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16 März, 2011 - 13:03
 

Schreibaby oder Dreimonatskoliken - was steckt dahinter?

Kennen Sie das aus Ihrer Nachbarschaft? Immer abwechselnd zu allen möglichen und unmöglichen Tageszeiten schieben entnervte Erwachsene einen Kinderwagen mit einem brüllenden Säugling durch die Straße. Mal ist es Mama, mal Papa. Wahrscheinlich haben diese Eltern ein sogenanntes Schreibaby. „Aha, Dreimonatskoliken“, denkt sich nun der gut informierte Mann.

© Ilka Burckhardt - Fotolia.com

Die Begriffe „Schreibaby“ und „Dreimonatskoliken“ werden häufig in einem Atemzug genannt. Dabei weiß die moderne Medizin schon längst, dass das unmäßige Geschrei, mit dem immerhin 10 - 20% aller Babys ihre Erzeuger in den Wahnsinn treiben, ein Regulationsproblem ist, das eng mit einer andauernden Reizüberflutung verknüpft ist. Der Anteil der Kinder, die in den ersten drei Monaten exzessiv und dauerhaft schreien, ist seit den 1960er Jahren nahezu konstant.

 

Was machen wir falsch?

Diese Frage stellen sich Eltern von Schreibabys nahezu ständig und versuchen alles Erdenkliche und manchmal auch Unglaubliches, um ihr Baby zum Schweigen zu bringen. Einerseits zerreißt einem das inbrünstige Gebrüll das Herz, andererseits aber auch irgendwann fast den berühmten Geduldsfaden, der direkt nach der Geburt ohnehin recht dünn gesponnen ist. „Ich habe alles probiert“ bekommen frischgebackene Väter oft zu hören, wenn sie abends nach Hause kommen und von einem brüllenden Bündel und einer heulenden Mutter begrüßt werden. Allen Eltern in dieser Situation sei hier als Trost versichert: Sie können nichts dafür. Die Schreianfälle haben Ursachen, die sich nur schwer von außen regulieren lassen. Das wirksamste Mittel, dass die Schreiattacken zwar nicht beseitigen, aber eventuell etwas abmildern kann, ist so viel Ruhe und Gleichmaß im Alltag wie möglich zu schaffen. „Alles“ zu probieren, um das Baby zu beruhigen ist meist eher kontraproduktiv. Ihr schreiendes Baby will in erster Linie gehalten und akzeptiert werden.

 

Ursache der Dreimonatskoliken

Der gesamte Begriff ist fast mythologisch. Zum einen handelt es sich nicht um echte Koliken, denn nur selten handelt es sich um eine wirkliche Verdauungsstörung, zum anderen dauert die Schreiphase zwar häufig, aber längst nicht immer, drei Monate. Manche Babys schreien nur die ersten Lebenswochen, andere das komplette erste Lebensjahr. Klare Ursachen sind trotz mittlerweile 40-jähriger Forschung nicht bekannt. Klar ist nur, dass nur ein sehr geringer Prozentsatz der Babys ein echtes Verdauungsproblem hat. Häufiger entsteht das ständige Schreien durch eine Kombination aus einer nicht vollständig ausgebildeten Schlaf-Wach-Regulation, Reizüberflutung und auch dem Verhalten der Eltern in Bezug auf die Schreiattacken. Die Tatsache, dass die Schreistunden meist in der zweiten Tageshälfte angesiedelt sind, lässt vermuten, dass sich vor allem sensible Kinder irgendwann entlasten müssen. Sie lassen sozusagen „Dampf ab“. Das einzige Mittel, dass ihnen in den ersten Lebensmonaten zur Verfügung steht, ist nun mal lautes Schreien.

Wenn alle medizinischen und organisatorischen Ursachen für die Schreiphasen ausgeschlossen sind, stellt sich eine entscheidende Frage:

 

Wie überlebt man die Schreizeit?

Durch die Dauerbeschallung (manche Babys schreien bis zu 12 Stunden am Tag) kommt man kaum zum Denken und irgendwann ist man soweit, dass man den heiß geliebten Nachwuchs zum Mond wünscht. Ein Schreibaby zehrt an den Nerven und kann sogar die Partnerschaft in Gefahr bringen. Umso wichtiger ist es jetzt, alle Maßnahmen zu ergreifen, die das Baby irgendwie beruhigen und die eigene geistige Gesundheit sichern. Neben viel Ruhe für das Baby und einem möglichst gleichmäßigen Tagesrhythmus können Sie folgendes versuchen:

  • Bei manchen Babys wirkt das Getragen werden Wunder. Versuchen Sie, es so viel wie möglich eng am Körper zu tragen. Oft hat die Schreierei dann ein schlagartiges Ende und Ihr Sprössling schläft oder genießt stillvergnügt Ihre Nähe und die ständige sanfte Bewegung.

  • Achten Sie auf eine beruhigende Umgebung zu Hause. Fernseher und Radio sollten ausgeschaltet sein, der Strassenlärm gedämpft und das Zimmer, in dem sich das Kind beruhigen soll, leicht abgedunkelt.

  • Auch ausgedehnte Touren im Kinderwagen lassen viele Babys verstummen. Suchen Sie sich einen Bekannten oder Verwandten, der Ihr Baby eine Weile herumschiebt. Das verschafft Ihnen und vor allem auch der genervten Mutter einige ruhige Stunden.

  • Verzweifelte Paare nutzen schon mal eine Autofahrt, um das Babys zur Ruhe zu bringen und sich endlich mal wieder ungestört zu unterhalten.

  • Ein Trend aus Amerika sind elektrisch betriebene Babywippen und –schaukeln. Auch hier beruhigen sich viele Babys schnell.

  • Viele Babys reagieren positiv, wenn sie eng in ein Tuch eingewickelt werden, das sogenannte „Pucken“. Das Gefühl des Umschlossenseins kennen sie noch aus dem Mutterleib.

Auch wenn es wichtig ist, dass Ihr Kind manchmal einfach ruhig ist, bedenken Sie, dass es sich mit Schreien abreagiert. In diesem Zusammenhang sei noch einmal erwähnt, dass Sie natürlich niemals ihren vorhandenen Frust am Baby auslassen und es zum Beispiel schütteln dürfen. Das kann schwere bis tödliche Folgen für Ihr Kind haben. Wenn Sie die Geduld verlässt, gehen Sie notfalls einfach für fünf Minuten aus dem Raum, bis Sie selbst sich beruhigt haben.

Hilfe von außen - Sozialpädiatrische Zentren

Wenn nichts hilft, dann gibt es als letzte Möglichkeit für hilfesuchende Eltern noch die sozialpädiatrischen Zentren, umgangssprachlich auch Schreiambulanzen genannt. Hier arbeiten Kinderärzte, Physiotherapeuten und Psychologen zusammen, um Kinder bis zu drei Jahren zu behandeln, die von sogenannten Regulationsstörungen betroffen sind. Bei Bedarf werden auch die Eltern psychologisch beraten. Die Erfolgsquote in solchen Zentren ist gut und rechtzeitig behandelte frühkindliche Regulations- und Beziehungsstörungen haben eine gute Prognose. Fragen Sie Ihren Kinderarzt nach dieser Möglichkeit.

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Redaktion
randomness