren: das Versorgungsrecht, das Entwicklungsrecht, das Mitbestimmungsrecht und das Schutzrecht.

 

Versorgungsrecht

Ein grundlegendes Bedürfnis von Eva ist, dass ihre Eltern Zeit für sie haben. Zeit, um mit ihr zu spielen, sich um sie zu kümmern, ihr zuzuhören, sie zu unterstützen und sie zu pflegen, wenn sie krank ist. Weitergehend fordert sie diese Zeit und Fürsorge auch von der engeren Familie (Schwester, Großeltern und Cousins). Neudeutsch würde man vielleicht von dem Wunsch nach einem sozialen Netzwerk sprechen, in dem Eva Schutz, Absicherung, Fürsorge und Liebe erfährt. Die UN summieren diese Bedürfnisse unter dem Begriff Versorgungsrecht.

Das Versorgungsrecht fordert für jedes Kind eine Versorgung entsprechend seines Alters und seiner Bedürfnisse ein. Die aktuellen Diskussionen um den Ausbau von Krippen, Kitas und Ganztagsschulen zeigen, dass hier noch akuter Handlungsbedarf besteht. Die Betreuungssituation von Kindern ist jedenfalls noch weit davon entfernt, die reibungslose Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gewährleisten oder den Familien mehr Freiheit bei der Wahl der gewünschten Kinderversorgung, dem Mix aus der heimischen Kinderbetreuung und der Betreuung durch Krippen- oder Kitapersonal oder auch Tagesmüttern zu geben.

 

Entwicklungsrecht

Eva ist neugierig und lernbegierig. Für sie ist es wichtig, mental und körperlich gefordert und gefördert zu werden. Sie will lernen, Dinge begreifen und sich körperlich und motorisch weiterentwickeln. Diese Bedürfnisse werden von den UN unter dem Begriff Entwicklungsrecht zusammengefasst. Dieses gewährt jedem Kind eine seinem Alter und seinen Fähigkeiten entsprechende Förderung. In Deutschland sollen alle Kinder, unabhängig von ihrer sozialen oder nationalen Herkunft, den gleichen Bildungschancen haben. Doch in der Praxis bietet unser Bildungssystem Kindern mit Migrationshintergrund leider deutlich schlechtere Chancen. Sie besuchen seltener höhere Schulen und stellen fast 30 Prozent aller Schulabbrecher. Fast 40 Prozent aller Heranwachsenden ohne beruflichen Abschluss sind ausländischer Herkunft.

Oft mangelt es an Sprachkenntnissen und oder familiärer Unterstützung. In Kindergärten und Schulen gibt es nicht genügend qualifizierte Förderangebote. Viele Kinder und Jugendliche fühlen sich aussortiert und abgeschoben. Viele deutsche Eltern befürworten theoretisch die Notwendigkeit von Integration, praktisch wollen sie ihre Kinder aber nicht in Kindergärten oder Schulen mit hohen Migrationsanteilen schicken, da sie befürchten, ihre Kinder würden dort weniger lernen. So drohen zwei parallele Bildungssysteme zu entstehen, eines für Kinder mit Migrationshintergrund und eines für Kinder deutscher Eltern. Hinsichtlich ihrer Entwicklung benennt Eva ein weiteres Bedürfnis. Das Bedürfnis nach Orten, die speziell für Kinder konzipiert sind. Typischstes Beispiel hierfür ist sicherlich der Spielplatz. Hier können sich Kinder austoben und sich ausprobieren, sie können etwa beim Klettern oder Springen ihre Grenzen kennenlernen, daran arbeiten, diese zu überwinden und Selbstvertrauen gewinnen – sprich sich weiterentwickeln. In weiten Teilen Deutschlands gibt es ein dichtes Netz an Spielplätzen. Hier stehen Kinder im Mittelpunkt und müssen wenig Rücksicht nehmen. Dieses haben deutsche Gerichte immer wieder festgestellt, indem sie Klagen von Menschen abwiesen, die sich durch die Spielgeräusche von nah gelegenen Spielplätzen gestört fühlten.Auch Kulturangebote speziell für Kinder sind für Eva und ihre Entwicklung wichtig. Sie besucht gern Aufführungen von Kindertheatern, sieht gerne gute Kinderfilme und lässt sich lange aus Kinderbüchern vorlesen. In den deutschen Großstädten gibt es ein großes und vielseitiges Kulturangebot für Kinder und Familien. Sie erweitern den Horizont, regen zum Nachdenken an und bieten viel Potential zur Weiterentwicklung. Leider sind diese teilweise recht teuer, so dass sich nicht alle Familien einen Besuch auch leisten können.

