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20 Februar, 2016 - 11:24
 

Nachmittagsprogramm im Fernsehen - das normale Leben?

Die Älteren werden sich erinnern an die Zeiten, als es nur drei Fernsehprogramme gab, an den Sendeschluss und eine Programmauswahl, die mehr als übersichtlich war. Für die ganz Kleinen sieht die Wirklichkeit vollständig anders aus. Fernsehen gibt es immer, egal, wann man die „Kiste“ einschaltet. Und drei Programme sind für die Kinder 2.0 absolut undenkbar. Was aber bedeutet das Fernsehen für Kinder? Ist das Nachmittagsprogramm wirklich kindgerecht, wie viele Sender gern von sich behaupten? Man muss einen ganzheitlichen Blick auf die Thematik werfen.

© photophonie - Fotolia.com

Die Sesamstraße gilt als pädagogisch wertvoll. Die Sendung mit der Maus sowieso. Bei den Teletubbies scheiden sich bereits die Geister. Wickie hat Kultstatus und Comic-Helden sind bei Kindern extrem beliebt. Fernsehen gehört zwar in gewisser Hinsicht zum Leben von Kindern dazu (die allerwenigsten wachsen komplett fernseh-frei auf), doch natürlich steht die Frage im Raum, was in welchen Dosen geguckt werden sollte. Das Nachmittagsprogramm bietet sowohl bei den öffentlichen als auch -und ganz besonders- bei den privaten Sendern eine Vielzahl von TV-Formaten. Einige davon sind mehr als bedenklich. Hinzu kommt die Werbung, durch die Sendungen immer wieder unterbrochen werden. Wenn die Welt von Kindern von Fernsehbildern bestimmt und als Realität wahrgenommen wird, ist irgendetwas schief gelaufen.


Ist Ihr Kind noch ganz bei sich?

Die Frage klingt provokant und ist auch so gemeint. Denn wenn Kinder viel fernsehen, verändert sich die Wahrnehmung. Die Tatsache, dass es bereits vor vielen Jahren eine Untersuchung gab, die gravierende Erkenntnisse zur Folge hatte, stützt diese Behauptung. Damals wurden Stadtkinder nach Natur und Tierwelt befragt. Dabei gaben viele Kids des befragten Nachwuchses an, dass Kühe lila sein müssten. So hatten sie das im Fernsehen gesehen, eine echte Kuh dagegen hatten die Kinder noch nie zu Gesicht bekommen. Das Fernsehen wurde also quasi zur Wirklichkeit bzw. spiegelte sie wider. Die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion ist bei Kindern die größte Herausforderung, wenn es um den Fernsehkonsum geht. Wenn Ihr Kind sich in der Scheinwelt des TV-Gerätes „wahrer“ fühlt als im wirklichen Leben, dann ist es nicht mehr „bei sich“, sondern auf einer Ebene, die gefährlich für die Entwicklung insgesamt ist.


Schlüsselfragen, wenn Ihr Kind vor dem Fernseher sitzt

Das Nachmittagsprogramm in den privaten und teilweise in den öffentlichen Sendern verdient es, sehr genau unter die Lupe genommen zu werden. Dabei ist es wichtig, mit dem Nachwuchs zu sprechen, auch wenn „nur“ die Biene Maja läuft, Pumuckl sein Unwesen treibt oder Jim Knopf seine Abenteuer besteht. Es geht darum, mit Kindern über das Gesehene zu sprechen, ein Gespür dafür zu entwickeln, wann die Wahrnehmung der Kinder Gefahr läuft, sich in eine Richtung zu entwickeln, die sich von der Realität verabschiedet. Die drei entscheidenden Fragen für Eltern lauten:

  • Was sehen Kinder im Fernsehen?
  • Wie oft sehen Kinder fern?
  • Mit wem sitzen sie vor dem Fernseher?

