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17 März, 2010 - 11:28
 

Teenager außer Kontrolle? – nicht zwangsläufig. Annegret Noble im Interview, Teil 2

Annegret Noble ist die Cheftherapeutin der Erfolgssendung „Teenager außer Kontrolle“ auf RTL. Im zweiten Teil des ausführlichen Interviews mit Vaterfreuden.de spricht sie darüber, dass die Rolle des Vaters für Jugendliche häufig wichtiger ist als die der Mutter und warum Teenager wissen müssen, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat.

Hier geht es zu Teil 1 des Interviews

Vaterfreuden.de:
Wird die Rolle des Vaters bei der Erziehung von Kindern in unserer Gesellschaft unterschätzt?

 

Annegret Noble:
Ich denke manchmal schon. Ich denke, in den ersten ein bis zwei Lebensjahren ist die Mutter tatsächlich die Wichtigere. Sie hat die Nahrung, in der Zeit ist einfach die Zuwendung und die Liebe das Wichtigere. Ich denke je älter Kinder werden, um so wichtiger wird es, sich mit Regeln auseinanderzusetzen. Sich über diese Macht-Dominanz-Schichtung Gedanken zu machen und zu erleben, dass „mein, nicht alles, was ich will, passiert unbedingt sofort, es gibt andere Menschen mit anderen Bedürfnissen“. Ich denke auch, in Beziehungsfragen, wie man miteinander umgeht, da können Väter ganz ganz viel machen und bei Jugendlichen denke ich, ist der Vater fast wichtiger als die Mutter. Wie gesagt, für die Mädchen, um gesunde Beziehungen zu finden und zu wissen, wie das geht, und für die Jungen, um sich in dieses gesellschaftliche Format einzugliedern. Ich kann nicht eine Ausbildung anfangen und erwarten, dass ich dem Chef erzähle, was ich mache. Und wenn ich zu Hause nie erlebt habe, dass da jemand über mir steht, dann ist das doch normales Verhalten, dass ich dann sage „nö, da habe ich keine Lust zu“. Das erleben ja viele Ausbilder im Moment, dass Jugendliche keine Ahnung haben von Respekt und so etwas wie einer gesellschaftlichen Ordnung. Der Chef erzählt dir, was du tust, nicht du dem Chef.

 

 

Männer, die mit sich selbst im Reinen sind, sind die besseren Väter

 

Vaterfreuden.de:
Gibt es irgendetwas, was sie den Vätern in Deutschland gerne auf den Weg geben würden?

 

Annegret Noble:
Ich habe in meinem Elterncoach (Buch) beschrieben, was ich glaube, was unglaublich wichtig ist. Die Basis von Erziehung ist nicht, wie gut man Grenzen setzt oder wie gut man „nein“ sagen kann, sondern dass man mit sich selbst im Reinen ist. Danach kommt, wie gut man die Beziehung zur Mutter seiner Kinder lebt und danach erst die ganzen Punkte, wo es wirklich um die Jugendlichen selbst geht. Das ist wirklich das, wo ich Vätern Mut machen möchte, dass sie sich einfach mit sich selbst auseinandersetzen und sagen „ich bin so zufrieden, wie ich bin, ich habe Stärken, ich habe Schwächen. Es ist okay für mich, Vater zu sein, meinem Jungen, meinem Mädchen „nein“ zu sagen“. Nicht auf eine schlechte Art und Weise Herr des Hauses zu sein, sondern auf eine gute, positive Weise. Ich bin für die Familie verantwortlich und habe sie lieb und zeige ihnen das auch.“ Dabei keine Angst zu haben, sich etwas zu tun.

Aber das kann man nur wirklich gut machen, wenn man tatsächlich inneren Frieden geschlossen hat mit seiner eigenen Vergangenheit, mit seinen eigenen Gefühlen, sonst artet das oft aus. Wenn ich mich als Vater nie mit meiner Wut auseinandergesetzt habe und ich dann einen Teenager habe, der mich herausfordert, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich zuschlage, ziemlich groß. Und das ist natürlich keine gute Sache. Wenn ich mich mit meiner Wut auseinandergesetzt habe und Frieden geschlossen habe, dann finde ich einen anderen Weg, diese Herausforderung anzunehmen und ihr zu begegnen.

 

In unserer Gesellschaft bleiben Kinder lange zu Hause – das schafft Probleme

 

Vaterfreuden.de:
Ein paar Fragen zum Thema Erziehung – ab welchem Alter ist Ihrer Meinung nach der Übergang vom Kind zum Jugendlichen und was bestimmt ihn? Sollten Eltern schauen, dass Kinder länger Kinder bleiben können?

 

Annegret Noble:
Ich denke schon, dass unsere Gesellschaft natürlich Jugendlichen erlaubt, länger Kinder zu bleiben. Unser Schulsystem ist darauf ausgerichtet. Vor 100 Jahren war man mit 16 erwachsen und hatte einen Beruf, konnte heiraten und hatte vielleicht schon eine eigene Familie. Das passiert ja nun nicht mehr so.

 

Vaterfreuden.de:
Im Gegensatz ist es so, dass und Jungen und Mädchen heute körperlich immer früher zu Männern und Frauen werden und dann doch in diesem relativ beschützten Umfeld bleiben müssen.

