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10 Oktober, 2017 - 21:44
 

Fazit eines späten Vaters: War es richtig so?

Seit Jahren wird in westlichen Gesellschaften die Familiengründung immer weiter nach hinten geschoben. Während es für Frauen die berühmte „biologische Uhr“ gibt, existiert so etwas für Männer nicht. Ein Mann, der mit Ende 40 erstmals Vater wurde, erzählt, wie es dazu kam und zieht ein persönliches Fazit über die Vor- und Nachteile seiner späten Elternschaft.

© Galina Barskaya - Fotolia.com

Ja, ich bin mit Ende 40 zum ersten Mal Vater geworden – und das lag nicht daran, dass ich Kinder nicht mochte, absolut nicht. Als Teenager leitete ich eine Jugendgruppe und organisierte auch Ferienlager mit. Grund für meine lange Kinderlosigkeit war wohl eher, dass ich mir sehr bewusst war, wie schwierig die Beziehungen zwischen Mann und Frau oft sind.
Als ich sieben Jahre alt war, ließen sich meine Eltern scheiden. Ich wuchs bei meiner Mutter auf und hatte wenig von meinem Vater, den wir nur ein Wochenende im Monat sahen. So eine Beziehung wie mein Vater wollte ich zu eigenen Kindern nie haben. Der „männliche Einfluss“ fehlte mir in der Pubertät – bis ich mich selbst als Mann fand, dauerte sehr lange und machte mich nicht wirklich attraktiv für das andere Geschlecht.
Meine jetzige Frau lernte ich mit Mitte 30 kennen. Kinder waren zwischen uns damals kein Thema – sie hatte gerade eine unschöne Trennung hinter sich, schloss ihr Studium ab und stieg ins Berufsleben ein. Als wir uns nach einigen Jahren für Kinder entschieden, war meine Frau Mitte Dreißig, ich Anfang Vierzig. Bis unsere Tochter Lilly geboren wurde, dauerte es dann länger als erhofft – ein paar weitere Jahre zogen ins Land.


Vater mit 47 Jahren? Ist das nicht zu spät?

Bevor wir uns für ein Kind entschieden, machten meine Frau und ich uns eine Menge Gedanken. Erst einmal mussten wir uns darüber klarwerden, ob unsere Beziehung von Dauer sein würde. Dies war für uns beide die wichtigste Voraussetzung für ein Kind. Nach fünf Jahren zusammen waren wir hinreichend zuversichtlich, dass es mit uns passen würde.
Ich persönlich musste mir vor allem darüber klarwerden, ob ich mir die Rolle als später Vater auch zutraue. Mir war sehr bewusst, dass ich um die 60 Jahre alt sein würde, wenn mein Kind sich für das andere Geschlecht zu interessieren beginnt. Wäre ich dann noch passendes Vorbild oder „Sparringspartner“? Wie fit würde ich dann noch sein – körperlich und geistig? Schließlich wollte ich von meinem Kind als Vater und nicht als Opa wahrgenommen werden.
Ich muss zugeben, dass ich etwas erleichtert war, als der Ultraschall ergab, dass wir eine Tochter bekommen würden. So würde ich während der Pubertät voraussichtlich keine körperlichen Kämpfe um die Rangordnung in der Familie ausfechten müssen.


Ein Baby mit Ende 40. Leben als später Vater mit allen Vor- und Nachteilen

Als meine Frau schließlich eine gesunde Tochter auf die Welt brachte, veränderte sich unser Leben von Grund auf wie bei allen frischgebackenen Eltern, ganz gleich in welchem Alter sie sein mögen. Ein paar Punkte, die eher für späte Eltern typisch sind, sind uns bei uns selbst jedoch aufgefallen.
So sehr man sich im Vorfeld auch Gedanken über das Leben mit Kind macht, zwei Dinge kann man als kinderloser Mensch nicht richtig einschätzen: wie groß die Liebe zum eigenen Kind sein wird und wie viel Arbeit so ein Kind macht. Die Liebe zum Kind wird bei allen Eltern gleich sein – ob sie nun jung oder alt sind – die Arbeit, die das Kind macht, ebenfalls. Allerdings hätte man als später Vater und Mutter gerne die Kraft und vor allem die Regenerationsfähigkeit, die man noch als Zwanzigjähriger hatte. Damals war es kein Problem, einmal eine Nacht „durchzumachen“. Mit zunehmendem Alter fällt das merklich schwerer. Der Mangel an Schlaf ist nicht mehr so einfach aufzuwiegen. So sehr ein Baby junge Eltern physisch beansprucht – späte Eltern stecken diese Anstrengungen noch schwerer weg.

