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13 Juni, 2016 - 08:43
 

Nacktsein und das kindliche Schamgefühl

In den ersten Lebensjahren ist Scham Kindern fremd. Sie sind selbst am liebsten nackt und stören sich auch nicht an der Nacktheit anderer. Irgendwann wird dem Kind seine Nacktheit bewusst. Damit und durch den Einfluss der Eltern entsteht das Schamgefühl.

© dimedrol68 - Fotolia.com

Ist Nacktheit zuhause normal und natürlich, dann wird sich auch das Schamgefühl des Kindes erst spät und nicht besonders heftig ausprägen. Gilt Nacktheit dagegen als tabu und irgendwie als unanständig, dann wird das Kind sich bald verstecken. Denn es lernt: Mit meinem Körper stimmt etwas nicht.


Erziehung zur Scham

Kleinkinder sind völlig unbefangen, was ihren Körper und alles was damit zu tun hat, angeht. Sie laufen nackt umher, entleeren sich vor versammelter Mannschaft und machen sich selbst Lust, wann immer ihnen danach ist. Etwa im Vorschulalter ändert sich dieses Verhalten, in erster Linie durch Nachahmung und durch Ermahnungen und Erklärungen der Eltern, dass Nacktsein nicht immer erwünscht ist. Es lernt, dass es die Toilettentür schließen muss und dass es nicht an seinen Geschlechtsteilen spielen soll, wenn jemand zusieht. Nun ist es soweit, das Schamgefühl entwickelt sich – je nachdem wie viel Druck von außen ausgeübt wird, mehr oder weniger stark. Bis zur Pubertät kann dieses Gefühl sich hin zu nahezu absurden Formen verstärken.


Warum Nacktsein nicht erwünscht ist

In unserer Gesellschaft gibt es sehr klar definierte Orte, an denen sich Menschen nackt aufhalten dürfen. In der Sauna, am FKK-Strand, in den eigenen vier Wänden. Außerhalb dieser Bereiche kann Nacktsein sogar als sittenwidrig bestraft werden. Warum ist das eigentlich so? In unserer Gesellschaft ist Nacktheit sehr stark mit Sexualität verbunden, und diese gehört in unserem gesellschaftlichen Konsens nicht in die Öffentlichkeit. Aus diesem Verständnis von Nacktheit entwickelt sich ein Schamgefühl, das wir an unsere Kinder weitergeben.


Wie viel Nacktheit ist erlaubt?

Dürfen Töchter mit Papa in die Badewanne? Ist Nackt schlafen erlaubt? Darf man vor seinen Kindern nackt in der Wohnung herumlaufen? All diese Fragen stellt man sich als verunsicherte Eltern. Die Antwort lautet in allen Fällen: Aber natürlich! Nacktheit und Nacktsein ist nichts Unnormales oder Unanständiges. Je natürlicher und unbefangener innerhalb der Familie mit dem Nacktsein umgegangen wird, umso natürlicher wird auch das Verhältnis, das ein Kind zu seinem eigenen Körper entwickelt. Es kann seinen Körper kennen lernen und mit diesem wunderbaren Instrument virtuos umgehen. Der sexuelle Grundgedanke, der für uns Erwachsene mit der Nacktheit untrennbar verbunden ist, ist Kindern fremd. Sie nehmen Nacktsein – zumindest zuhause – als etwas Selbstverständliches an, wenn auch die Eltern es tun. Viele Eltern unterschätzen ihre Kinder und reglementieren und belehren sie stark, was die Einhaltung der gesellschaftlich geforderten Schamgrenzen angeht. Dabei sind unsere Kinder schlau genug, um früh zu erkennen, dass man in der Öffentlichkeit eben nicht nackt herumläuft. Sie passen sich an und werden schon im Vorschulalter darauf bestehen, sich anzuziehen, wenn sie das Haus verlassen oder wenn Besuch kommt. Der große Vorteil, wenn Kinder die Grenzen der Nacktheit selbst entdecken ist, dass im Unterbewusstsein keine moralischen Beschränktheiten oder Verklemmungen verankert sind. In der Öffentlichkeit ist man nicht nackt, das ist ein Fakt, den Kinder recht schnell lernen und akzeptieren.


In der Pubertät werden viele Kinder verschämter

Die Pubertät verändert den Körper eines Kindes – das Schamhaar wächst und auch die Geschlechtsteile entwickeln sich. Viele Kinder, die bisher selbstverständlich mit ihrer Nacktheit umgegangen sind, werden nun schüchterner. Sie möchten sich nun auch nicht mehr vor den Eltern nackt zeigen und bestehen auf mehr Privatsphäre. Diesen Wunsch sollten Eltern unbedingt respektieren. Geben Sie Ihrem Kind den Raum, den es braucht und gehen auch Sie etwas zurückhaltender mit der eigenen Nacktheit vor dem Kind um, wenn es sich dabei unwohl fühlt.


Schamgefühle sind Entwicklungssignale

Zusammenfassend: Kinder wollen dazugehören und sich in die Familie einfinden. Sie erfahren Regeln und Grenzen und entwickeln in bestimmten Situationen autonome Gefühle – darunter auch das Schamgefühl. Wann immer ein Kind Scham zeigt und das gilt bei weitem nicht nur, wenn es ums Ausziehen und um Nacktheit geht (zum Beispiel beim Arztbesuch), sollten Sie Verständnis dafür aufbringen. Es hat die Scham von Ihnen gelernt, also sind auch Sie in der Verantwortung, diesen Lern- und Entwicklungsprozess zu achten. Sätze wie „Jetzt stell Dich doch nicht so an!“ sind unangebracht und respektlos und wirken für das Kind wie eine Ablehnung seiner selbst. Es entwickelt eine weitere Art von Scham: Nämlich davor, eigene Bedürfnisse zu spüren oder mitzuteilen.
 

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de