 

Annegret Noble:
Genau – und das schafft natürlich einen unglaublichen Widerspruch, wo sie auf der einen Seite körperlich erwachsen sind, auf der anderen Seite eben noch nicht die Verantwortung haben oder die Rolle spielen können. Vor allen Dingen für die Sexualität ist das natürlich ziemlich kompliziert. Denn theoretisch sind viele 13 Jährige in der Lage, Kinder zu zeugen und zu gebären, aber die Vorstellung ist natürlich schrecklich. Ich denke immer noch, dass die Pubertät, die körperlich-hormonelle Veränderung, der Anfang des Übergangs vom Kind zum Erwachsenen ist. Und vor allen Dingen auch noch das abstrakte Denken, das ja dann anfängt. Wo man in Bildern denken kann, sich über abstrakte Konzepte wie Liebe Gedanken machen kann, was man ja davor noch nicht kann.

 

Vaterfreuden.de:
Bei den Jugendlichen fordern sie dann auch Konsequenzen für ihr Verhalten ein. Das ist dann Ihrer Meinung nach auch ein Teil vom Erwachsen-Werden?

 

Annegret Noble:
Ich würde das eigentlich schon von jüngeren Kindern erwarten, dass sie sich in bestimmten Bereichen an Regeln halten können.

 

Jugendliche sollen die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und auch dessen  Konsequenzen spüren

 

Vaterfreuden.de:
Aber es scheint speziell in den Shows auch immer sehr wichtig zu sein, dass Verhalten Konsequenzen nach sich zieht.

 

Annegret Noble:
Genau – und ich finde, das kann auch schon ganz früh anfangen. Das kann man auch schon einem Vierjährigen beibringen. Je früher man das anfängt, desto einfacher und desto besser. Dann ist das einfach eingeschliffen, wenn die Kinder dann 13 oder 14 sind. Wenn man das dann erst anfängt, dann ist es natürlich sehr viel schwerer, das jemandem beizubringen. Ich würde immer schon ganz früh anfangen, Kindern Entscheidungen zu überlassen. Zu sagen „möchtest du A oder B? Wenn du A möchtest, dann passiert das, wenn du B  möchtest, dann passiert das. Dann musst du auch mit den Konsequenzen leben“. Und das kann ja auch ein Vier- oder Fünfjähriger schon verstehen. Wenn man das erst anfängt, wenn Kinder 13 oder 14 sind, dann ist das sehr sehr kompliziert. Man kann das machen, aber es gibt wahrscheinlich mehr Kämpfe und ich denke, für einige von den Jugendlichen (in der Sendung – Anmerkung der Red.) ist genau das hier passiert. Sie haben das vorher noch nie erlebt und das wird jetzt zum großen Problem. Darum kommen sie zu uns, damit sie erleben können, dass Verhalten Konsequenzen nach sich zieht.

 

Vaterfreuden.de:
Was für Punkte sind speziell bei der Erziehung von Teenagern wichtig? Ich denke da vor allem an den Widerspruch von einer gewissen Kontrolle einerseits und dem Jugendlichen den nötigen Freiraum zu lassen auf der anderen Seite.

 

Annegret Noble:
Kontrolle ist ja im Prinzip eine Illusion. Man kann ja nie wirklich das Verhalten eines anderen Menschen kontrollieren. Das ist unmöglich. Ein kleines Kind kann man körperlich festhalten und von etwas abhalten. Aber selbst ein kleines Kind dazu zu bringen, etwas zu tun, ist ja fast unmöglich. Ich kann immer nur die Konsequenzen kontrollieren und was passiert, wenn sich jemand so oder so verhält. Darüber habe ich als Elternteil Kontrolle und über meine eigene Reaktion auf das Verhalten. Unter dieser Voraussetzung kann ich immer nur kontrollieren, wie ich reagiere und damit eine Botschaft senden und den Jugendlichen wissen lassen „wenn du dich so verhältst, dann passiert das und das“. Das kann wie gesagt auch schon ganz früh anfangen, ist aber unglaublich wichtig bei Jugendlichen. Dass die erkennen „wenn ich Kontrolle für mein Leben übernehme und Entscheidungen treffe, dann treffen mich auch die Konsequenzen“.

Oft ist es so, dass Eltern, weil sie ihre Kinder lieb haben, die schmerzhaften Konsequenzen für die Kinder ausbaden. Da fährt das Kind schwarz und die Eltern bezahlen. Oder der Jugendliche will irgendetwas nicht und schließt sich in seinem Zimmer ein und die Eltern kommen dann und bitten und betteln. Damit sind ja die Eltern diejenigen, die die Konsequenzen erleben. Hier müssen Eltern einen Weg finden, um sicherzustellen, dass tatsächlich die Jugendlichen ihre Entscheidungen treffen und die Konsequenzen erleben und dass die Eltern als Ratgeber zur Seite stehen, aber auch immer wieder sagen „es tut mir jetzt furchtbar leid, dass das gerade weh tut und dass du da eine dumme Entscheidung getroffen hast, dumm gelaufen. Beim nächsten Mal kannst du es anders machen. Wir probieren es morgen noch einmal“. Ich denke, darin liegt die Liebe und die Zuwendung. Dass man, wenn die Jugendlichen dumme Entscheidungen treffen und schmerzhafte Konsequenzen erleben, nicht jetzt noch dasteht und sagt „hab ich dir doch gesagt“, sondern tatsächlich mit echt gefühltem Mitgefühl sagen können „dumm gelaufen, das ist nicht schön. Probier es noch einmal“.

 

hier geht es zu Teil 3 des Interviews

 
weitere Informationen:

http://www.annegret-noble.com/

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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