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21 März, 2016 - 09:35
 

Eltern und das kindliche Selbstbestimmungsrecht

Neugeborene und Babys sind darauf angewiesen, dass Erwachsene für sie entscheiden. Je größer das Kind wird und je weiter es sich entwickelt, soll und muss es auch eigene Entscheidungen treffen und über sich selbst bestimmen. Doch wie weit geht das kindliche Selbstbestimmungsrecht?

© Robert Kneschke - Fotolia.com

Die Grenze zwischen Selbstbestimmung und Vernachlässigung ist subjektiv und schwer zu ziehen. Denn was die einen Eltern schon für unverantwortlich halten, ist für andere ganz normal und gehört zum Selbstbestimmungsrecht des Kindes. Allgemeingültige Regeln aufzustellen, ist sehr schwierig, denn jedes Kind und jede Situation sind anders.


Wir sind für Dich verantwortlich!

Mit dieser Grundhaltung gehen Eltern an die große Aufgabe, ein Kind von seiner Geburt bis ins Erwachsenenalter zu begleiten. Allerdings vergessen viele Eltern dabei, dass zur erzieherischen Verantwortung auch gehört, das Kind nach und nach über sich selbst bestimmen zu lassen. Und die Eltern, denen diese Verantwortung klar ist, sind oft unsicher, was und wann ein Kind selbst bestimmen darf und wo es wichtig ist, einzugreifen und die eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Eine Faustregel gibt es hier nicht, außer den Grundsatz: Soviel Selbstbestimmung wie möglich, so wenig Einschränkungen wie nötig! Beherzigen Eltern dies, dann stehen die Chancen gut, dass aus ihrem hilflosen Säugling irgendwann ein selbstbestimmter und verantwortlicher Erwachsener wird.


Selbstbestimmung – Was ist das eigentlich?

Der Duden definiert Selbstbestimmung als Eigenständigkeit, Eigenverantwortlichkeit oder auch Unabhängigkeit. In der Psychologie ist Selbstbestimmung die Fähigkeit, über sich selbst zu bestimmen und sich nicht von außen auferlegten Vorschriften und Regeln lenken zu lassen. Generell beginnt die Selbstbestimmung mit der Selbstwahrnehmung. Für Kinder kann die „gesunde“ Selbstbestimmung dann beginnen, wenn sie ein Gefühl der Zugehörigkeit zu ihren Eltern entwickelt haben. Dies unterscheidet die Einräumung des Selbstbestimmungsrechts durch die Eltern ganz klar von der Vernachlässigung.

Haben Kinder das Gefühl, die Eltern würden sich nicht für sie interessieren und fühlen sie sich nicht zugehörig, dann wird oft auch das Ausleben der Selbstbestimmung unterdrückt - aus Angst, das kleine bisschen spürbare Zugehörigkeit zu zerstören. Ähnliches kann passieren, wenn die Eltern auf die wachsende Autonomität des Kindes mit Strafen und Liebesentzug reagieren. Insgesamt führen beide Situationen dazu, dass das Kind auf Selbstbestimmung verzichtet – und damit letztendlich auch darauf, erwachsen zu werden. Im schlimmsten Fall kann das Spannungsfeld zwischen (fehlender) Zugehörigkeit und (versagter) Selbstbestimmung zu psychischen Erkrankungen wie Depression, Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen führen.


Was darf ein Kind in welchem Alter bestimmen?