Sie können auf diese drei Fragen ganz gezielten Einfluss nehmen, sie liegen also nicht außerhalb Ihrer Möglichkeiten. So können Sie beeinflussen, was sich Ihr Kind ansieht, Sie können Regeln und feste Zeiten entwickeln und beobachten, mit wem Ihr Kind fernsieht. Das erlaubt zahlreiche Interventionsmöglichkeiten. Wirklich schwer wird es jedoch, wenn Ihr Kind schon älter ist und womöglich hin und wieder oder sogar regelmäßig alleine zuhause ist. Dann helfen Ihnen die drei Fragen wenig.


Die „Berliner WG“ bei Ihnen zuhause!

Das moderne Leben bringt es oft genug mit sich, dass Sie arbeiten und Ihre Kinder zumindest eine gewisse Zeit alleine sind. Oft werden auch Fernseher in Kinderzimmern aufgestellt, damit der Familienfrieden nicht gestört wird. Was die Kinder und Jugendlichen dann im TV sehen, ist Eltern oft nicht klar. Da wird Beziehungsstress in einer sogenannten Doku-Soap über eine WG in Berlin ausgefochten, Fernsehrichter sprechen Urteile in Familienangelegenheiten, die von lauten Laiendarstellern nachgespielt werden. Und in einer Sendung über Mallorca-Urlauber geht es um Eifersucht, Untreue, neue Liebe und Trennungen per SMS. Es wirkt übrigens gerade die Tatsache, dass es meist Laiendarsteller sind, die „das wahre Leben“ darstellen. Sie erscheinen Kindern und Jugendlichen authentischer als professionelle Schauspieler, das im Grunde nur nachgespielte Leben wird als wahrhaftig empfunden. Die Folgen sind im Übrigen bei kleineren Kindern mit dem „passenden“ Kinderprogramm genauso gravierend wie bei Heranwachsenden, die sich WGs, Fernsehrichter oder Mallorca-Urlauber ansehen.

Jungendliche nehmen dies als „echtes Leben“ wahr. Gerade bei sogenannten „Scripted-Reality“-Programmen (diese sehen aus wie eine Reportage, sind aber nach Drehbuch geschauspielert) realisieren sie oft nicht, dass alles gestellt ist und orientieren sich an diesen Programmen. Wollen Sie wirklich, dass Ihr Kind sein Diskussionsverhalten auch aus diesen Sendungen lernt? Dann sprechen Sie mit ihm.


Ab 6 Monaten vor der Glotze

Wenn man sich vergegenwärtigt, dass Kinder immer früher mit dem Fernsehen beginnen, kann es kaum verwundern, dass dies Folgen hat. In den USA gibt es bereits Fernsehkanäle, die speziell auf Kinder ab 6 Monate zugeschnitten sind. Was das für die Entwicklung des Realitätsbezugs bedeutet, muss kaum weiter erläutert werden. Doch die Konsequenzen des Fernsehens sind auch ganz konkret greifbar.

  • Je nach Intensität des Fernsehkonsums wirkt sich das auch auf die körperliche Entwicklung und die Feinmotorik des Kindes aus.
  • Aufmerksamkeit und die Fähigkeit des Lernens werden durch das Fernsehen eingeschränkt, weil es ein rein passives Verhalten ist.
  • Die Sprachentwicklung leidet. Selbst wenn Gesprochenes gehört und wahrgenommen wird, wird die eigene Sprachfähigkeit dabei nicht gefördert.

Genauso entscheidend sind jedoch die sozial-emotionalen Gesichtspunkte. Fernsehen kann zu Angst und Verunsicherung führen. Es beeinflusst das Sozialverhalten und kann bis zum völligen Rückzug reichen. Auch Gewaltbereitschaft kann nicht ausgeschlossen werden. All das führt dazu, dass das Fernsehen im schlimmsten Fall als das ganz normale Leben wahrgenommen wird. Lila Kühe sind da noch die harmloseste Variante.

 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de