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20 Februar, 2012 - 11:33
 

Deutschland schafft sich ab – weil zu wenige Kinder geboren werden

Schafft Deutschland sich tatsächlich ab, weil zu wenig Nachwuchs gezeugt wird? Die These wirkt zunächst wie der Versuch, eine knackige Schlagzeile zu erzeugen. Dennoch ist die Entwicklung seit Jahren mehr als bedenklich. Inzwischen hat sich Deutschland sogar als Spitzenreiter etabliert. Der traurige Rekord: Kein anderes europäisches Land ist so kinderarm wie Deutschland. Doch was hat das eigentlich für Folgen?

© Kathrin39 - Fotolia.com

Elterngeld, Betreuungsgeld, Kindergeld, Elternzeit für Väter – die Bundesregierung versucht schon seit Jahrzehnten, die Lust der Deutschen aufs Kinderkriegen zu steigern. Allerdings ohne Erfolg, wie ein Blick auf nackte Zahlen verdeutlicht. Von den rund 81 Millionen Deutschen sind nur noch 16,5 Prozent unter 18 Jahre alt. Eine Stagnation oder gar Umkehr des Trends ist nicht abzusehen, das Gegenteil ist der Fall. Doch warum wollen die Deutschen kaum noch Kinder? Länder wie Frankreich, England, die Niederlande und zahlreiche skandinavische Länder haben einen Anteil von Kindern und Jugendlichen über 20 Prozent. Nur die Deutschen wollen nicht so richtig.

 

Die Suche nach Antworten

 

Das Kinderbetreuungssystem in Frankreich hat schon vor vielen Jahren auf die Rückgänge der Geburten reagiert und mit dem Ausbau der Betreuungseinrichtungen massive Schritte getan, um der Entwicklung des demografischen Wandels zu begegnen. Offenbar mit Erfolg, denn Jahr für Jahr stiegen die Zahlen der neugeborenen Kinder. Andere Länder taten es ähnlich und wurden ebenfalls belohnt. Bei den Deutschen klappt es dagegen nicht. Die Gründe sind vielfältig, am Problem ändern sie jedoch nichts:

 

  • Viele Deutsche sehen ihre Prioritäten eher beim Ausbau der Karriere als beim Fortbestand der Deutschen.

  • Trotz zahlreicher Leistungen für Eltern und Kinder ist das Betreuungsangebot zuweilen nicht ausreichend.

  • Die Maßnahmen der Politik kommen bei der Bevölkerung nicht gut an. Auch die Einführung des Elterngeldes am 1. Januar 2007 brachte nicht den gewünschten „Baby-Boom“, die Geburtenrate blieb nahezu unverändert.

  • Die wirtschaftlichen Möglichkeiten vieler Menschen haben sich im Laufe der Jahre stark verändert. Nicht umsonst ist auch das Thema Kinderarmut in Deutschland eines, das zunehmend an Bedeutung gewonnen hat.

 

Die Politik reagiert ziemlich ratlos auf den Rückgang junger Menschen in der Bevölkerung. Zwar werkelt jede Bundesregierung nach dem Wahlgewinn daran, die Geburtenraten zu verbessern. Oft entstehen aus den Maßnahmen aber mehr politische Debatten als konkrete Maßnahmen in Deutschlands Schlafzimmern. Das Betreuungsgeld, das von Kritikern schon spöttisch als „Herdprämie“ bezeichnet wird, ist das derzeit jüngste Beispiel für verfehlte Familienpolitik.

 

Immer weniger Kinder, immer weniger Fachkräfte

 

Es wird sicher noch eine Weile dauern, bis Deutschland sich abgeschafft hat. Und vielleicht entwickelt sich die Sache mit dem Kinderkriegen letztlich doch noch in die richtige Richtung. Fakt ist jedoch, dass derzeit davon nichts zu bemerken ist. Und das hat Konsequenzen. In regelmäßigen Abständen ist in den Medien die Debatte über den Fachkräftemangel zu verfolgen. Für anspruchsvolle Anforderungen fehlt der Nachwuchs, sodass Deutschland sich hochqualifizierte Kräfte aus dem Ausland einkaufen muss. Doch das gestaltet sich gar nicht so einfach, aus unterschiedlichen Gründen:

 

  • Andere Länder bieten Fachkräften ebenfalls viele Vorteile und finanzielle Anreize, wenn sie sich entschließen, ihr Wissen und ihre Arbeitskraft dort einzubringen.

  • Nach wie vor ist der bürokratische Aufwand enorm, wenn man als Fachkraft in Deutschland arbeiten will. Andere Länder, andere Sitten, das bedeutet auch, dass die bürokratischen Hürden andernorts meist viel geringer sind.

  • Auch die aktuellen Berichte über die rechte Terrorzelle werden mittelfristig nicht dazu führen, dass Fachkräfte sich für Deutschland entscheiden, wenn sie unterschiedliche Ländern in Augenschein nehmen.

 

Die Jungen und die Rentner

 

Durch den Rückgang der Geburtenraten kommt es jedoch nicht nur auf dem Arbeitsmarkt zu gravierenden Veränderungen. Auch die Sozialsysteme ächzen unter der Last des demografischen Wandels. Das deutsche Renten- und das Krankenversicherungssystem stammen aus der Zeit Bismarcks – beide sind bis heute kaum an die neuen Bedingungen angepasst worden. Auch das hat Folgen. Während in den 50er, 60er und 70er Jahren die Politik keinen Anlass sah, am Sozialsystem etwas zu verändern, hat sich das in den letzten 30 Jahren anders dargestellt. Immer wieder mahnten weitsichtige politische Köpfe und Wissenschaftler an, dass die Bevölkerungsentwicklung Konsequenzen bei den Sozialsystemen haben müsse. Doch die Warnungen blieben weitgehend ungehört. Inzwischen steht unser Kranken- und Rentensystem vor einem Scherbenhaufen, die Einnahmen reichen mittel- und langfristig nicht mehr aus, um den Beitragszahlern von heute später eine angemessene Rente zu finanzieren.

 

Verwaiste Kinderspielplätze?

 

Neben all den sachlichen Gründen, die besorgniserregend sind, gibt es jedoch noch einen ganz anderen, der ausschließlich emotional betrachtet werden kann. Immer weniger Kinder, das bedeutet auch, dass ein wichtiger Teil des Lebens ärmer wird. Leere Spielplätze, Kindergärten ohne kleine, verspielte Besucher und Urlaubs-Paradiese, die fast nur Erwachsene beherbergen – auch das scheint ein übertriebenes Szenario zu sein. Schließlich gibt es ja noch Kinder. Und schließlich werden immer noch Kinder geboren. Doch eine Quote von deutlich weniger als 20 Prozent an der Gesamtbevölkerung, das ist ein Signal, das alles andere als beruhigend ist. Statistischen Berechnungen zufolge müsste jede Frau in Deutschland im Laufe ihres Lebens zwei Kinder zur Welt bringen, um die Bevölkerungsstruktur auch nur auf einem gleichbleibenden Niveau zu halten. Doch an diese statistische Vorgabe wird sich ganz sicher nicht jede Frau halten. Auch, weil das Umfeld nicht passt.

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