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3 Juni, 2014 - 08:03
 

Junge Eltern – was Menschen ohne Kinder nicht nachvollziehen können

Freunde und Arbeitskollegen bemerken oft deutliche Veränderungen bei jungen Eltern. Wie verändert ein Baby seine Eltern – und was sind die Gründe dafür? Ein junger Vater versucht sich an einer Erklärung.

© detailblick - Fotolia.com

Eigentlich dachte ich früher, dass ich mich gut mit Kindern auskenne – insbesondere für einen Mann. Schon als Kind hatte ich mich immer für Babys interessiert, habe als Teenager eine Jugendgruppe geleitet und auch Kinderfreizeiten mit durchgeführt. Später waren meine Freundinnen immer überrascht, was für einen guten Draht ich speziell zu kleinen Kindern hatte.
 

Eltern werden ist wie Sex – man muss es selbst erfahren haben, um mitreden zu können

Als meine Frau dann schwanger wurde habe ich noch viel zum Thema „Kinder“ gelesen und auch einige Gespräche mit Freunden geführt, die schon Kids haben. Ich dachte also, dass ich gut auf das Vater-sein vorbereitet wäre und dass mich nichts wirklich überraschen könnte.

Lag ich falsch! Alle Vorbereitung ist graue Theorie. Es ist wie beim Sex – auch den muss man am eigenen Körper erfahren. Ein Baby überrollt einen und nichts ist mehr so wie zuvor.
Ein Kind verändert das Leben seiner Eltern grundlegend und auf vielfältige Art und Weise. Kein Wunder, dass Außenstehende, die keine Kinder haben, kaum nachvollziehen können, was mit ihren Freuden oder Kollegen passiert ist, seit diese Eltern geworden sind.
Wir möchten hier einmal versuchen, die Veränderungen zu erklären.
 

Ein Baby ist weit mehr Arbeit, als man sich im Vorfeld vorstellen kann

Kinder – insbesondere Babys – sind wahnsinnig zeitintensiv. So sehr man sich auch theoretisch damit in der Schwangerschaft beschäftigt, man begreift es erst, wenn das Baby da ist.

Die ersten Tage sind noch kein Problem – man ist von der Geburt noch voller Adrenalin und ein Neugeborenes schläft viel, wenn auch die Abstände zwischen Stillen oder Fläschchen sehr kurz sind. Aber mit der Zeit werden die Reserven aufgebraucht und dann nimmt die Müdigkeit zwangsläufig zu. Parallel werden Babys mit zunehmendem Alter nicht ruhiger – das Gegenteil ist der Fall. Sie schlafen weniger und wollen beschäftigt werden. Als ich während der Schwangerschaft Geschichten von Eltern hörte, die nicht zum Duschen kamen oder keine Zeit für den Toilettengang fanden lächelte ich noch. Inzwischen kenne ich das alles aus eigener Erfahrung.

Zusammenfassend – ein Baby herumtragen, wickeln und füttern - und das alles unter Schlafentzug - bringt die meisten Eltern irgendwann an die Grenzen des physisch und psychisch erträglichen. Das kann auch zur Herausforderung für die Partnerschaft werden, wenn beide Partner erschöpft und genervt sind und dann auch noch im falschen Moment das Baby schreit.

Weil ein Baby so anstrengend ist und Mama und Papa meist nicht ersetzt werden können (oder es zumindest denken) ziehen sich viele Eltern immer mehr zurück. Sie bleiben in den eigenen vier Wänden, anstatt auswärts Freunde zu treffen, sie sammeln auf dem eigenen Sofa neue Kräfte und gehen früh zu Bett, um die Nacht und die nächsten Tage gut zu überstehen. Jungen Eltern tut es zwar meist gut, einmal aus der Wohnung herauszukommen, doch es fehlt die Kraft – insbesondere, wenn mit der Umsetzung auch noch Planung verbunden ist. Hier können sich echte Freunde beweisen, indem sie das junge Elternpaar entweder einmal zu Hause besuchen, über die Unordnung hinwegsehen und das Essen mitbringen – oder bei einem etwas größeren Baby auch mal den Babysitter spielen und den erschöpften Freunden so einen stundenweisen Urlaub vom Kind ermöglichen.
 