Welche Entscheidungen ein Kind in welchem Alter treffen darf, ergibt sich in vielen Fällen ganz von selbst, richtet sich aber immer auch nach dem kognitiven und auch physischen Entwicklungsstand des Kindes. Wichtig ist in diesem Zusammenhang zu wissen, dass Kinder, die zu viel mitentscheiden dürfen, häufig überfordert sind und zum Beispiel mit Aggression oder Verweigerung reagieren. Als Richtwerte, welche Rechte man Kinder in welchem Alter einräumen kann, können folgende Tipps dienen:

  • Kinder bis vier sollten keine wichtigen und weitreichenden oder auch keine ausschließenden Entscheidungen wie zum Beispiel die Wahl des Wohnorts treffen und auch nicht unter Fehlentscheidungen leiden müssen. Allerdings dürfen sie entscheiden, was sie anziehen oder essen wollen (oder eben auch nicht), welche Frisur sie tragen wollen oder mit wem sie spielen wollen. Eltern sollten die Entscheidungsfindung immer mit Vorschlägen und Hilfestellungen unterstützen.
  • Kinder bis sechs Jahre kann im kleinen Rahmen auch zugemutet werden, sich falsch zu entscheiden und die Konsequenzen dafür tragen zu müssen. Über Geburtstagswünsche und zeitweilige Aufenthaltsorte – etwa mit Papa zum Einkaufen oder bei Mama zuhause – sollten sie jetzt wenn möglich bereits eigenständig entscheiden.
  • Bis zum Alter von zehn Jahren können Kinder schon in die Zukunft denken und auch komplexere Entscheidungen treffen. Sie können jetzt zum Beispiel schon mitentscheiden, wo der nächste Urlaub hingehen soll oder ob sie vielleicht lieber bei Oma bleiben, während der Rest der Familie in die Berge fährt.
  • Kinder ab zehn Jahren können und sollten mit fortschreitendem Alter immer mehr entscheiden, was sie selbst angeht. Sie können logisch denken und Konsequenzen im Voraus abschätzen. Mit zwölf Jahren steht Kindern von Rechts wegen ein Mitbestimmungsrecht über den Wohnort zu.


Selbstbestimmung muss geübt werden!

Die Mit- und Selbstbestimmung wird uns nicht in die Wiege gelegt, sondern muss geübt werden. Dies geht am besten, wenn Kinder so früh wie möglich und natürlich altersgerecht, eigene Entscheidungen treffen dürfen. Eltern können bei kleineren Kindern eine Vorauswahl treffen und ihrem Kind zum Beispiel entweder die eine oder die andere Möglichkeit anbieten. Diese Möglichkeiten sollten sich anfangs jedoch nicht gegenseitig ausschließen, sondern sollten mehr in der Form erst das eine und dann das andere angeboten werden. Nach und nach wird die Selbstbestimmung für das Kind erweitert. Vergessen sollten Sie dabei nie, dass zusammen mit einem größeren Selbstbestimmungsrecht auch die Verantwortung für das eigene Handeln vergrößert werden muss. Trifft Ihr Kind eigene Entscheidungen, muss es dann auch mit den Konsequenzen einer Fehlentscheidung leben lernen.


Selbstbestimmung bringt Konflikte

Überlassen Eltern ihrem Kind das Recht zur Selbstbestimmung birgt das auch Konflikte. Möchte ein Kind im Winter im Sommerkleid rausgehen, muss dem eine Grenze gesetzt werden. Das kann allerdings vor allem bei kleineren Kindern einen Wutanfall auslösen und führt schließlich zum Frust, da das Kind sich nicht respektiert und in seinem Selbstbestimmungsrecht übermäßig beschränkt fühlt. Von Elternseite ist jetzt Diplomatie angesagt: Richtig ist hier, dem Kind die gewählte Kleidung zu überlassen, ihm aber Vorschläge zu machen, die in die selbst gewünschte Richtung gehen. Im genannten Fall wäre das zum Beispiel eine Strumpfhose unter und eine passende Jacke über das Kleid zu ziehen.
Eltern sollte klar sein, dass der Wunsch nach Selbstbestimmung ganz natürlich ist und meist nichts mit Machtspielen zu tun hat. Das Kind möchte eigene Entscheidungen treffen. Das ist menschlich und gehört zur kindlichen Entwicklung dazu. Um dadurch entstehende Konflikte zu lösen, eignen sich Kompromisse und Begleitung, nicht aber Kämpfe oder Sanktionen.

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de