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24 Juli, 2017 - 10:08
 

Gold-Mario oder Pech-Marie – Das Märchen vom Einzelkind

Verwöhnt, verzogen und unsozial – „Du musst ein Einzelkind sein!“
Mit solchen oder ähnlichen Aussagen werden auch heute noch immer wieder Einzelkinder konfrontiert. Stimmt das wirklich oder gehören diese Vorurteile wirklich ins Reich der Märchen?

© cs-photo - Fotolia.com

Es waren einmal zwei Einzelkinder. Das eine hieß Mario und das andere Marie.

Mario war der ganze Stolz seiner Eltern. Sie hatten beschlossen, dass Mario ihr einziges Kind bleiben sollte, um ihm all ihre Liebe und Fürsorge schenken zu können. Und das taten sie auch. Sie erfüllten ihrem Sohn jeden Wunsch und bezogen ihn in alle ihre familiären Entscheidungen mit ein. Zwar hatte Mario keine Freunde, aber das störte ihn nicht. Die Playstation war immer für ihn da, Bücher gab es zuhauf und auch der Fernseher sorgte für ausreichende Abwechslung. Einen Kindergarten hatte Mario nie besucht – wozu gab es schließlich Kindermädchen? So lebte er unbeschwert bis zum Beginn seiner Schulzeit.
Dort allerdings gefiel es ihm gar nicht gut. Der Kontakt zu anderen Kindern fiel ihm schwer – er galt als arrogant, verzogen und besserwisserisch. Mario konnte sich das nicht erklären. Er war nicht anders als sonst.

Mit Marie meinte es das Schicksal zunächst nicht so gut. Die Eltern hatten sich kurz nach der Geburt getrennt und so lebte das Mädchen zusammen mit ihrem Vater in einer kleinen 2-Raum-Wohnung. Auch Maries Papa liebte seine Tochter abgöttisch, konnte ihr aber, trotz harter Arbeit, nur wenige materielle Wünsche erfüllen. Das Geld war knapp, ebenso wie seine Zeit für das Kind. Deshalb besuchte Marie schon sehr früh den Kindergarten. Im Gegensatz zu Mario war sie dort allerdings von vielen Freunden umgeben, mit denen sie lachen, streiten und träumen konnte. Auch später, in der Schule, war Marie allseits beliebt und gehörte zu den Besten ihrer Klasse.

Mario und Marie. Wer von den beiden ist denn nun das typische Einzelkind? Oder liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen? Gibt es das typische Einzelkind überhaupt?

 

Zahlen und Fakten

Aufgrund der stetig sinkenden Geburtenrate in Deutschland ist bereits jedes dritte Kind ein Einzelkind. Meist sind es wirtschaftliche Erwägungen der Eltern, welche sie von weiterem Nachwuchs abhalten.
Kinder sind leider sehr teuer. So nennt das Statistische Bundesamt eine Zahl von 120.000 Euro, die ein Kind seine Eltern von der Geburt bis zur Volljährigkeit kostet – die Ausbildungskosten bis zur völligen Selbstständigkeit sind dabei noch nicht einmal eingerechnet.
Natürlich spielen auch die Zukunftsängste der Eltern eine wesentliche Rolle. Das Gespenst der (drohenden) Arbeitslosigkeit ist allgegenwärtig und so entscheiden sich immer mehr Eltern für nur ein Kind, um diesem auch in Zukunft etwas bieten zu können.

Ein weiterer, wichtiger Punkt ist die Berufsplanung. Natürlich möchten auch viele Frauen Karriere machen – allerdings bedeutet ein Kind auch immer einen Karriereknick. Mit nur einem Kind lässt es sich einfach viel besser planen und organisieren als mit weiteren Geschwisterkindern.
Auch das Thema „Zeit“ hat mit einer Einzelkind-Entscheidung zu tun. Gerade in der heutigen Gesellschaft ist die Zeit zum Luxusgut geworden und viele berufstätige Eltern wollen daher ihre knapp bemessene Freizeit lieber nur einem Kind widmen.

 

Wahrheit oder Märchen?

Was aber ist nun dran an den vielen Vorurteilen gegenüber Einzelkindern? Entsprechen sie der Wahrheit oder sind es tatsächlich nur Märchen?
Mit Hilfe von wissenschaftlichen Untersuchungen soll an dieser Stelle etwas Licht ins Dunkel gebracht werden.

 

Einzelkinder können nicht teilen

Doch, das können sie - sie müssen es nur lernen, wie alle anderen Kinder auch. In einigen wissenschaftlichen Studien konnte zwar nachgewiesen werden, dass manche Einzelkinder, im Vergleich zu Geschwisterkindern, zu Beginn der Kindergartenzeit tatsächlich einige Probleme mit dem Teilen hatten. Dieses Defizit konnten sie jedoch, nach relativ kurzer Zeit, durch regelmäßiges „Training“ mit anderen Kindern wieder wettmachen.

 

Einzelkinder können nicht mit anderen

Das ist falsch. Viele Studien kommen zu dem gleichen Ergebnis:
Einzelkinder kommen gleich gut mit anderen Kindern klar wie Geschwisterkinder. Sie haben ebenso viele Freunde und weisen gleich hohe soziale Kompetenzen auf. Darüber hinaus besitzen sie genauso viel Feingefühl wie Kinder mit Geschwistern und verhalten sich auch in Gruppen nicht aggressiver.