Die Liebe zum Kind kommt auch durch die Zeit, die man mit ihm verbringt

Die Liebe von Eltern zu ihrem Baby ist von Geburt an groß. Allerdings nimmt sie im Laufe der Zeit eher noch zu. Die Bindung zum Kind – und auch vom Kind an die Eltern – wächst mit der Zeit, die man miteinander verbringt. Und  ähnlich wie bei einem Liebespaar – die  Abenteuer, die man erlebt bzw. durchleidet: die ersten Tage, an denen man den Blick nicht vom Neugeborenen abwenden kann, die Nächte, in denen man den Nachwuchs durch die Wohnung trägt, weil er nicht schlafen kann, die Schmerzen, die man mit durchleidet, wenn das Baby schreit, das Bangen, wenn das Kind krank ist und man an seinem Bett wacht. Diese Zeit ist wahnsinnig intensiv und prägt junge Eltern nachdrücklich. Ein Grund dafür, dass Kinder für ihre Eltern immer der oder die „Kleine“ sein werden.

In dieser Zeit verschieben sich auch die Prioritäten der jungen Eltern. Das Kind wird zum Zentrum aller Überlegungen – und das ist gut so. Zwangsläufig rücken dadurch jedoch Dinge wie Freundschaften, der Job oder der Sportverein an die zweite oder gar dritte Stelle.
 

Ein Baby verändert seine Eltern in ihren Prioritäten und ihrer Weltsicht

Durch das neue Familienmitglied und die Erfahrungen, die sie mit ihrem Kind machen, verändert sich bei vielen jungen Eltern auch der Blick auf die Umgebung und das eigene Leben. Man denkt langfristiger, denn nun denkt man ja für das Kind mit und überlegt, was denn wohl in 15 oder 20 Jahren sein wird. Man wird oft zwangsläufig bodenständiger – manch eine junge Familie erwägt den Kauf eines Eigenheimes. In vielen Fällen werden auch die Einstellungen nach und nach konservativer, vorsichtiger, gesetzter. Man stellt sich Fragen wie „ist unsere Nachbarschaft wirklich der richtige Ort, um ein Kind aufzuziehen“, „wäre eine verkehrsberuhigte Zone hier nicht richtig“, „sollen Kinder DAS wirklich zu sehen bekommen“ oder „ist das denn gesund“?  Einiges hiervon ist nicht wirklich locker, aber es ist menschlich: man will eben sein Kind schützen.

 

Man gehört nicht mehr nur sich selbst

Die wichtigste Veränderung ist die, dass man nun mit einem Kind nicht mehr nur für sich selbst lebt. Man hat Verantwortung für ein kleines, anfangs noch sehr hilfloses Wesen, das ganz und gar auf seine Eltern und deren Fürsorge angewiesen ist. „Eltern sein“ heißt vor allem auch, diese Verantwortung anzunehmen und das eigene Leben neu auszurichten. Zumindest anfangs ganz stark nach dem Kind. Eine große Umstellung für die meisten jungen Eltern, die mitunter auch schmerzlich sein kann – sei es der Verzicht auf den Sportwagen, Abenteuerurlaube, wilde Partynächte, Ausschlafen am Wochenende  oder auch nur eine saubere Wohnung.


Für junge Eltern beginnt mit der Geburt eine neue Zeitrechnung: „mit Kind“. Ab und zu denken sie vielleicht mit Wehmut an die Zeit zu zweit, aber sie wissen, dass es das alles wert ist. Spätestens dann, wenn sie nachts noch einmal in das Kinderzimmer gehen und den Grund für die Veränderungen anschauen: ihren persönlichen Windel-Diktatoren, der ihr Leben so gründlich auf den Kopf gestellt hat.
 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de