Auf der anderen Seite sind meine Frau und ich wie viele ältere Ehepaare finanziell besser abgesichert, als wir das als junge Erwachsene waren. So konnten wir uns den Luxus gönnen, die Elternzeit über den vom Staat geförderten Zeitraum hinaus zu verlängern. Auch jetzt arbeiten wir beide nicht Vollzeit. So haben wir die Möglichkeit, mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen. In unseren Zwanzigern hätten wir wahrscheinlich die berufliche Entwicklung nicht so deutlich zurückgestellt…  

Überhaupt stellt unser Kind den absoluten Mittelpunkt unseres Lebens dar – wie wohl bei fast allen Eltern. Ich glaube jedoch nicht, dass ich als junger Erwachsener persönlich schon bereit für ein Kind gewesen wäre. Bereit, die nötigen Opfer zu bringen – und das gerne. Wahrscheinlich hätte ich gedacht, noch nicht genug erlebt zu haben und hätte Angst gehabt, etwas verpasst zu haben. Nun bin ich mit meinem Leben im Allgemeinen zufrieden – auch, wenn wilde Wochenenden oder aufregende Urlaube wohl der Vergangenheit angehören. Aber ich habe weniger Verlangen danach als früher und kann die Zeit mit Kind genießen, ganz ohne Bedauern.

Wie schon erwähnt bin ich ziemlich sicher, dass unsere Partnerschaft auf solidem Boden steht und Bestand haben wird. Die Tatsache, dass wir die ersten zwei Lebensjahre unserer Tochter (und die zwangsläufig auftretenden Meinungsverschiedenheiten unter erschwerten Bedingungen – Schlafentzug, manchmal ein schreiendes Kind) gut überstanden haben, macht mich sehr zuversichtlich. Der Gedanke an eine Trennung wäre für mich der Horror – speziell auch unserer Tochter wegen. Die Statistik spricht für uns – späte Partnerschaften halten im Durchschnitt länger.

Was die Kindererziehung betrifft, gehen wir das sicher anders an als es in jungen Jahren der Fall gewesen wäre. Wir machen uns viele Gedanken, planen einiges, lesen viel. Wir sind in uns sehr gefestigt und lassen uns von den Meinungen Dritter nicht leicht verunsichern. Wir haben unser Kind, das sich in seiner eigenen Geschwindigkeit entwickelt – in einigen Punkten schneller, in anderen Punkten langsamer als die Kinder anderer Eltern. Und das ist okay so – solange die Kinderärztin nicht der Meinung ist, dass ein deutliches Defizit besteht.


Frühe Elternschaft hat einige unbestreitbare Vorteile

Im Gegensatz zu mir wurde mein bester Freund vergleichsweise jung Vater – das erste Mal mit 27 und damals ungeplant. Er musste sich deutlich mehr um seine Karriere kümmern und hatte so weniger Zeit für seine Kinder. Seine Frau ist für die Kids ganz aus dem Berufsleben ausgeschieden. Bei ihnen hat sich auch alles sehr gut entwickelt – Familie und auch Beruf. Die Kinder sind inzwischen Teenager und die Eltern machen mit ihnen schöne Fernreisen, die sie alle genießen. Auch ist es absehbar, dass die Kinder meines Freundes irgendwann „aus dem Haus sind“ – und dann haben er und seine Frau noch viel Zeit, die Welt gemeinsam zu erkunden.

Späte Elternschaft hat eben auch ihre Nachteile – wie fit werde ich noch sein, wenn unsere Tochter eigene Wege geht? Werde ich mögliche Enkelkinder noch kennenlernen und, wenn ja, noch etwas mit ihnen unternehmen können? Meine eigene Mutter hat ihre Enkeltochter nicht mehr kennengelernt – sie starb acht Monate vor Lillys Geburt. Mein Vater ist 80 Jahre alt und körperlich so eingeschränkt, dass er sich zwar sehr über sie freute, aber kaum mehr mit ihr spielen kann.  
Wie bei vielen späten Eltern ist bei uns ein zweites Kind keine Selbstverständlichkeit. Lilly zeigt uns regelmäßig unsere körperlichen Grenzen auf, ein nennenswertes Sexleben hatten wir Eltern zeitweise kaum noch. Und die biologische Uhr tickt bei meiner Frau, die inzwischen 40 ist. Lange können wir uns für die Entscheidung keine Zeit mehr nehmen…


Mein persönliches Fazit als später Vater

Letztlich sind meine Frau und ich uns sicher, dass wir für uns alles richtig gemacht haben. Schließlich haben wir unser Kind bekommen – und ein tolles Kind dazu. Bei zahlreichen Paaren klappt es ja nicht mehr mit der späten Elternschaft. Wir haben uns spät kennengelernt, waren zuvor nicht bereit. Für uns war die späte Elternschaft der einzig gangbare Weg und wir freuen uns an dem, was wir haben. Allerdings sehen wir auch die Vorteile früher Elternschaft. Unsere Tochter Lilly wird in einigen Punkten von ihren „alten Eltern“ profitieren – eine gewisse Gelassenheit, eine gewisse finanzielle Sicherheit. Ich weiß aber auch nicht, wie lange ich für sie werde da sein können. Alles im Leben hat eben seine zwei Seiten …

Am Ende muss jeder für sich entscheiden, welcher Zeitpunkt für ihn passt. Ganz sicher wird man sich vorher nie sein – und die Zeit wird zeigen, ob die Entscheidung richtig war.

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Autor

Redaktion Vaterfreuden.de
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