 

Einzelkinder sind  altklug

Viele Einzelkinder wirken auf den ersten Blick tatsächlich etwas altklug, denn meist wissen sie viel, weil sie häufig über Lerngelegenheiten verfügen, die Geschwisterkinder in dieser Form nicht haben. Auch die Tatsache, dass sich Einzelkinder zunächst zwangsläufig mehr an ihren Eltern ausrichten als Kinder mit Geschwistern, verstärkt diesen Eindruck.
Wenn sie jedoch von Anfang an regelmäßigen Kontakt zu anderen Kindern haben, sind sie von Geschwisterkindern kaum zu unterscheiden.

 

Einzelkinder sind  selbstsüchtig

Auch dieses Vorurteil gehört ins Reich der Märchen. Amerikanische Wissenschaftler haben in einer Studie aus den 90er Jahren herausgefunden, dass die meisten Einzelkinder kein übersteigertes Selbstwertgefühl haben. So schätzen sie ihre Persönlichkeit nicht höher als andere ein und kritisieren ihr Äußeres sogar häufiger als Geschwisterkinder. Im Vergleich zu Altersgenossen aus Familien mit mehreren Kindern nehmen sie sich sogar als weniger beliebt wahr. Zumindest in Deutschland sind Einzelkinder unter Gleichaltrigen aber ebenso beliebt wie Kinder mit Geschwistern.

 

Einzelkinder sind erfolgreicher in Schule und Beruf

Kaum zu glauben, aber wahr – dieses Klischee von Einzelkindern scheint sich tatsächlich zu bewahrheiten. Vielfach haben Einzelkinder eine höhere Leistungsmotivation, was oft in einer besseren Schul- und Berufslaufbahn gipfelt. Die Tatsache, dass viele Einzelkind-Eltern ihre Aufmerksamkeit allein auf ein Kind konzentrieren können und entsprechend höhere Leistungserwartungen haben, trägt auch dazu bei, dass Einzelkinder meist erfolgreicher in der Schule sind. Dazu kommt, dass diese Kinder schon früh lernen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, weil sie nicht permanent einen Spielgefährten zur Verfügung haben. So lesen, basteln und musizieren sie mehr als Geschwisterkinder, wovon sie später in der Schule profitieren.

 

Fazit

Das "typische" verwöhnte und verzogene Einzelkind gibt es nicht.
Letztendlich können diese negativen Eigenschaften bei allen Kindern auftreten, allerdings nur, wenn die Eltern bei der Erziehung gravierende Fehler machen.

Eltern eines Einzelkindes sollten deshalb folgende Ratschläge beherzigen:

Verhindern Sie unbedingt eine zu starke Fixierung ihres Kindes auf Sie als Eltern. Das ist möglich, indem Sie die  Freizeitaktivitäten  Ihres Stammhalters mit anderen Kindern, vor allem mit Gleichaltrigen, fördern. Ob auf dem Spielplatz, bei gemeinsamen Ausflügen oder beim Sport – Gelegenheiten gibt es mehr  als genug. In diesem Zusammenhang sollten Sie auch unbedingt darauf achten, die Freunde Ihres Kindes gleichberechtigt zu behandeln.

Wichtig ist auch, dass Sie Ihr Kind, innerhalb der Familie, nicht zu sehr in den Mittelpunkt stellen. Auch Ihr Sprössling muss verstehen lernen, sich in die Familie einzufügen – mit all seinen Rechten, aber auch mit den damit verbundenen Pflichten.

Das Fördern der sozialen Kompetenz ist gerade für Einzelkind-Eltern eine besondere Aufgabe. Der Respekt gegenüber anderen Kindern sollte genauso selbstverständlich sein wie Toleranz, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft. Auch das friedliche Lösen von Konflikten gehört dazu. Gehen Sie deshalb bitte innerhalb Ihrer Familie mit gutem Beispiel voran.

 

Zu guter Letzt bleibt nur noch eines zu sagen:

Der Erziehungsstil der Eltern ist das A und O der kindlichen Entwicklung – egal, ob es sich um ein Einzel-oder Geschwisterkind handelt. Im Falle des Einzelkindes ist es wichtig, mögliche Nachteile, so gut es geht, wettzumachen und die Vorteile optimal zu nutzen.
Dann steht einer „märchenhaften“ Entwicklung Ihres einzigen Kindes nichts im Wege.

 

Ende gut ... ?

Und was ist nun aus Mario und Marie geworden?
Die Beiden lernten sich irgendwann auf der Uni kennen und verstanden sich auf Anhieb prächtig. Aus Freundschaft wurde Liebe und sie zogen zusammen. Auch sie wollten nur ein Kind - wirtschaftliche Überlegungen spielten hier eine entscheidende Rolle. Bald darauf wurde Marie schwanger und sie bekamen... Zwillinge! (Das sie diese dann Hänsel und Gretel nannten ist übrigens nur ein Gerücht.) Aber das ist nun auch wieder eine ganz andere Geschichte.

Tja, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de