 

Mitbestimmungsrecht

Für Eva ist es wichtig, in Entscheidungsprozesse mit eingebunden zu sein. Sie will Wünsche und Unmut äußern und manchmal auch selber eine Entscheidung fällen können. Die UN spricht hierbei vom Mitbestimmungsrecht für Kinder. Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche bei den Fragen, die sie betreffen, in die Entscheidungsprozesse involviert sind. Wo möchten sie im Falle einer Scheidung leben? Möchten sie ein Instrument lernen? Welche Sportart möchten sie betreiben? Das sind nur einige Beispiele für Fragen, die Kinder tangieren, und die mal mehr, mal weniger das Wohlergehen des Kindes mitbestimmen. Daher ist es wichtig, dass Kinder bei diesen Entscheidungen auch eine Stimme haben.

Zu lernen, Entscheidungen zu treffen, ist ein wichtiges Element in der Persönlichkeitsentwicklung. Kinder und Jugendliche lernen Positionen zu beziehen, sie argumentativ zu halten und gewinnen so Selbstvertrauen. In familiären Strukturen funktioniert die Einbindung von Kindern bei Entscheidungen mal mehr, mal weniger

gut. In der öffentlichen Infrastruktur gibt es leider kaum Beispiele, bei denen das gut und konsequent vorgeführt wird. Schülervertretungen oder Jugendparlamente haben beispielsweise kaum nennenswerte Entscheidungsbefugnisse.

 

Schutzrecht

Die Absicherung ihrer persönlichen Sicherheit fehlt auf Evas Bedürfnisliste. Wahrscheinlich setzt sie das einfach voraus. Da das leider nicht für alle Kinder gilt, gibt es das Schutzrecht, das Kindern ein gewaltfreies Aufwachsen und eine gewaltfreie Erziehung garantieren soll.

Jugendämter, Polizei und Gerichte haben diesbezüglich ein hohes Problembewusstsein entwickelt und bei Fällen von häuslicher Gewalt gegen Kinder ein breites Spektrum von Aktions- und Sanktionsmöglichkeiten. Leider ist die Dunkelziffer noch immer ziemlich hoch und scheint es viele Menschen Überwindung zu kosten, bei einem Verdachtsfall die Behörden zu informieren. Ein immer größeres Problem ist die Gewaltausübung in Form von Kindesvernachlässigung. Für den Einzelnen stellt sich die Frage, wie er im Verdachtsfall agieren soll, und für den Staat stellt sich die Frage nach dem richtigen Instrumentarium, um in solchen Fällen zu reagieren.

 

Also, wie kinderfreundlich ist Deutschland denn nun?

In Sachen Kinderfreundlichkeit gibt es viel Positives über Deutschland zu berichten. Viele Kinderbedürfnisse werden ernst genommen. Die Angebote, die speziell für Kinder konzipiert sind, nehmen in vielen Lebensbereichen zu. Nicht zuletzt, weil privatwirtschaftliche Institutionen, wie z.B. im Tourismussektor, Familien mit Kindern als potentielle und noch nicht ausgeschöpfte Zielgruppe ausgemacht haben. Andererseits wurden auch viele Mankos angeschnitten. Nach wie vor sind Kinder in Deutschland ein Armutsrisiko. Nach wie vor suchen viele Familien preiswerte Wohnungen sowie Vermieter und Nachbarn, die sich über Kinder freuen. Wahrscheinlich käme ein Stresstest zum Thema Kinderfreundlichkeit zu folgendem Ergebnis: Noch ist Deutschland mental und ökonomisch nicht das, was man ein kinderfreundliches Land, nennen würde, aber es ist auf einem guten Weg, eines zu werden.

 

Über den Autor:

Benjamin Dostal lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern (fünf und eineinhalb) in Stuttgart. Er ist 37 Jahre alt und seit mehreren Jahren als freier Autor, Kultur- und Eventmanager tätig.

 

 

Sind Sie anderer Meinung, was die Kinderfreundlichkeit Deutschlands angeht? Schreiben Sie uns einen Kommentar. Wir freuen uns, von Ihnen zu hören.

 

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