© Monkey Business - Fotolia.com
© Monkey Business - Fotolia.com

Ich habe ein Lieblingskind – das gebe ich zu und ich fühle mich schlecht dabei

Fast alle Eltern haben eines ihrer Kinder lieber als das andere – aber die wenigsten gestehen sich das ein. Ein Vater schreibt offen darüber, dass er ein Lieblingskind hat. Er fühlt sich nicht gut dabei. Auch, weil er selbst erlebt hat, wie es ist, nicht die Nummer eins seiner Eltern zu sein.

Vor ein paar Tagen - in einem besonders ehrlichen Moment – musste ich mir eingestehen, dass ich ein Lieblingskind habe. Damit bin ich in bester Gesellschaft. Die meisten Eltern haben ein Lieblingskind, ob sie sich das bewusst machen oder nicht. Allerdings habe ich in meiner Kindheit selbst erfahren müssen, wie es ist, „das andere Kind“ zu sein. Daher habe ich mir vorgenommen, meinen beiden Kindern bewusst die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdienen.

Meine Eltern hatten ein Lieblingskind – und das war nicht ich

Bis zum Alter von zwei Jahren war ich der Mittelpunkt meiner Eltern. Sie schwirrten nur so um mich herum und ich konnte nichts falsch machen. Dann wurde mein kleiner Bruder Thomas geboren. Er hatte anfangs gesundheitliche Probleme und benötigte viel Aufmerksamkeit. Dazu war er sehr süß anzusehen, anhänglich, lieb, häuslich, nicht allzu wild und dazu war er künstlerisch begabt – in vielen Punkten das krasse Gegenteil von mir. Er wurde das Lieblingskind meiner beiden Eltern. Tom stand stets im Mittelpunkt, ihm wurde viel nachgesehen, ich hatte trotz meines Alters keine Privilegien, Tom bekam dagegen häufig die sprichwörtliche Extrawurst. Es war nicht einfach für mich als nicht-Lieblingskind. Daran hatte ich bis in mein Erwachsenenalter zu knabbern – und mein Bruder und ich hatten  stets eine schwierige Beziehung.

Nun bin ich selbst Vater – und auch ich habe ein Lieblingskind

Als meine erste Tochter Lilly geboren wurde war ich überglücklich. Meine Frau und ich hatten lange auf ein Kind gehofft und in Lilly war unser Traum wahr geworden. Lilly wurde zum ungeteilten Mittelpunkt unseres Lebens – bis gut drei Jahre später ihre kleine Schwester Laura auf die Welt kam. Bei Laura gab es während der Schwangerschaft einige Unsicherheiten, weswegen wir besonders froh waren, als die Kleine gesund geboren wurde. Sie war ein extrem süßes Baby und es tat einfach so gut, sie im Arm zu wiegen. Lilly dagegen war noch mitten in der Trotzphase und forderte von uns Eltern Zeit und Aufmerksamkeit - das, was ihre jüngere Schwester noch dringender benötigte. Dabei waren wir Eltern doch vom Baby so erschöpft, dass wir auch ein paar Ruhephasen dringend nötig gehabt hätten. Kurz: Lilly war anstrengend, ab und zu nervte sie uns sogar.

