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28 August, 2016 - 23:05
 

Geduldige Kinder – ein Widerspruch in sich?

Die Voraussetzung für Geduld ist die Fähigkeit, in die Zukunft vorausplanen zu können. Das können Kinder anfangs gar nicht und später nur begrenzt. Deshalb fällt es ihnen so schwer, geduldig zu sein und auf die Bedürfniserfüllung zu warten. Je kleiner Kinder sind, umso weniger Geduld kann man ihnen abverlangen.

© elisabetta figus - Fotolia.com

Kinder leben im Hier und Jetzt, der Zeitbegriff ist ihnen völlig fremd und unverständlich. Die Grundvoraussetzung dafür, dass ein Kind Geduld aufbringt ist, dass es Begriffe wie nachher, morgen oder später überhaupt verstehen kann und das ist alters- und entwicklungsabhängig. Dennoch wird die Geduld der Eltern oft auf eine harte Probe gestellt – leichter fällt es, wenn Sie wissen, was Sie von Ihrem Kind überhaupt erwarten können.

 

Die Sache mit der Geduld – wie Kinder geduldig werden

Neugeborene sind unfähig, zu warten, denn sie wissen nicht, dass die Zeit vergeht und dass es neben dem Jetzt auch ein Später gibt. Im Laufe der Monat beginnen sie, ein Zeitgefühl zu entwickeln und damit auch nach und nach die Fähigkeit zur Geduld:

  • Mit etwa sechs Monaten haben Babys begriffen, dass sich bestimmte Dinge immer wiederholen. Gleichbleibende Abläufe, zum Beispiel beim Baden, Füttern oder Wickeln helfen ihnen, sich in der Zeit zu orientieren, auch wenn ihnen das noch überhaupt nicht bewusst ist. 
  • Im Alter von zwölf Monaten haben Kinder schon eine Menge von Handlungsabläufen gelernt und können sie sich merken. Auffallend ist, dass sie oft darauf bestehen, dass die Reihenfolge erhalten bleibt. So orientieren sie sich, denn nach wie vor ist Zeit an Handlungen gebunden. Mit losgelösten Zeitbegriffen können sie nach wie vor wenig anfangen.
  • Etwa mit eineinhalb Jahren schwant dem Kind, dass es neben der Gegenwart auch Vergangenheit und Zukunft gibt. Diese Erkenntnis geht mit der Vorstellung vom Ich einher. Kinder fangen dann an zu verstehen, dass sie Individuen sind und dass es sie nicht nur heute gibt, sondern dass sie auch schon früher existiert haben. Jetzt lernen sie auch, Trennungen besser zu verstehen und auszuhalten: Papa geht morgens zur Arbeit, kommt aber abends wieder. Es gab ihn die ganze Zeit, auch wenn er nicht da war.
  • Ab etwa zwei Jahren werden die kindlichen Vorstellungen von der Zeit immer differenzierter, allerdings sind die Zeitbegriffe noch eng gefasst: „gleich“ bedeutet wirklich gleich, also in wenigen Sekunden oder Minuten.
  • Echte Geduld entsteht im Kindergartenalter. Jetzt lernen die Kleinen, Bedürfnisse kurz aufzuschieben, verstehen, dass manche Dinge nicht heute, sondern morgen verschieben und können erste Handlungen (wie zum Beispiel die Verabredung mit dem besten Kindergartenfreund oder den Kindergeburtstag) vorauszuplanen.

 

Erwartungshaltungen der Eltern und die kindliche (Un-) Geduld

Generell schaffen Erwartungen an andere schnell Ärger und Unzufriedenheit, das gilt insbesondere im Umgang mit Kindern. In Sachen Geduld sollten Sie sich deshalb immer wieder klar machen, wozu Ihr Kind altersmäßig überhaupt in der Lage ist. Von einem Kleinstkind zu erwarten, dass es eine halbe Stunde auf sein Essen wartet, ist einfach unrealistisch und wenn Ihr Zweijähriger weint, weil er sich nicht heute, sondern erst morgen mit seinem besten Kumpel zum Spielen verabreden darf, sollte Verständnis und nicht Ärger auslösen. Neben der kindlichen Entwicklung spielt immer auch das Naturell des Kindes eine Rolle. Einige Kinder sind schneller im Denken, Fühlen und Handeln und damit meist auch ungeduldiger. Nicht zuletzt sollten Eltern immer auch bei sich selbst schauen: Geduld lernen Kinder - wie das meiste andere auch - durch ihre erwachsenen Vorbilder.

 

Geduld kann man lernen

Geduld ist nicht angeboren, sondern muss erfahren und erlernt werden. Eltern können Ihre Kinder hier unterstützen - und zwar bereits von Anfang an. Inwieweit sich die Fähigkeit zur Geduld entwickeln kann, hängt in hohem Maß auch vom Vertrauen des Kindes ab. Ein Baby und Kleinstkind, das erfahren hat, dass sich Abläufe verlässlich wiederholen, wird später aller Wahrscheinlichkeit nach geduldiger sein, als ein Kind, das von seiner Umgebung immer wieder in seinen eigenen Erwartungen und in Bezug auf seine Bedürfniserfüllung enttäuscht oder verunsichert wird. In der Onlineausgabe von Wissenschaft aktuell ist zu diesem Thema ein interessanter Artikel mit dem Titel „Geduld ist mehr als Charaktersache“ zu finden. 

Die Aufforderung, geduldig zu sein und warten zu müssen, sollte immer altersgerecht kommuniziert werden. Mit zwei Jahren kann ihr Kind schon etwas warten, allerdings kann es mit abstrakten Zeitbegriffen wie morgen, später oder in 20 Minuten wenig anfangen. Besser ist es hier, diese Begriffe durch konkrete Angaben wie „noch einmal schlafen“ oder „wenn ich den Rasen fertig gemäht habe“ zu ersetzen, denn damit können Kinder etwas anfangen. Parallel zur Entwicklung der Geduld sollte ein Kleinkind generell lernen, dass die Eltern nicht sofort alles stehen und liegen lassen, sondern dass es manchmal wichtig ist, fertig zu telefonieren, das Essen zu kochen oder den Bericht zu Ende zu lesen. Stören und Ungeduld sollten nicht mit Aufmerksamkeit belohnt werden. Dieses Verhalten macht allerdings erst ab einem Alter von zwei Jahren Sinn, wenn das Kind die ersten Grundbegriffe der Geduld bereits erfassen kann.

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de