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24 November, 2010 - 13:12
 

Das Elterngeld abschaffen? Bloß nicht!

Nach der Veröffentlichung der Geburtszahlen für das Jahr 2009 steht fest: wieder einmal wurden weniger Babys geboren als im Vorjahr. Einige Experten erklären nun bereits das Konzept des Elterngelds für gescheitert. Vaterfreuden.de ist der Meinung, dass dies schlicht falsch ist. Ein Kommentar.

© Francois du Plessis - Fotolia.com

Über viele Jahrzehnte spielte in der ehemaligen Bundesrepublik und dem wiedervereinigten Deutschland Familienpolitik kaum eine nennenswerte Rolle. Von Adenauer ist das Zitat überliefert „Kinder kriegen die Leute sowieso“, was in den optimistischen Fünfzigern und der Zeit vor Pille wohl auch der Fall war. Für Gerhard Schröder war Familienpolitik schlicht „Gedöns“.

 

Wie kam es zum Elterngeld?

 

Währenddessen wurden in Deutschland immer weniger Kinder geboren. Da eine überalterte Gesellschaft allmählich das Rentensystem massiv belastet, begann man sich in den letzten zehn Jahren damit auseinanderzusetzen, was man denn tun könnte, um diesem Trend entgegenzusteuern. Insbesondere diejenigen Männer und Frauen sollten wieder als Eltern gewonnen werden, die sonst aus beruflichen Gründen auf Kinder verzichtet hätten. So sah man sich um, was denn im Ausland für Familien getan wird und wurde in den skandinavischen Ländern fündig. Dort wird schon länger Elterngeld an junge Familien gezahlt. Die Geburtenraten sind in diesen Ländern höher als in Deutschland und Skandinavien gilt darüber hinaus als Vorbild im Bereich der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. In Deutschland wurde zum Beginn des Jahres 2007 das Elterngeld eingeführt. Die Geburtenrate ist seitdem jedoch nicht gestiegen. Ist daher das Elterngeld als gescheitertes Konzept anzusehen, wie es selbst einige seiner Paten sehen?

 

Warum und wann entscheiden sich Menschen, Eltern zu werden?

 

Spätestens seit der Einführung der Pille zur Verhütung können die Menschen in Deutschland entscheiden, ob und wann sie Kinder haben wollen. Babys sind nicht mehr eine selbstverständliche Folge von Sex. Aus diesem Grund gilt die Aussage von Adenauer heute nicht mehr. Eltern zu werden ist für die meisten Erwachsenen heute eine bewusste Entscheidung.

Ganz allgemein werden in hochentwickelten Ländern vergleichsweise wenige Kinder geboren. Sie sind nicht mehr notwendig, um die eigenen Eltern im Alter zu ernähren und zu versorgen. Dafür gibt es das Rentensystem, in das die Arbeitnehmer einzahlen. Kinder sind keine Selbstverständlichkeit, eigene Kinder sind keine Notwendigkeit mehr und unsere Gesellschaft war und ist nicht allzu kinderfreundlich. Kinder machen Arbeit – ein zwar eine ganze Menge – kosten Geld und sind in den meisten Fällen auch nicht hilfreich bei der beruflichen Entwicklung.

Mit den immer höher werdenden Anforderungen am Arbeitsmarkt stieg auch die Notwendigkeit, eine gute Schulbildung zu erlangen und sich zu qualifizieren. Bis die Ausbildung abgeschlossen ist und das erste echte Geld verdient wird, sind viele potentielle Eltern heute bereits Ende 20. Gerade nach dem Abschluss eines Studiums ist der Druck groß, zeitnah den so wichtigen ersten Job zu ergattern, ins Berufsleben einzusteigen und sich dort zu beweisen. So sind viele Männer und Frauen um die 30, wenn Sie sich das erste Mal ernsthaft Gedanken um Kinder machen – weit später, als dies in der Vergangenheit der Fall war.