Als Laura größer und mobil wurde, machte das die Sache für uns Eltern nicht viel einfacher. Man kann eine Wohnung so kindersicher wie möglich machen, aber ein Kind, das gerade Laufen lernt hat, wird immer etwas finden, auf das es heraufsteigen und von dem es herunterfallen könnte. Laura benötigte daher weiter viel Aufmerksamkeit. Dazu wollte sie natürlich mit ihrer älteren Schwester spielen – ihrem großen Vorbild. Selbstverständlich stellte sie sich dabei nicht allzu geschickt an und machte ihrer Schwester einige ihrer Bauwerke kaputt – die hin und wieder im Zorn nach ihr schlug. Ja, ich verstand unsere „Große“, aber meine Sympathie galt der Kleinen, die doch nur dabei sein wollte. Die Große musste häufig zurückstecken:  Lilly wollte mit Papa spielen, aber ich musste die Kleine wickeln oder sie ins Bett bringen. Sie wollte etwas auf dem Boden mit kleinen Teilen basteln, aber das ging nicht, weil wir Angst hatten, Laura würde Teile verschlucken. Sie wollte etwas am Fernseher ansehen, aber wir wollten nicht, dass die Kleine auch auf den Bildschirm starrt. Sie wollte neben der Mama schlafen, aber da war ja schon die Schwester. Sie wollte allein sein, aber die Schwester ließ sich nicht aussperren. Lilly war daher häufig frustriert und patzig, aber dieses Verhalten machte sie uns nicht sympathischer.

Ich kann Lilly ja eigentlich verstehen – sie ist nicht Schuld an der Situation

Irgendwann gestand ich mir ein, dass ich Laura lieber hatte als Lilly. Es ging mir so, wie meinen Eltern früher – und ich fühle mich ziemlich mies dabei. Dabei macht Lilly einiges durch, was ich als Kind auch erfahren musste: der Sturz vom Thron des vergötterten Einzelkindes und der Verlust der Rolle als Mittelpunkt der Familie, das Unverständnis für das kleine Geschwisterchen, das immer dabei sein will, dabei viel kaputt macht und generell lästig ist. Dazu das Gefühl, bei den Eltern an zweiter Stelle zu stehen und der Frust, an der eigenen Situation weder Schuld zu sein, noch etwas dagegen tun zu können. Dazu kommt, dass ich mir eingestehen musste, dass einige Eigenschaften, die ich an Lilly nicht so toll fand, solche waren, die mir an mir selbst nicht gefallen. Das ist nicht ihr Fehler. Ebensowenig, dass ich mit einigen ihrer Vorlieben und Abneigungen wenig anfangen konnte. Das ist nun einfach ihre Persönlichkeit.

Lieblingskind? Ich habe zwei tolle Kinder

Als ich an einem Abend mal wieder Kinderfotos bearbeitete fiel mein Blick auf Bilder von Lilly als Baby. Wie klein sie damals war – und wie sehr sie Laura ähnelte. Wie sehr man meiner Frau und mir die pure Freude um dieses Kind ansah  - und wie süß Lilly immer lächelte. Ich wollte sofort ins Schlafzimmer gehen, um unsere Große aus dem Bett zu heben und sie fest an mich zu drücken.

Das tat ich in der Nacht nicht – denn ich wollte sie nicht wecken. Stattdessen ging ich am Wochenende mit Lilly ins Hallenbad – nur mit ihr allein. Sie genoss meine Aufmerksamkeit sichtlich und erzählte auf der Fahrt viel von ihren Erlebnissen im Kindergarten. Im Bad hörte sie auf mich, war anhänglich und lieb und wir hatten richtig viel Spaß. Auf dem Rückweg machten wir einen Stopp beim Bäcker und aßen Krapfen. Es war ein toller Tag für uns beide – nur für meine Große und mich – der uns näher zusammenbrachte. Das würden wir nun öfter machen.

Zu Hause forderte zwar die Kleine wieder Aufmerksamkeit - und die bekam sie auch. Lilly spielte brav allein. Ich war stolz auf meine Große und fand, dass sie ein richtig tolles Kind ist. Ganz fest nahm ich mir vor, dass ich ihr bewusst die Zuwendung und Liebe geben werde, die sie verdient. Vielleicht ist sie nicht mehr so süß wie ihre kleine Schwester, vielleicht ist sie ab und zu anstrengend und nervt, aber wir haben viel gemeinsam. Darüber hinaus wird sie immer meine „Große“ und damit etwas Besonderes sein - und das lasse ich sie auch wissen.