Wir haben heute hohe Anforderungen an unser Leben – Beruf, Partnerschaft, soziales Leben. Während die Großeltern den künftigen Partner in der Tanzschule kennenlernten und mit ihm ganz selbstverständlich den Rest des Lebens verbrachten (ob sie dabei glücklich waren, sei dahingestellt) ist die Wahl der Frau oder des Ehemannes nicht mehr so einfach. Wir leben in einer Überflussgesellschaft und sind es gewohnt, genau auszuwählen. Dies übertragen wir auch auf die Partnerschaft. Neben dem Aussehen sind auch Ansichten, Stil, Ausbildung, Beruf, Einkommen und nicht zuletzt die Frage, ob es miteinander im Bett klappt, wichtig. Ansonsten suchen wir weiter. Die hohen Scheidungsraten mahnen ja auch zu einer sorgfältigen Wahl. So vergehen die Jahre und man hat schließlich auch mit vierzig noch nicht den perfekten Partner gefunden und verzichtet dann oft auf Kinder und konzentriert sich auf Beruf und Hobbies.

 

Warum werden trotz des Elterngeldes nicht mehr Kinder geboren?

 

Das Elterngeld wurde geschaffen, um in erster Linie Akademikerinnen zu ermöglichen, Kinder zu bekommen und zeitweilig aus dem Beruf auszuscheiden, ohne allzu große finanzielle Einbußen hinnehmen zu müssen. Auch sollte Vätern die Möglichkeit gegeben werden, sich einmal ausschließlich um ihre kleinen Kinder zu kümmern. Dies war jedoch eher ein begleitender Faktor. Warum hat dies in den ersten Jahren nicht zu zählbaren Resultaten in der Geburtenstatistik geführt?

Paare entscheiden sich für Kinder, wenn sie meinen, dass es der richtige Zeitpunkt für sie ist – von der Partnerschaft her und vom Beruf, von der Lebensplanung und den Umständen also. Hier spielt das Thema „Sicherheit“ stets eine große Rolle. Doch gerade in den letzten Jahren sind die Menschen in Deutschland aufgrund der Wirtschaftskrise und der mit ihr einhergehenden Sorge um den eigenen Arbeitsplatz so verunsichert worden wie selten zuvor. Vielen jungen Paaren mag ein – wenn auch temporärer – Ausstieg aus dem Berufsleben einfach zu riskant erschienen sein. Denn viele Arbeitgeber sind – speziell bei ihren männlichen Arbeitnehmern – keine Freunde der Elternzeit. Familiär bedingte Fehlzeiten werden auch häufig als Grund dafür genannt, dass es Frauen beruflich nicht in die Topetagen deutscher Unternehmen schaffen. In Bezug auf eine flächendeckende Versorgung bei Kinderkrippen besteht in Deutschland noch immer ein großer Nachholbedarf. Vor dem Hintergrund dieser Risiken und Unsicherheiten mag es verständlich sein, dass viele junge Paare inmitten der größten Weltwirtschaftskrise seit 80 Jahren ihre beruflich Absicherung in den Vordergrund stellen. Interessant wird es sein, wie sich die Geburtenrate in den nächsten Jahren entwickelt.

 

Qualitative Faktoren des Elterngeldes

 

Der Erfolg des Elterngeldes sollte jedoch nicht nur in Geburten gemessen werden. Das Elterngeld trägt dazu bei, dass ein Prozess des Umdenkens in unserer Gesellschaft einsetzt. Väter, die die Elternzeit nehmen, berichten meist überaus positiv von dieser Erfahrung und schaffen in dieser Zeit häufig eine engere Bindung zu ihrem Kind. Selbst wenn sie wieder in den Arbeitsalltag einsteigen, bleibt diese Bindung bestehen und drückt sich in einer bewussten und aktiven Vaterschaft aus. Zurück bleibt meist ebenso ein Bewusstsein für den anstrengenden Alltag mit Kind und Haushalt. Wenn dies zu einem besseren Verständnis zwischen den beiden Partnern beiträgt, dann ist auch hier viel gewonnen. Wenn das Elterngeld so dazu führt, dass Familien enger zusammenwachsen und die Kinder in einem liebevollen Elternhaus aufwachsen, dann ist schon Einiges gewonnen.

Ob das Elterngeld nun, wo sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland verbessern, auch zu mehr Geburten führt, das wird die Zeit zeigen – wenn man sie diesem Projekt gibt ….

 

Stefan Hahndorf, Geschäftsführer Vaterfreuden GmbH

 

Zum Weiterlesen:

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,728841,00.html

http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/57/47

http://de.wikipedia.org/wiki/Elterngeld

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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